Allergische Rhinits

Privatdozentin Dr. med. habil. Kirsten Jung, Präsidentin des Ärzteverbands Deutscher Allergologen (AeDA) e.V.

Allergische Rhinitis: Warum werden deutsche Patienten nicht adäquat versorgt?

Was kann der Patient tun, wenn er wissen will, ob eine SIT für ihn in Frage kommt?

Hier ist der "mündige" Patient gefragt, der sein Gesundheitsmanagement selbst verantwortlich in die Hand nimmt und alles tut, um sich darüber zu informieren, welche Therapien es gibt und was für ihn in Frage käme. Er muss hartnäckig am Ball bleiben. Deshalb machen wir uns auch auf Seiten des  Ärzteverbands Deutscher Allergologen für das Thema Patienteninformation und Wahrnehmung des Themas Allergie stark.  

Bei der Suche nach einem Arzt können die Patienten bei den regionalen Kassenärztlichen Vereinigungen oder Landesärztekammern erfragen, wo ein Allergologe in ihrer Nähe praktiziert und sich dort vorstellen.

Wie sieht die Versorgung von Patienten aus, die an einer Nahrungsmittelallergie oder an einer allergischen Hauterkrankung leiden? Lieferte die Wasem-Studie hierzu auch Erkenntnisse?

Nein, die Wasem-Studie hat die Behandlungsdaten zu den Diagnosen einer Inhalationsallergie wie Allergische Rhinokonjunktivitis und Allergischem Asthma erhoben. Leider ist die Nahrungsmittelallergie im ICD-10 (International Code of Diseases) nicht mit einer einzigen Verschlüsselungsnummer kodiert und somit sind Behandlungsdaten für gesetzlich Versicherte hierzu schwieriger zu erheben. Da Nahrungsmittelallergien bei Erwachsenen mit einer Pollenallergie in den meisten Fällen assoziiert sind, kann man jedoch auch von deren Zunahme ausgehen. Allergische Hauterkrankungen standen ebenfalls nicht im Fokus der Wasem-Studie.

Der Fokus der deutschen Gesundheitspolitik lag in den letzten Jahrzehnten mehr auf der Ausgabenbegrenzung als auf der Prävention. Ist dies auch ein Grund für die aktuelle Situation in der Allergieversorgung?

Ihre Frage könnte man bejahen. Die anhaltende Ausgabenbegrenzung führt im ärztlichen Sektor zu immer rascheren Verfallsdaten des Einheitlichen Bewertungsmaßstabes  EBM, nach dem Leistungen vergütet werden. Im Jahr 2008 hat zusätzlich ein neues Geldverteilungsregelwerk der Allergologie die betriebswirtschaftliche Basis im ambulanten Sektor entzogen, so dass "Allergie" als Behandlungsschlüssel bzw. auch als diagnostische Abrechnungsziffer immer seltener angewandt wird – das ist eine erschreckende Entwicklung!

Die Konsequenz: Die Anzahl der Praxen, die Patienten mit Allergischer Rhinitis und Allergischem Asthma betreuen, ist im Untersuchungszeitraum der Studie, d.h. in nur vier Jahren,  um 27 Prozent gesunken. Konkret heißt dies, es gibt Praxen, die aus der Versorgung von Allergiepatienten gänzlich ausgestiegen sind, und dies gilt für alle Fachgebiete. Damit einher geht, dass der Einsatz von Allergiediagnostikziffern in diesem Zeitraum um bis zu 15 Prozent zurückgegangen ist und in Folge auch die Spezifische Immuntherapie (SIT).

Im stationären Sektor verhält es sich nicht anders. Obwohl die Allergologie mit der spezifischen Immuntherapie über ein sehr gutes Mittel zur Sekundärprävention von Asthma bronchiale verfügt (NNT=4, d.h. vier Patienten müssen behandelt werden, um bei einem Patienten Asthma zu verhindern), wird diese zu wenig angewendet. Im Rahmen von Präventionsprogrammen wird sie nicht wahrgenommen.

Sie haben sich mit anderen Fachgesellschaften und Berufsverbänden zum Aktionsforum Allergologie zusammengeschlossen. Was fordern Sie von der Politik?

Zusammen fordern wir durch das Aktionsforum  Allergologie die Wahrnehmung der Allergie als Volkskrankheit, die vor allem Kinder und Leistungsträger unserer Gesellschaft betrifft, und deren direkten und indirekten Kosten für die Volkswirtschaft neben der individuellen Lebensbenachteiligung des Allergikers.

Um eine Verbesserung der Versorgung der Allergiker zu erreichen, müssen gemeinsame Anstrengungen im Rahmen eines Nationalen Allergie-Planes gebündelt werden. Es beginnt mit der Aufklärung der Erkrankten für ihre Allergie und möglichen Folgen, der Aufklärung der gesamten Gesellschaft, um Allergene im täglichen Leben und Ernährung zu meiden und den Umgang mit Allergikern zu erlernen.

Eine Qualifizierung von Ärzten im Studium und in der Facharztausbildung auf dem Gebiet der Allergologie bis hin zur Bereitstellung von umfangreicheren finanziellen Ressourcen zur medizinischen Versorgung und Prävention ist weiterhin erforderlich, neben der Unterstützung der allergologischen Forschung. Seit mehr als zehn Jahren bemüht sich der AeDA an verschiedensten Stellen der gesundheitspolitischen Selbstverwaltung und in verschiedenen Ministerien (Gesundheit, Umwelt, Landwirtschaft, Bildung, Wissenschaft) um die Wahrnehmung des sich zuspitzenden Problems.

Frau Privatdozentin Jung, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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