Allergische Rhinits

Privatdozentin Dr. med. habil. Kirsten Jung, Präsidentin des Ärzteverbands Deutscher Allergologen (AeDA) e.V.

Allergische Rhinitis: Warum werden deutsche Patienten nicht adäquat versorgt?

Wie kommt es, dass dieses Problem nicht gesehen wird?

Einige Krankenkassen, deren Strategien auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sind, haben bereits erkannt, dass die Behandlung durch Hyposensibilisierung mittel- und langfristig Kosten spart. Wichtig wäre jedoch auch, dass sich die Gesundheitspolitik nachhaltiger ausrichtet und dies ist aktuell noch nicht der Fall.

Es ist in der Politik bislang nicht ausreichend "angekommen", welcher Kostenblock durch nicht adäquat behandelte Allergiepatienten entsteht. Zum einen hängt dies damit zusammen, dass die "Karriere" eines Allergiepatienten in die Zuständigkeitsbereiche unterschiedlicher Ministerien fällt. Zum andern teilen sich auch die Kosten, die im Laufe der Zeit für einen Allergiepatienten anfallen, auf Krankenkasse, Rentenkasse, Sozialkasse, Berufsgenossenschaft, Arbeitgeber und Patient auf, d.h. sie "zersplittern". Was fehlt, ist der Überblick und das führt zu einer gefährliche Entwicklung bzw. Nichtwahrnehmung eines wirklichen Problems!

Zurück zur Situation des Patienten:  Welche weiteren Faktoren verhindern den Einsatz der Spezifischen Immuntherapie?

Leider wurde und wird in unserer Gesellschaft unter dem Druck der Ausgabenbegrenzung das Thema Allergie verharmlost. Antihistaminika, ob lokal oder systemisch angewendet, sind als OTC-Präparate eingestuft worden, so dass der Patient diese ab dem 12. Lebensjahr selbst bezahlen muss. Sogar lokal anwendbare Kortison-haltige Nasensprays wurden als OTC Präparate zugelassen. Durch die Selbstbehandlung werden insbesondere Jugendliche ab dem 12. Lebensjahr bis zum 18.Lebensjahr zu spät diagnostiziert und erhalten in Folge zu spät eine kausale Immuntherapie und damit auch zu spät eine Sekundärprävention für Asthma.

Weiter spielen die bereits erwähnten Kosten für die SIT eine Rolle. Wie gesagt ist die Behandlung mit einer SIT zunächst kostspieliger als die klassische symptomatische Allergietherapie. Die Krankenkassen verlangen deshalb vom behandelnden Arzt eine medizinische Begründung für den Einsatz dieser Therapie.

Konkret sieht das so aus, dass der Arzt darlegen muss, warum er eine SIT für angemessen hält. Dafür muss er zunächst nachweisen, dass der Patient sensibilisiert ist und dass diese Sensibilisierung klinisch relevant ist, d.h. dass die Beschwerden des Patienten tatsächlich auf die Sensibilisierung zurückzuführen sind. Zu guter Letzt muss der Arzt noch nachweisen, dass eine alleinige symptomatische Standardtherapie, oder auch "First Line Therapie" genannt nicht ausreicht, um die Allergie-Beschwerden des Patienten zu lindern.

Das Mittel der ersten Wahl zur Therapie der Allergischen Rhinitis wäre ein lokales Kortikosteroid, d.h. ein kortisonhaltiges Nasenspray. Erst wenn das nicht mehr hilft und die Beschwerden sich verstärken, kann von einer symptomatischen Therapie auf eine ursächliche Therapie übergegangen werden.  Hierzu gibt es auch Leitlinien, denn nicht jeder unbehandelte Patient mit einer Allergischen Rhinitis wird ein Allergisches Asthma entwickeln – man geht zurzeit von einer Risikorate von 25 Prozent der Patienten aus.

Wenn aber eine positive Familienanamnese für Allergisches Asthma besteht und schwere Beschwerden vorliegen, würde man so schnell wie möglich auf eine Spezifische Immuntherapie zurückgreifen und nicht erst die symptomatische Therapie durchführen. Insbesondere bei Kindern sollte man keine Zeit verlieren und so früh wie möglich eine SIT beginnen – hier sind die Erfolgsquoten noch besser als bei Erwachsenen. Zusammenfassend kann man sagen, die Spezifische Immuntherapie sollte eine Entscheidung sein, die der Arzt individuell auf die Situation des Patienten abgestimmt trifft, wenn die Standardtherapie nicht mehr ausreicht. Und: Je früher die SIT eingesetzt wird, umso besser sind die Ergebnisse!

Ein weiterer Faktor sind viele Patienten selbst. So nehmen sie eine Allergische Rhinitis nicht als "ernst zu nehmende Erkrankung" wahr und unterschätzen die individuelle Asthma-Gefahr. Hinzu kommt, dass die Patienten auch nicht immer optimal informiert und versorgt werden, denn nicht jeder Facharzt verfügt über eine allergologische Zusatzausbildung.

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