Pollenflugvorhersage Europa

Prof. Dr. med. Karl-Christian Bergmann, Leiter der interdisziplinären allergologisch-pneumologischen Ambulanz an der Charité Universitätsmedizin und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst in Berlin

Pollenflugvorhersage in Europa: Aktueller Stand und Zukunftsperspektiven

Handlungsbedarf eines Heuschnupfen-Patienten konkretisieren.

Erkenntnisse aus dem Pollentagbuch: Sind allergische Reaktionen auf das gleiche Allergen überall gleich und bedeuten "viele Pollen" auch immer "schwere Symptome"?

Gestützt wird diese Entwicklung durch Erkenntnisse des Teams um Uwe E. Berger (MBA), Medizinischen Universität Wien, der die wissenschaftliche Leitung des österreichischen Pollenwarndienstes innehat. Uwe Berger betonte die Wichtigkeit einer individuellen und symptomorientierten Datenerfassung und einer patientenorientierten Datenbereitstellung im 2-Stunden Takt.

Seine Analysen der Daten des personalisierten Pollentagebuchs ergaben u.a., dass die Toleranzschwellen für das Auftreten von Allergiesymptomen sich von Land zu Land durchaus unterscheiden. Z.B. muss die Ambrosia-Pollenkonzentration in Serbien deutlich höher sein als in Österreich, um bei den jeweiligen Heuschnupfen-Patienten Symptome auszulösen. Auch sind die Symptome der Heuschnupfen- und Pollenasthma-Patienten zu Beginn der Pollensaison in der Regel heftiger als zum Ende.

Eine weitere interessante Erkenntnis aus den Untersuchungen von Bergers Team an der Medizinischen Universität Wien trug Dr. Katharina Bastl vor: Ein Vergleich der Jahre 2012 und 2013 für die Region um Wien und das Burgenland hatte ergeben, dass die untersuchten pollenallergischen Patienten für 2013 deutlich ausgeprägtere Symptome angaben, als dies im Jahr 2012 der Fall gewesen war. Dies überrascht umso mehr, als die Pollenzahlen im Jahr 2013 weit unter den im Jahr 2012 gemessenen Werten lagen. Die Anzahl der Pollen scheint also nicht der allein ausschlaggebende Faktor in Bezug auf den Schweregrad der Symptome zu sein, was wiederum für eine differenziertere Betrachtungsweise und das Einbeziehen der Symptome in die Pollenflugvorhersage spricht.

Immuntherapie mit Pollenextrakten: die Spezifische Immuntherapie (SIT) und die Pollenflugvorhersage

Die Spezifische Immuntherapie (SIT) ist zurzeit die einzige Therapie, die nicht erst bei der Bekämpfung der Symptome der Pollenallergie ansetzt. Durch eine langsame „Gewöhnung“ des Immunsystems an das Allergen, setzt die SIT viel früher an - bei der Modulierung des Immunsystems. Symptome entstehen so gar nicht erst oder werden zumindest verringert. Dies führt dann zu einem geringeren Bedarf an Medikamenten oder gar dazu, dass keinerlei Medikamente mehr benötigt werden. Die SIT ist zudem die einzige Therapie, die einen Etagenwechsel von der Pollenallergie zum Allergischen Asthma verhindern kann.

Wie Privatdozent Dr. med. Jörg Kleine-Tebbe, Allergie- und Asthmazentrum Westend, Berlin betonte, kommt jedoch nicht jeder Patient in den Genuss dieser Therapie. Weltweit wird die SIT sehr unterschiedlich eingesetzt, z.T. liegt dies auch an den jeweiligen gesundheitspolitischen Gegebenheiten. Weiter betonte er, dass die Wirksamkeit der Therapie zum einen vom Einsatz des „richtigen“ Allergens abhängt – auch hier spielt die Molekulare Allergiediagnostik eine wichtige Rolle. Zum anderen ist für eine Steuerung des Therapieverlaufs die Pollenflugvorhersage von zentraler Bedeutung. Nur so lassen sich im gesamten Verlauf  der Pollensaison individuelle Symptomausprägung, Symptomstärke und Pollenkonzentration korrelieren und eine entsprechende Dosierung der Medikamente vornehmen.

Antihistaminika: Für das richtige "Timing" ist die Pollenflugvorhersage entscheidend

Dass die Pollenvorhersage auch für die Therapie mit hochwirksamen Antihistaminika entscheidend ist, betonte Prof. Dr. med. Marcus Maurer, Direktor für Forschung an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Charité Universitätsmedizin in Berlin. Mit dem Einsatz von Antihistaminika wird eine Interaktion des Histaminmoleküls mit dem H1 Histaminrezeptor unterbunden und dies muss erfolgen, bevor es zu einem Allergenkontakt kommt. Eine möglichst präzise Pollenflugvorhersage ist deshalb für Pollenallergiker eine wichtige Hilfe beim Medikamentenmanagement.

Neue Erkenntnisse aus der Forschung: Die Rolle nicht-allergener Substanzen in Pollen

Im Zusammenhang mit allergischen Reaktionen spielen nicht allein die allergenen Proteine, sondern auch die in den Pollen vorhandenen bioaktiven Lipide eine Rolle, wie Prof. Dr. med. Martin Metz, Facharzt für Dermatologie an der Charité Universitätsmedizin in Berlin berichtete, denn auch sie sind in der Lage, allergene Aktivitäten in den Mastzellen zu entfalten. Dies erklärt das Phänomen, dass in einigen Fällen bei Patienten trotz allergischer Symptome eine Sensibilisierung gegen Pollenallergene nicht nachgewiesen werden kann.

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