Pollenapp 2.0

Prof. Karl-Christian Bergmann, Leiter der interdisziplinären allergologisch-pneumologische Ambulanz, Charité Berlin und Vorstand der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst in Berlin

Pollenapp 2.0: Individualisierte Symptomvorhersage für Pollenallergiker

Heißt das, dass die starke Reaktion der Pollenallergiker auf nur wenige Pollen, die sich zu Beginn der Pollensaison zeigt, durch die Pollen-Karenz im Winter verursacht wird?

Wahrscheinlich ist dies der Fall, denn wir beobachten dieses Phänomen auch bei anderen Allergenen. Bei Bäckerlehrlingen, die unter einer Mehlstauballergie leiden, hat sich z.B. gezeigt, dass sie mit deutlich stärkeren Symptomen auf die gleiche Allergenmenge reagieren, wenn sie nach einer Allergenkarenz, z.B. nach der Bundeswehr, wieder an den gleichen Arbeitsplatz zurückkommen. Mit den Pollen könnte es genauso sein. Mit der Spezifischen Immuntherapie (SIT) versucht man deshalb, das Immunsystem an das Allergen zu gewöhnen, eine Toleranz zu entwickeln und so die allergische Reaktion zu unterbinden.

Das elektronische Pollentagebuch ist ein internationales Projekt. Welche Unterschiede gibt es innerhalb Europas bzgl. der Pollenverbreitung, Pollenkonzentration und der Symptome?

Innerhalb Europas gibt es sehr große Unterschiede. Zum einen unterscheiden sich je nach Land die Pollenarten, die Allergien auslösen. Z.B. sind in Italien oder Spanien die Olivenpollen von großer Bedeutung, die in Deutschland keine  Rolle spielen, ein wichtiges Allergen. Auch die Gräserpollenallergene unterscheiden sich etwas, je nachdem ob man in sich in England, Polen oder Frankreich aufhält. Weitere Unterschiede zwischen den europäischen Ländern liegen in der Pollenkonzentration. Die Symptome sind allerdings die gleichen, egal, welche Pollen sie ausgelöst haben.

Ist es möglich, dass ein Pollenallergiker im Ausland auf Pollen reagiert, die es in Deutschland nicht gibt?

Es gibt botanische Verwandtschaften, die sich durchaus auswirken können, wenn Pollenallergiker reisen. So ist die Olive botanisch der Esche sehr ähnlich. Das heißt, ein Oliven-Allergiker aus Italien, der sich im Mai in Berlin zur Zeit des Pollenflugs der Esche aufhält, kann dadurch Heuschnupfensymptome entwickeln. Ähnlich verhält es sich mit der Birke und der Haselnuss.

Die neue App deckt Deutschland, Österreich und Frankreich ab. Gibt es  Überlegungen, die Anzahl der Länder auszuweiten, so dass Pollenallergiker auch in anderen Ländern auf ihre Symptomvorhersage nicht verzichten müssen? Welche Weiterentwicklungen sind ansonsten geplant?

Wir planen, diese App nach und nach auch auf andere Länder auszudehnen, das nächste Land wird wahrscheinlich England sein. 

Man hat festgestellt, dass es Wechselwirkungen zwischen Pollen und anderen Umwelteinflüssen, z.B. Feinstaub, gibt. Gibt es Überlegungen, auch diese Faktoren in das elektronische Pollentagebuch einzubeziehen?

Bis jetzt ist das noch nicht möglich. Auch wissen wir noch zu wenig über die Zusammensetzung von Feinstaub. Wir untersuchen den Zusammenhang zwischen Feinstaub und Pollen schon seit einigen Jahren und können sagen, dass der Feinstaub in Bezug auf die Pollenallergien eine verstärkende Wirkung hat. Der Feinstaub ist jedoch nicht gleichmäßig verteilt. Es gibt schon innerhalb einer Stadt sehr große Unterschiede in Bezug auf die Belastung durch Feinstaub und dies wirkt sich auch auf die Allergieanfälligkeit aus. So hat sich gezeigt, dass Kinder, die in der gleichen Stadt wohnen, aber an stark verkehrsbelasteten Straßen leben, häufiger Sensibilisierungen auf Pollen und allergische Symptome aufweisen, als Kinder die in verkehrsberuhigten Straßen der gleichen Stadt leben.  

Über das elektronische Pollentagebuch gewinnen wir aber auch zu dieser Frage neue Erkenntnisse, insbesondere im Zusammenhang mit der persönlichen Pollenfalle. Hier können die Informationen darüber, was der Nutzer empfindet, mittels GPS mit dem Standort korreliert werden und dadurch können sich auch Hinweise auf Feinstaubbelastungen ergeben.

Wie geht es weiter mit dem elektronischen Pollentagebuch?

Das ist ein schwieriges Thema. Das elektronische Pollentagebuch und damit auch die App, beruhen auf den Daten, die von der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst generiert werden. Damit sind hohe Kosten verbunden, aber wir erhalten von staatlicher Seite keinerlei finanzielle Unterstützung für das Erfassen von Pollendaten. Angesichts von Millionen von Heuschnupfenallergikern, die im Gesundheitssystem ein nicht unerheblicher Kostenfaktor sind, ist das nicht nachvollziehbar, zumal von Regierungsseite immer wieder Anfragen zu unseren Daten kommen. Da wir mittlerweile am Rande der Arbeitsfähigkeit operieren, wäre es uns ein wichtiges Anliegen, die Politik stärker für das Problem zu sensibilisieren und endlich eine angemessene Unterstützung durch öffentliche Mittel zu erhalten.

Herr Prof. Bergmann, wir danken vielmals für das Gespräch!

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