Pollenapp 2.0

Prof. Karl-Christian Bergmann, Leiter der interdisziplinären allergologisch-pneumologische Ambulanz, Charité Berlin und Vorstand der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst in Berlin

Pollenapp 2.0: Individualisierte Symptomvorhersage für Pollenallergiker

Erfolgt die Erfassung der Pollenkonzentration durch den Deutschen Wetterdienst flächendeckend?

Hier gibt es einige Unwägbarkeiten und darin liegen auch die Gründe dafür, dass der Nutzer seine Einträge an mindestens fünf aufeinanderfolgenden Tagen vornehmen muss.  

Wir haben in Deutschland rund 45 Pollenfallen, die nicht gleichmäßig verteilt sind. Es gibt also zwischen den einzelnen Pollenfallen größere und kleiner Abstände. Das stellt natürlich in Bezug auf die Korrelation von Symptomen und Pollenkonzentration ein gewisses Problem dar, denn befindet sich der Nutzer z.B. 50 km von der Pollenfalle entfernt, dann muss die Pollenkonzentration bzw. die Pollenarten dort nicht unbedingt die gleichen sein, wie in der Pollenfalle selbst.  

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass wir z.B. nicht genau wissen ob der Nutzer sich im Freien aufgehalten hat oder ob er den ganzen Tag im Büro war, wenn er bestimmte Beschwerden angibt.

Wäre die Lösung dann ein dichteres Netz an Pollenfallen?

Ein dichteres Netz an Pollenfallen wäre eine Möglichkeit, aber selbst wenn wir z.B. 200 Pollenfallen hätten, wüssten wir noch immer nicht, ob der Nutzer sich drinnen oder draußen aufgehalten hat, wenn er seine Heuschnupfenbeschwerden angibt.

Eine noch bessere Lösung wäre eine persönliche Pollenfalle, die quasi „am Nutzer“ getragen wird. Wir haben an der Charité, mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) ein Modell für eine persönliche Pollenfalle entwickelt und im März 2013 beim AAAAI-Kongress in San Antonio in Amerika vorgestellt. Die Laborversuche sind bereits erfolgt und zurzeit läuft noch ein Feldversuch der bald abgeschlossen sein soll. Es wird allerdings noch ca. drei Monate dauern, bis wir die Daten ausgewertet haben und an die Öffentlichkeit gehen können.

Die Aktion elektronisches Pollentagebuch, auf der die neue App basiert, läuft in Deutschland seit drei Jahren. Welche Erkenntnisse hat man bisher gewonnen?

Wir erfassen mit dem elektronischen Pollentagebuch natürlich nur einen kleinen Teil der von Pollenallergien betroffenen Bevölkerung - etwa 2000 Personen. Es ließen sich jedoch einige interessante Erkenntnisse gewinnen.  So gibt es z.B. eine Korrelation zwischen der Pollenkonzentration und der Stärke der Symptome bei den betroffenen Pollenallergikern.

Weiter hat sich gezeigt, dass die Heuschnupfenpatienten zu Beginn der Heuschnupfensaison  stärker auf nur wenige Pollen reagieren. Dann kommt eine Phase, in der die Patienten in starken Pollenphasen auch mehr Symptome haben und dann flacht die Reaktion ab. Dies erklärt, warum Pollenallergiker manchmal im Januar oder Februar schon  über starke Symptome klagen, obwohl nur wenige Haselpollen fliegen.

Wir sind durch die Erkenntnisse aus dem elektronischen Pollentagebuch jetzt auch besser in der Lage, Schwellenwerte zu berechnen. Es stellt sich ja die Frage, ab welcher Pollenkonzentration bestimmte Symptome auftreten und  z.B. die Nase zu jucken beginnt. Dies ist jetzt individuell möglich und lässt sich auch auf die Bevölkerung übertragen. Hier hat man herausgefunden, dass sich die Bevölkerung auf eine gewisse Pollenmenge adaptiert. Konkret heißt dies: Wenn in Helsinki die Konzentration an Birkenpollen tendenziell hoch ist, dann sind für die Heuschnupfenpatienten in Helsinki, die auf Birkenpollen reagieren, deutlich höhere Konzentrationen dieser Birkenpollen nötig, um Symptome auszulösen als in Gebieten mit niedrigerer Birkenpollenkonzentration. In gewisser Weise kommt es zu einer Art Adaptierung, Erhöhung der Toleranzschwelle oder „Abhärtung“.

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