Schwelmer Modell Neurodermitis

Mechthild Hellermann, Gründerin und Leiterin des Schwelmer Modells

Neurodermitis: Wie hilft das Schwelmer Modell und was kann es leisten?

Der pädagogische Ansatz richtet sich dann sicher eher an die Eltern erkrankter Kinder?

Ein pädagogischer Aspekt des Schwelmer Modells ist immer der Transfer von psychologischen und emotionalen Erkenntnissen am Kind hin zu den Eltern.

Ein weiterer Aspekt ist die Tatsache, dass Eltern viel dazu beitragen können, dass eine Anspannung beim Kind sich verstärkt oder eben auch mindert. Auch die Angst vor der Krankheit, die Angst vor dem nächsten Schub oder die Stigmatisierung durch die Sichtbarkeit der Erkrankung, kann sich von den Eltern auf das Kind übertragen und wirkt sich auf dessen Wohlbefinden aus. Eltern müssen diese Wechselwirkungen verstehen und sich bewusst sein, dass sie für ihr Kind sowohl Teil der Lösung als auch Teil des Problems sein können. Das Ziel des Schwelmer Modells ist es, aus dem „Ko-Patienten“ Eltern einen „Ko-Therapeuten“ zu machen.

Die Eltern müssen auch wissen, wie sie reagieren können, wenn das Kind seine Erkrankung einsetzt, um sich durchzusetzen. Ein Kind merkt es sehr schnell, wenn Mama z.B. ihr „Nein“ zurückzieht, wenn es anfängt sich zu kratzen. Natürlich beginnt das Kind dann, das Kratzen als Waffe einzusetzen, aber nicht weil es „böse“ ist, sondern weil der Lerneffekt dies vorgibt. Es ist ganz natürlich, dass Kinder versuchen zu erreichen, was sie wollen.

In der Pädagogik nennt man das „Verstärkung“. Das bedeutet, die Krankheit kann aus Sicht des Kindes als ein Verstärker genutzt werden, um seine Ziele zu erreichen. Damit wird aus Sicht der Eltern die Krankheit zum Mittelpunkt des Erziehungsverhaltens, was nicht dazu beiträgt, sie zu bewältigen. Die Eltern müssen deshalb lernen, ihr Erziehungsverhalten nicht durch die Krankheit bestimmen zu lassen. Kein Elternpaar kann dies ohne Unterstützung bewältigen und auch wenn ihnen auffällt, dass sie sich in einem Teufelskreis befinden, kommen sie alleine nicht wieder heraus. Deshalb ist dies beim Schwelmer Modell ein wichtiger Teil der pädagogischen Arbeit mit den Eltern.

Und die pädagogische Arbeit mit den Kindern?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn Kinder eine Ernährungstherapie machen müssen oder eine Hautsituation haben, die eine ständige Pflege nötig macht, kommt früher oder später der Punkt, an dem sie sagen: Nein, ich will nicht! Die Eltern müssen also lernen, bei dem Kind die nötigen Maßnahmen durchzusetzen und dies so zu vermitteln, dass es sich nicht stigmatisiert oder als Außenseiter fühlt. Dabei helfen die pädagogischen Methoden des Schwelmer Modells, das Üben der notwenigen Maßnahmen mit dem Kind direkt.

Umgekehrt gibt es auch das Phänomen, dass Kinder scheinbar klaglos alles mitmachen, aber seelisch sehr darunter leiden, ohne es den Eltern mitzuteilen. Sie merken, dass die Eltern die nötigen Maßnahmen auf eine liebevolle Art und Weise durchführen und haben Angst, sie zu enttäuschen, wenn sie sich dagegen wehren. Hier müssen die Kinder lernen, dass ihre Emotionen völlig normal sind und dass sie nicht böse sind, wenn es ihnen auch einmal zu viel wird und dass sie das auch äußern dürfen. Eltern wiederum müssen akzeptieren, dass sie ihre Kinder frustrieren oder traurig machen können. Das Schwelmer Modell kann hier die Eltern-Kind Beziehung unterstützen und verhindern, dass Schuldgefühle bei den Eltern entstehen, die ihrerseits dann erneut belastend auf beide Seiten wirken.

Wie unterscheidet sich das Schwelmer Modell von Konzepten wie z.B. AGAS oder AGNES und ARNE?

Die genannten Schulungen sind  für einen Schulungszeitraum von maximal sechs mal zwei Stunden vorgesehen und haben das Ziel, die Patienten bzw. deren Familien im weiteren Umgang mit der Erkrankung zu schulen. Damit ist eine wichtige Basis geschaffen, aber aus meiner Sicht ist die Schulungszeit sehr knapp bemessen. Die Krankheitssymptome können sich im Laufe der Zeit verändern, je nach Alter oder Entwicklungsstufe der Symptome. Oft benötigen die Betroffenen deshalb über einen wesentlich längeren Zeitraum Rat und Unterstützung.

Das Schwelmer Modell hat deshalb AGAS, AGNES und ARNE als Schulungskonzepte zur Wissensvermittlung und notwendiger Grundlagen integriert, baut dann aber darauf auf und bietet eine langfristige beratende Begleitung im Alltag. Die Dauer der Therapiemaßnahmen richtet sich individuell nach dem Bedarf des Patienten und kann bis zu einem Jahr dauern.

Hinzu kommt, dass beim Schwelmer Modell, zusätzlich zur Zielsetzung der Krankheitsbewältigung, ein ganz starker Fokus auf das Vermeiden von Krankheitsauslösern bzw. zumindest auf Kontaktreduzierung mit Krankheitsauslöser und -verstärkern gesetzt wird.

Wie genau sind die Schulungen nach dem Schwelmer Modell aufgebaut?

In den ersten zwei Monaten der Therapie nach dem Schwelmer Modell werden Fragen behandelt wie:

•    Was ist eine Allergie?
•    Was sagt ein Allergietest aus?
•    Wie gestaltet man eine schmackhafte, nährstoffsichernde Ernährung für einen Allergiker?
•    Wie verläuft eine individuelle Ernährungstherapie, wenn sie sich als erforderlich erweisen sollte?

Zum Thema Haut gibt es nach dem Schwelmer Modell zwei Schulungen, eine dermatologisch ausgerichtete und eine pflegeorientierte.

Für die Eltern der erkrankten Kinder gibt es eine Schulung zu der Frage: Was hat die Krankheit mit Pädagogik zu tun? Zusätzlich gibt es eine Schulung zu den psychologischen Aspekten: Warum und wie kann die Psyche die Symptome meiner Neurodermitis oder meines Asthmas verstärken? In allen Schulungen werden sehr viele Beispiele aus dem Leben der Patienten vorgetragen und interaktiv bearbeitet.

Bei den Schulungen für die jüngeren Kinder sind die Schulungseinheiten in kleinere Häppchen aufgeteilt. Z.B. lernen die Kinder dann altersgerecht und je nachdem, welche Erkrankung besteht: Was ist Gemüse, Obst und Getreide? Was sind Milchprodukte? In welchen Produkten kann Milch enthalten sein? Welches Medikament benötige ich wann und wie wirkt es? Welche Art der Hautpflege tut mir wann gut? Das Ziel der Schulungen ist, dass die Kinder wissen, was genau sie nicht essen dürfen und dass sie auch wissen, wo sich dies verstecken könnte. Dieses Wissen brauchen die Kinder immer früher, weil sie immer früher in die Kita gehen. Geht das Kind in die Kita, haben die Eltern nicht mehr die volle Kontrolle über den Speiseplan des Kindes und die Erzieher sind nicht immer in der Lage, dies zu kompensieren. Wenn die Kinder dann nicht selbstständig dazu in der Lage sind, ihre Nahrungsaufnahme zu kontrollieren, kann das ein enormes Problem sein. Deshalb ist es uns ganz wichtig, die Kinder zur Selbstständigkeit, auch auf ihre Krankheit bezogen, zu befähigen. Das ist durchaus möglich, wenn man es „richtig verpackt“ und spielerisch vermittelt. Oft wissen unsere Zweijährigen über Ernährung und Hautpflege mehr als manches Schulkind.

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