Neurodermitis Mikrobiom Haut

Prof. Dr. Thomas Werfel, Stellvertretender Klinikdirektor an der Medizinischen Hochschule Hannover

Neurodermitis: Welche Rolle spielt das Mikrobiom der Haut?

Mit dem Mikrobiom des Menschen ist die Gesamtheit der Mikroorganismen gemeint, die den Körper besiedeln, wie z.B. Bakterien, Pilze und Viren. In der Regel werden heute insbesondere bakterielle Besiedlungen von Grenzflächen angesprochen, wenn der Terminus Mikrobiom verwendet wird. Diese Mikroorganismen findet man in erster Linie im Intestinaltrakt, aber auch im Uro-Genitaltrakt, auf allen Schleimhäuten und auf der Haut. Studien haben gezeigt, dass ein Zusammenhang zwischen dem Mikrobiom des Darmes und der Atopieneigung besteht. MeinAllergiePortal sprach mit Herrn Prof. Dr. Thomas Werfel, Stellvertretender Klinikdirektor an der Medizinischen Hochschule Hannover über die Übertragbarkeit dieser Forschungsergebnisse auf das Mikrobiom der Haut und die Neurodermitis.

Herr Prof. Werfel, haben Menschen mit Neurodermitis im Vergleich zu gesunden Menschen ein verändertes Mikrobiom der Haut?

Grundsätzlich ist die Datenlage in Bezug auf die Neurodermitis noch nicht ganz sicher. Es gibt eine erste Studie aus dem Jahr 2012 an kleinen Kollektiven. Hier wurde das Mikrobiom der läsionalen Haut von Menschen mit Neurodermitis, d.h. der von der Neurodermitis befallenen Haut, mit dem Mikrobiom der nicht-läsionalen Haut, d.h. der abgeheilten Haut verglichen und in Bezug zu hautgesunden Menschen gesetzt. Nach dieser Studie stellt es sich so dar, dass das Mikrobiom der läsionalen Haut von Neurodermitikern sich unterscheidet. An den Neurodermitis-Läsionen ist die mikrobielle Vielfalt geringer, das bedeutet, man findet eine geringere Anzahl unterschiedlicher Keime auf der Haut. Nach erfolgreicher Behandlung der Läsionen vergrößert sich die mikrobielle Vielfalt wieder und ähnelt dann auch wieder dem Mikrobiom hautgesunder Menschen.

Ein Keim der auf läsionaler Haut offenbar quantitativ einen Vorteil hat und, bei geringerer Vielfalt, vermehrt nachgewiesen wurde, ist der Staphylococcus aureus. Damit bestätigen moderne Untersuchungsmethoden etwas, was wir schon lange wissen - Staphylococcus aureus gedeiht im Milieu der Neurodermitis besonders gut und setzt sich entsprechend durch.

Beeinflusst die Tatsache, dass Staphylococcus aureus bei Neurodermitis vermehrt auf den Läsionen vorkommt auch den Schweregrad der Läsionen?

Davon gehen viele Wissenschaftler aus und es gibt auch viele indirekte Hinweise darauf, dass dies so sein könnte. So reagieren das Entzündungs- und auch das Immunsystem auf bestimmte Moleküle, die von Staphylococcen freigesetzt werden und die grundsätzlich die Entzündung verstärken können. Dies sind z.B. sogenannte Exotoxine, welche die Immunzellen aktivieren können. Auch scheint es so zu sein, dass eine Reihe von Bestandteilen von Staphylococcus aureus bei Patienten mit Neurodermits zur Sensibilisierung und letztendlich zur Allergie gegen Staphylococcus führen können. Dies wäre wiederum schlecht für den Krankheitsverlauf.

Ich persönlich glaube auch, dass Staphylococcus aureus in Bezug auf die Entzündung eine Rolle spielt und das Ekzem verschlechtern kann. Einschränkend muss man sagen, dass es bisher keine überzeugende kontrollierte Therapiestudie gibt, die gezeigt hat, dass man allein durch die Elimination von Staphylococcus aureus das Hautbild verbessern kann. Allerdings hat sich gezeigt, dass auch die Behandlung der Entzündung mit Substanzen, die nicht primär gegen Staphylococcus aureus gerichtet sind, wie z.B. mit topischen Steroiden, einen Effekt auf das Bakterium hat. Grundsätzlich kann man also sagen, dass Staphylococcus aureus in Bezug auf die Verschlimmerung des Ekzems bei Neurodermits eine Rolle spielen wird.

Das veränderte Mikrobiom der Haut findet man bei Neurodermitis-Patienten auf den Läsionen. Heißt das, dass alle anderen Hautareale eine „normale“ Keimbesiedlung aufweisen?

Es gibt keine Studien, die dies detailliert untersucht haben. Die Läsionen sind bei der Neurodermitis jedoch nicht scharf begrenzt, deshalb würde ich von einem fließenden Übergang ausgehen und davon ausgehen, dass sich Staphylokokkus aureus in geringer Kopienzahl oft auch auf klinisch gesunder Haut bei atopischer Dermatitis befindet.

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