Nahrungsmittelallergien im Alter

Univ.Prof. Dr. Erika Jensen-Jarolim, Allergologin und Fachärztin für Immunologie in Wien über das unterschätzte Problem „Nahrungsmittelallergien im Alter“

Nahrungsmittelallergien im Alter – ein unterschätztes Problem?

Wie erfolgt die Diagnose der Nahrungsmittelallergie bei älteren Menschen?  

Normalerweise, d.h. bei Kindern oder jüngeren Patienten, fußt die Diagnose einer Nahrungsmittelallergie auf mehreren Säulen. An erster Stelle steht die detektivische Anamnese. Dann wird ein Hauttest durchgeführt, gefolgt von einem IgE-Test und letztendlich der Nahrungsmittelprovokation. Die orale Provokation ist der „Goldstandard“ der Diagnostik einer Nahrungsmittelallergie, d.h. der ultimative Nachweis, ob eine klinisch manifeste Nahrungsmittelallergie besteht, oder nicht.

Bei der Provokation wird dem Patienten das verdächtige Nahrungsmittel „in verblindeter Form“ oral gegeben und man beobachtet, ob ab einer gewissen Dosis eine allergische Reaktion erfolgt oder nicht. Das Verfahren dient auch dazu, jene Nahrungsmittel-Dosis zu ermitteln, die für den Patienten noch als sicher eingestuft werden kann. Da es bei der oralen Provokation zu einer Anaphylaxie kommen kann, führt man sie in spezialisierten Zentren mit der Möglichkeit akutmedizinischer Intervention durch.

Abhängig vom Allgemeinzustand wird aus Sicherheitsgründen bei älteren Menschen so gut wie nie eine orale Provokation vorgenommen. Es gibt Studien, die auch auf eine diesbezüglich geringere Kooperationsbereitschaft älterer PatientInnen hinweisen. Der Hauttest ergibt öfter falsch negative Resultate bei älteren Menschen und ist daher, wie gesagt, nicht verlässlich. Letztendlich steht bei Älteren also praktisch nur der Blut-Test zur Diagnose von Nahrungsmittelallergien zur Verfügung.

Dazu verwenden wir in unserem Zentrum die molekulare Allergiediagnostik mit dem ISAC112 Allergen-Mikrochip, der gerade bei Nahrungsmittelallergien ein wichtiges Screening-Instrument darstellt. Die molekulare Allergiediagnostik hat einen hohen prädiktiven Wert, denn es werden Allergenmoleküle mit unterschiedlichem Risikopotenzial eingesetzt. Der Test gibt somit breite Auskunft darüber, ob sich die bestehende IgE-Sensibilisierung gegen ein gefährliches oder ein weniger gefährliches Allergen richtet. Der ISAC-Chip enthält momentan 112 Allergene, darunter 42 Allergenmoleküle aus 19 Nahrungsmitteln. Das bedeutet, man kann eine Vielzahl von Allergenen gleichzeitig testen, und läuft nicht das erhöhte Risiko einer Provokation bei den SeniorInnen.

Weiter sieht man durch die molekulare Allergiediagnostik, ob es sich bei der Nahrungsmittelallergie um eine Kreuzallergie handelt, die auf eine bestehende Pollenallergie zurückzuführen ist. Eine solche leichte Nahrungsmittelallergie wäre z.B. weniger problematisch und würde hauptsächlich lokale orale Symptome hervorrufen.

Zeigt sich durch die molekulare Allergiediagnostik jedoch IgE, das sich bestimmte gefährliche Allergenmoleküle der Erdnuss, der Haselnuss, oder anderer Nahrungsmttel richtet, kann man dem Patienten eine verlässlichere Empfehlung geben, welche Nahrung er unbedingt meiden muss.

Insbesondere dann, wenn der Patient oder die Patientin bereits allergische Reaktionen erlebt hat, die über das orale Allergiesyndrom hinausgehen und eher auf eine Anaphylaxie hinweisen, kann eine strenge Allergenkarenz angezeigt sein, und der Betroffene sollte gegebenenfalls auch mit einem Notfallset zur Behandlung der Anaphylaxie versorgt werden.

Welche Allergene sind bei Erwachsenen mit Nahrungsmittelallergien häufig?

Zu Nahrungsmittelallergien kann es also sekundär durch kreuzreaktives IgE kommen, welches primär gegen Baumpollen, Gräserpollen oder Unkrautpollen gerichtet ist und durch „Verwechslung“ auch Moleküle in Pflanzennahrung erkennt. Dies ist in vielen Studien untersucht worden und betrifft jüngere und ältere Pollenallergiker gleichermaßen. Pollenallergien und zugehörige Kreuzreaktivitäten gegen Nahrungsmittel können jedoch auch in den „best agers“, also über 65, neu auftreten. Dabei spielen veränderte Umweltbedingungen eine Rolle. Durch die Klimaerwärmung gedeihen in unseren Breiten jetzt Pflanzen, die es früher nicht gab und die z.T. sehr allergen sind, z.B. die Ambrosia, auch Ragweed genannt.

Auch unabhängig von respiratorischen Kreuzallergien kann es bei jungen und älteren Erwachsenen zu Nahrungsmittelallergien über orale, inhalative (Stäube und Dämpfe beim Kochen) oder perkutane Sensibilisierung kommen. Dabei kann - wie typischerweise bei Kindern - eine Kuhmilch Allergie oder eine Hühnerei Allergie bestehen, aber es kann auch durch Fisch, Schalentiere, Nüsse und Erdnüsse, und viele anderen Nahrungsmitteln zu Allergiesymptomen kommen.

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