Bauchbeschwerden Intoleranzen Fertigprodukte

Univ. Doz. Dr. Maximilian Ledochowski, Facharzt für Innere Medizin und Ernährungsmedizin aus Innsbruck

Bauchbeschwerden: Spielt die moderne Lebensmittelproduktion eine Rolle?

Wie löst man das Problem, dass gewisse Zutaten in den Lebensmitteln Bauchprobleme, Intoleranzen etc. verursachen können?

Das Problem der Nahrungsmittelintoleranzen können wir, zumindest in Europa, nicht mehr medizinisch, sondern nur noch juristisch lösen. Dazu wäre meiner Meinung nach die Umsetzung der folgenden Maßnahmen nötig:

  1. Wir brauchen eine Beweislastumkehr für industriell hergestellte Lebensmittel. Derzeit trägt der Konsument die Beweislast, wenn er glaubt, dass er durch ein Lebensmittel krank geworden ist. Für eine Privatperson ist ein solches Verfahren gegen einen multinationalen Konzern jedoch finanziell  nicht umsetzbar. Trüge der Konzern die Beweislast dafür, dass sein Produkt die Erkrankung nicht hervorgerufen haben kann, wäre dies eine andere Ausgangssituation und hätte mit Sicherheit Auswirkungen auf die frei verkäufliche Anzahl gefährlicher Nahrungsmittel.
  2. Weiter denke ich, wir brauchen ein Zulassungsverfahren für Nahrungsergänzungsmittel, in Analogie zu dem existierenden Zulassungsverfahren für Arzneimittel. Unter Nahrungsergänzungsmitteln verstehe ich alle frei verkäuflichen Vitamine, Mineralstoffe, Stärkungsmittel etc. und auch Lebensmittel, die einen Zusatznutzen versprechen. Die Hersteller nennen solche Lebensmittel ja schon Nutraceuticals, was belegt, dass diese Produkte eine Funktion wie ein Lebensmittel (Nutrition) und ein Arzneimittel (Pharmaceuticals) darstellen sollen. Es kann nicht sein, dass der Konsumentenschutz bei diesen Produkten nicht greift.
  3. Außerdem wäre eine behördliche Meldestelle sinnvoll, bei der die Ärzte Nebenwirkungen von Nutraceuticals bzw. Nahrungsergänzungsmitteln einreichen können. Zurzeit ist es lediglich möglich, verdorbene Lebensmittel zu melden. Wenn ich aber im Rahmen einer Studie feststelle, dass eine hohe Anzahl der Studienteilnehmer auf ein bestimmtes Lebensmittel mit  Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Aufstoßen etc. reagiert, habe ich keine Anlaufstelle, bei der ich solche Nebenwirkungen von Lebensmitteln melden kann.  

Für die Industrie würden Zulassungsverfahren sicher hohe Kosten verursachen…

Ob die Kosten so hoch sind, wage ich zu bezweifeln, aber abgesehen davon denke ich, dass Konzerne dieser Größe sich solche Studien durchaus leisten könnten. Zumindest wäre dies eine Maßnahme im Sinne der Verbraucher.

Aber zurück zum Thema „Meldestelle“: In Österreich gibt es die AGES, die Agentur für Gesundheits- und Ernährungssicherheit, die direkt dem Gesundheitsminister untersteht und für Nahrungsmittelsicherheit zuständig ist. Ich habe mich an die AGES gewandt um zu erfragen, an wen man sich wenden sollte, wenn man bei Nahrungsergänzungsmitteln und Lebensmitteln Nebenwirkungen feststellt – die Aromen spielen hier z.B. eine gefährliche Rolle. Man hat mir geantwortet, dass es dafür in Österreich keine Stelle gibt. Im gleichen Brief hieß es weiter, es gäbe EU-Richtlinien, wonach die Kontrolle von Lebensmitteln dem Hersteller unterliegt. Das heißt der Hersteller kontrolliert sich selbst!

Denken Sie, es besteht eine Chance, dass Ihre Forderungen umgesetzt werden?

Das denke ich durchaus, denn von der Entwicklung, die ich beschrieben habe, ist jeder Mensch betroffen. Auch die Manager der Lebensmittelkonzerne und die Politiker kaufen Lebensmittel, haben Familie und Kinder und essen die gleichen Lebensmittel aus dem Supermarkt wie alle anderen auch. Sie müssen also allein schon aus eigenem Interesse irgendwann darauf aufmerksam werden, dass hier etwas falsch läuft und dass die Gefahr besteht, dass wir Generationen von kranken Menschen „heranzüchten“.

Herr Universitätsdozent Ledochowski, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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