Bauchbeschwerden Intoleranzen Fertigprodukte

Univ. Doz. Dr. Maximilian Ledochowski, Facharzt für Innere Medizin und Ernährungsmedizin aus Innsbruck

Bauchbeschwerden: Spielt die moderne Lebensmittelproduktion eine Rolle?

Immer mehr Menschen leiden unter Bauchbeschwerden und die Diagnosen sind vielfältig. Nahrungsmittelallergie, Nahrungmittelunverträglichkeit, Reizdarm, Leaky Gut Syndrome – all diese Erkrankungen können zu relativ ähnlichen Symptomen führen. Die Gründe für all diese Beschwerden stehen noch nicht eindeutig fest, aber es gibt Hinweise auf einen Zusammenhang mit bestimmten Lebensmittelzusatzstoffen. MeinAllergiePortal sprach mit Univ. Doz. Dr. Maximilian Ledochowski, Facharzt für Innere Medizin und Ernährungsmedizin aus Innsbruck über den Zusammenhang von moderner Lebensmittelproduktion und Bauchbeschwerden.

Herr Universitätsdozent Ledochowski gibt es einen Zusammenhang zwischen Nahrungsmittelunverträglichkeiten und modernen Produktionsmethoden?

Diverse Probleme sind aus meiner Sicht „hausgemacht“. Um nur ein Beispiel zu nennen: Ohne den vermehrten Einsatz von Fruktose, Sorbit und Xylit – weil diese Substanzen billiger sind als Zucker, gute Feuchthaltemittel sind, besser süßen etc. - gäbe es nicht so viele Menschen mit Fruktosemalabsorption, Sorbitintoleranz und Xylitintoleranz.

Dabei wäre es nicht einmal so schlimm, wenn nur wenige Hersteller so verfahren würden, aber da alle auf diesen Zug aufspringen, ist dies ein gewaltiges Problem und ein Konsument verzehrt heute durchschnittlich 40 bis 50 g Fruchtzucker pro Tag. Das führt nicht nur zu Bauchbeschwerden, sondern es verändert auch unseren Geschmackssinn, führt zu Übergewicht, Diabetes, Depressionen, Aggressionen und vielen anderen Beschwerden.

Ich finde es deshalb nicht angebracht, wenn Nahrungsmittelintoleranzen immer wieder als Hysterie bezeichnet werden. Auch die aktuelle Tendenz, die Bauchbeschwerden vieler Menschen als Einbildung zu werten und den Menschen zu unterstellen, Nahrungsmittelintoleranzen aus Prestigegründen für sich zu vereinnahmen, halte ich für eine zu einfache Sichtweise.

Das heißt, viele Probleme mit dem Essen kommen vom Essen?

Ich erkläre das Problem mal mit einem Gleichnis: Wenn ein Türenhersteller aus Kostengründen die Türen nicht mehr 2 m hoch, sondern nur noch 1,80 m hoch fertigt, werden sich mehr Menschen als zuvor den Kopf anstoßen. Männer werden häufiger betroffen sein als Frauen, Kinder gar nicht, aber eine neue Krankheit, das „Beulen-Kopf-Syndrom“ wird in aller Munde sein. Wenn dann der Rat kommt, die Türen künftig in gebückter Haltung zu passieren, den Kopf zum Schutz zu bandagieren oder eine kühlende Salbe aufzutragen, wird das Problem vom Türenhersteller auf den „durch-die-Tür-Geher“  verlagert. Genau so geht es den Nahrungsmittelintoleranten. Der Hersteller verändert Lebensmittel derart, dass sie für viele Menschen einfach nicht mehr verträglich sind!

Man sieht das auch ganz gut an der Entwicklung in Deutschland nach dem Fall der Mauer. In Ostdeutschland gab es vor dem Mauerfall wesentlich weniger Allergien und auch Übergewichtsprobleme als in Westdeutschland. Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung hatten sich die Zahlen angeglichen. Dies wird u.a. durch höhere Hygienestandards erklärt, aber aus meiner Sicht spielt es auch eine Rolle, dass mit der Öffnung zum Westen eine Supermarktkultur in der ehemaligen DDR Einzug hielt und sich die Esskultur maßgeblich derart wandelte, dass alte Ernährungsweisen verdrängt wurden und durch moderne, westliche – und damit industriell hergestellte Nahrungsmittel – ersetzt wurden.

Die Verbraucher achten heutzutage ja stärker auf die Zutaten industriell gefertigter Produkte…

Immer dann, wenn ein Stoff als gesundheitsschädigend erkannt wurde, wird er verboten. In der Zwischenzeit hat die Industrie jedoch längst andere Substanzen entwickelt, die ähnliche Eigenschaften haben und die manchmal ähnlich gefährlich oder sogar noch gefährlicher sind. Bis man dies feststellt, dauert es dann wieder 10 Jahre. So wird oft der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben. Die Entwicklung ähnelt fast schon der Entwicklung von Designerdrogen. Wenn sich die Kriminalisten auf eine neue Droge eingestellt haben, wird sie schon durch eine andere ersetzt.

Außerdem wird der Verbraucher in Bezug auf das, worauf er achten sollte, manchmal auch in die Irre geleitet. Ein Beispiel dafür sind die Ernährungspyramiden, die als Marketinginstrument einer Firma, die Cornflakes herstellt, ihren Anfang nahmen. Mit dem Aufdruck der Ernährungspyramide auf die Cornflakes-Packung war diese Firma so erfolgreich, dass die Idee von anderen Herstellern kopiert wurde. Mittlerweile gibt es über 250 Ernährungspyramiden, die in Bezug auf den prozentuellen Anteil der einzelnen Ernährungsbestandteile den Schwerpunkt jeweils auf die Kategorie des Produktes legen, auf dessen Packung sie aufgedruckt sind. Der Verbraucher hat also immer den Eindruck, dass er mit dem Verzehr des jeweiligen Produktes besonders gesund lebt. Es gibt sogar schon Patienten, die aufgrund solcher Empfehlungen so viel Wasser trinken, das sich Hirnödeme (!) bilden. Viele Probleme, die heutzutage die Menschen belasten, sind aus meiner Sicht auf unzutreffende Ernährungsempfehlungen oder auf unverträgliche Zutaten zurückzuführen.

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden.