Essstörungen Nahrungsmittel-Intoleranzen

Dr. Bernhard Osen, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik & Psychotherapie an der Schön Klinik Bad Bramstedt

Essstörungen: Symptome? Wie kommt es dazu? Wer ist gefährdet?

Eine genetische Veranlagung für Essstörung bedeutet also nicht, dass man sie entwickeln muss?

In der Regel muss eine zusätzliche Stressbelastung vorhanden sein. Wenn Konflikte in der Familie oder im psychosozialen Umfeld nicht bewältigt werden können und sich ungünstige Überzeugungen mit einem negativen Selbstbild herauskristallisieren kann es sein, dass die genetisch und neurobiologisch bedingte Anfälligkeit zum Tragen kommt

In der Therapie muss man berücksichtigen, dass es aufgrund der neurobiologischen Veränderungen schwieriger ist, aus dem Teufelskreis wieder herauszukommen. Die Patientinnen benötigen eine besonders hohe Motivation und therapeutische Ermutigung, damit sie genug Kraft aufbringen können, um gegen die Erkrankung anzukämpfen.

Mit Psychotherapie kann man Gehirnfunktionen verändern und sogar erreichen, dass sich neue Nervenverknüpfungen herausbilden. Über Training und verändertes Denken und Verhalten kann man die Biologie beeinflussen.

Bei Essstörungen ist auch die Gehirnfunktion beeinträchtigt?

In kleinen Teilbereichen, die im normalen Leben nicht auffallen, ist die Gehirnfunktion von Essgestörten beeinträchtigt. Bei anorektischen Patientinnen weiß man, dass aufgrund bestimmter biologischer Veränderungen im Serotonin- und Dopaminsystem die Flexibilität eingeschränkt ist und sich die Betroffenen nicht so schnell umstellen können. Dafür zeigen sie Stärken in der langfristigen zielgerichteten Handlungsplanung. Dadurch wird der bereits angesprochene Perfektionismus gefördert. Die selbst herbeigeführte  Unterernährung führt zu weiteren Veränderungen bei den Botenstoffen und Hormonen, die das Geschehen im Sinne eines Teufelskreises aufrecht erhalten bzw. verstärken.

Wie behandelt man eine Essstörung ?

Essstörungen werden am besten psychotherapeutisch in Zusammenarbeit mit Ernährungstherapeuten behandelt. Normalisierung des Essverhaltens sollte zunächst im Mittelpunkt der Behandlung stehen. Eine Unterernährung kann schon eigenständig zu einer begleitenden Depression führen. Wir erleben es bei stark untergewichtigen Patientinnen oft, dass allein durch die Normalisierung des Essverhaltens die Depression zurückgeht.

Zusätzlich sollten aber auch die psychologischen und psychosozialen Auslöser und aufrechterhaltenden Bedingungen der Essstörung  psychotherapeutisch bearbeitetet werden.

Bei der Bulimie kann man außerdem durch Medikamente eine Reduktion der Essanfälle und des Erbrechens erreichen. Bei der Anorexie ist dies nicht möglich.

Wie lange dauert eine solche Therapie?

Die Therapiedauer hängt davon ab, wie stark untergewichtig die  Patientin ist. In der Regel vereinbaren wir mit den Patientinnen eine Gewichtszunahme von 700 g pro Woche. Bei einem Untergewicht von 10 kg bedeutet dies eine Gewichtszunahme von 7 kg innerhalb von 10 Wochen. In der Regel kann man bei einer starken Magersucht von einem Klinikaufenthalt von 10 bis 12 Wochen ausgehen. Danach erfolgt eine ambulante Therapie, die je nach Erfordernissen  zwischen 6 Monaten und mehr als einem Jahr dauern kann. Dabei kann es zu Rückfällen kommen – die langfristigen Erfolgsquoten liegen bei ca. 70 Prozent.

Herr Dr. Osen, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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