Essstörungen Nahrungsmittel-Intoleranzen

Dr. Bernhard Osen, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik & Psychotherapie an der Schön Klinik Bad Bramstedt

Essstörungen: Symptome? Wie kommt es dazu? Wer ist gefährdet?

Ernährungstherapeuten berichten häufig von einer Verbindung zwischen Essstörungen und Nahrungsmittelunverträglichkeiten…

In der Regel beschäftigen sich Menschen mit Essstörungen übermäßige mit den Auswirkungen ihres Essverhaltens auf Gewicht und Figur. Im Rahmen des veränderten Essverhaltens kommt es aber häufig auch zu Verdauungsstörungen. Diese werden dann oft als Unverträglichkeiten fehlgedeutet.

Allerdings ist eine überzufällige Häufung von Laktoseintoleranz bei Essstörungen festgestellt worden. Bei sehr untergewichtigen Patientinnen kann durch die Mangelernährung eine Laktasemangel entstehen, der die entsprechenden Beschwerden verursacht.

Andererseits können Nahrungsmittelunverträglichkeiten eine vermehrte gedankliche Fixierung auf das Essverhalten bedingen. Über eine übertriebene Nahrungsmitteleinschränkung kann dies bei Patientinnen mit einer entsprechenden Veranlagung die Entwicklung einer Essstörung begünstigen.

Man muss allerdings berücksichtigen, dass Begriffe wie „Unverträglichkeiten“ sehr inflationär benutzt werden. Viele Befindlichkeitsstörungen im Magen-Darmbereich werden schnell als Unverträglichkeiten gedeutet. Häufig wird eine immunologische IgG-Diagnostik durchgeführt mit dem Ziel Nahrungsmittunverträglichkeiten oder -allergien zu bestimmen. Bei diesen Tests werden sehr viele Nahrungsmittel getestet und in vielen Fällen auch erhöhte IgG-Werte gefunden. Daraufhin wird fälschlicherweise die Diagnose „Unverträglichkeit“ gestellt.

Erhöhte IgG-Werte können auch bei Gesunden gefunden werden und sind in Bezug auf Nahrungsmittelallergien nicht aussagekräftig. Die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinischen Immunologie (DGAKI) betont ausdrücklich in ihrer Leitlinie, dass die IgG-Diagnostik zur Diagnose von Nahrungsmittelunverträglichkeiten nicht geeignet ist.

Gibt es weitere Formen der Essstörungen?

Eine Sonderform der Essstörung ist die so genannte Orthorexie. Bei dieser Störung steht nicht das Gewicht und das Aussehen im Vordergrund, sondern die gesunde Ernährung. Die Betroffenen beschäftigen sich zwanghaft und exzessiv mit der richtigen Zusammensetzung der Nahrung. Dabei werden Lebensmittel ausgesucht, die als besonders gesund gelten und frei von Zusatzstoffen sind. Es dauert täglich mehrere Stunden bis die optimale Zusammensetzung gefunden ist. Die Auswahl engt sich immer stärker ein und am Ende bleibt nicht mehr viel übrig. Damit ist der Weg zu einer zu einer anorektischen Essstörung nicht mehr weit.

Hinzu kommt dass die alternative Ernährungsweise zur Lebenseinstellung wird. Sozialkontakte werden nur noch mit anderen Gleichgesinnten gesucht. Die Betroffenen entwickeln eine Art missionarischen Eifer und versuchen, ihre Mitmenschen zu bekehren – das trägt manchmal fast religiöse Züge. Bei Verstoß gegen die selbstgemachten Essensregeln, entstehen schnell Schuldgefühle und ein Gefühl nicht rein genug zu sein.

Kennt man die Ursachen von Essstörungen?

Essstörungen sind psychosomatische Erkrankungen, die auf mehreren Ursachen beruhen. Es gibt neurobiologische Veränderungen in bestimmten Gehirnbereichen, die die Anfälligkeit für Essstörungen erhöhen. Diese sind zum Teil genetisch bedingt. Wenn Eltern unter einer Essstörung leiden, haben die Kinder ein erhöhtes Risiko, auch eine Essstörung zu entwickeln.

Wenn eine genetische Disposition besteht muss es allerdings nicht zwingend zu einer Essstörung kommen. In einem stabilen Umfeld bei gutem Selbstwertgefühl ist das Risiko geringer. Psychologischen Faktoren wie z.B. Perfektionismus und wenig Selbstwertgefühl erhöhen dagegen die Wahrscheinlichkeit.

Familiäre Einflüsse können ebenso einen Beitrag zur exzessiven Beschäftigung mit Essensthemen leisten. Wenn die Eltern oder Geschwister übermäßig auf die Ernährung und ihr Gewicht achten, wird diese Grundhaltung von den Kindern „gelernt“.

Ein durch die Gesellschaft vermitteltes Schlankheitsideal, das im untergewichtigen Bereich liegt und den Eindruck vermitteln, dass schlanke Menschen erfolgreicher und angesehener sind, kann die Entstehung von Essstörungen begünstigen. Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass junge Menschen sich gerne an Modezeitschriften orientieren und dadurch die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper wächst.

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