Nahrungsmittelallergie Mastzellenstabilisatoren

Prof. Dr. med. Dr. phil. Johannes Ring, emer. Direktor der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie am Biederstein, Technische Universität München und Gründungs-Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Anaphylaxie - Training und Edukation e. V.“ (AGATE)

Nahrungsmittelallergie: Wie können Mastzellenstabilisatoren helfen?

Sie betonten die IgE-vermittelten Nahrungsmittelallergien, gibt es auch andere Ursachen?

Es gibt neben IgE, auch andere Mechanismen, die dazu führen, dass Nahrungsmittel Krankheitssymptome verursachen. Das bedeutet, dass nicht immer Immunglobulin E an solchen Reaktionen beteiligt sein muss.

Man vermutet dies bei allergieähnlichen Reaktionen auf Lebensmittelzusatzstoffe, wie z.B. Konservierungsmittel. Auch bei einigen, ausschließlich den Darm betreffenden Überempfindlichkeiten, z.B. dem Reizdarm-Syndrom, geht man von nicht IgE-vermittelten Prozessen aus.

Allerdings: Der Wissensstand ist hier noch nicht sehr hoch, eben weil man keine konkreten Ursachen oder positiven Marker für die Symptome ausmachen kann. Das heißt, wir können nicht sicher ausschließen, dass nicht doch Antikörper eine Rolle spielen, obwohl man sie nicht messen kann. Gerade beim Reizdarm-Syndrom wird unter den Experten heftig diskutiert, inwieweit nicht doch allergische Ursachen in Frage kommen – man weiß es einfach nicht!

Zur Therapie von allergisch bedingten Symptomen setzt man Mastzellenstabilisatoren ein, wie verfährt man bei Nahrungsmittelallergien?

Die Mastzellenstabilisatoren - sie werden auch „Mastzellblocker“ genannt, weil sie die Sekretions-Reaktion der Mastzellen hemmen - waren eigentlich das erste topisch wirkende antiallergische Medikament in der Allergologie. „Topisch“ bedeutet, dass das Medikament  am Ort des Geschehens eingesetzt wird. Vor der Entwicklung von Mastzellenstabilisatoren standen systemisch wirksame Antihistaminika und Kortison zur Verfügung, d.h. Medikamente zum Schlucken oder Spritzen.

Ende der 60er Anfang der 70er Jahre wurde dann von Dr. Roger Altounyan der Wirkstoff Dinatriumcromoglycat  (DNCG) entwickelt, ein Mastzellenstabilisator, der bei Asthma, bei der allergischen Rhinitis und bei der Konjunktivitis eine sehr günstige Wirkung zeigte. In Kombination mit antientzündlichen oder vasokonstriktiven bzw. bronchodilatierenden Agenzien war Dinatriumcromoglycat jahrelang die einzige topische Therapie allergischer Zustände an den Atemwegen und stand im Zentrum der Allergietherapie. Mit der Entwicklung der topischen Kortikode, die stärker wirksam sind, nahm die Bedeutung der Cromoclycate für die Allergietherapie ab.

Hinzu kamen wirtschaftlich-politische Entwicklungen, denn durch verschiedene Firmenverkäufe und -zusammenschlüsse, verlor der Wirkstoff Dinatriumcromoglycat  (DNCG) innerhalb des Portfolios des Patenthalters an Bedeutung. In der Konsequenz wurde das Produkt nicht mehr beworben und es wurde auch nicht mehr in die Forschung investiert.

In den 80er Jahren hatte ich eine Studie zum Einsatz von Dinatriumcromoglycat  bei Nahrungsmittelallergien und beim atopischen Ekzem, bei dem Nahrungsmittel ja besonders im Kindesalter eine Rolle spielen, gestartet. Die Studie konnte jedoch leider nicht mehr zu Ende geführt  werden und die Ergebnisse der Studie wurden nie veröffentlicht. Ich kann mich jedoch erinnern, dass in der Studie Atopiker, die im Hauttest auch auf Nahrungsmittelallergene positiv waren, eher auf eine Behandlung mit Dinatriumcromoglycat  angesprochen haben.

Unser Wissensstand zum Einsatz von Dinatriumcromoglycat  bei Nahrungsmittelallergien entspricht deshalb dem Wissensstand, den man vor 50 Jahren zum Heuschnupfen hatte. Wir stehen noch ganz am Anfang und es wird höchste Zeit, dass man Untersuchungen anstellt.

Kann Dinatriumcromoglycat denn aktuell zur Therapie von Nahrungsmittelallergien eingesetzt werden?

Dinatriumcromoglycat ist als Wirkstoff zur Mastzellenstabilisierung zugelassen. Es spricht daher nichts dagegen, diesen Wirkstoff zur Behandlung von Nahrungsmittelallergien einzusetzen. In vielen Fällen wird dies auch so gehandhabt, denn die Idee, die Mastzellen zu stabilisieren und so eine Ausschüttung von u.a. Histamin zu verhindern, ist einleuchtend. Insgesamt ist Dinatriumcromoglycat jedoch ein wenig in Vergessenheit geraten.

Was man wissen sollte: Cromoclycate wirken prophylaktisch, d.h. sie hemmen die Reaktion der Mastzellen, wenn sie vor dem Allergenkontakt angewendet werden. Sind die allergischen Symptome bereits aufgetreten, wirken Cromoclycate nicht mehr.
Wichtig für die Patienten ist, dass Cromoclycate nicht resorbiert werden. Das ist eine ausgesprochen gute Eigenschaft der Cromoclycate, denn es bedeutet, dass die Nebenwirkungen zu vernachlässigen sind. Ein schonenderer Wirkstoff als Dinatriumcromoglycat ist kaum vorstellbar!

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