Angst Essen Intoleranzen

Dipl. oec. troph. Sonja M. Mannhardt, Gesundheitsmanagement, Schliengen

Angst vor dem Essen: Warum und für wen könnte das gefährlich werden?

Gibt es bestimmte Kriterien, Vorerkrankungen oder Konstellationen, die Menschen dazu neigen lassen, Angst vor dem Essen zu entwickeln?

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er möchte dazugehören und sich sicher fühlen. Die heutige Welt ist aber sehr komplex und unsicher geworden. Viele Menschen suchen einen Ausweg und suchen Sicherheit in der Kontrolle, auch in der Esskontrolle. Die Angst sehe ich dabei quasi als „Ampel“ an, die diesen Menschen hilft „im sicheren Bereich“ zu bleiben. Auch Menschen mit Magersucht und Bulimie fürchten nichts mehr, als die Kontrolle zu verlieren.

Allen Menschen, bei denen sich solche Phänomene zeigen oder bei denen sich eine solche Entwicklung anbahnt, ist nur zu helfen, wenn sie andere Strategien entwickeln, um Sicherheit zu gewinnen. Die Strategie, manipulativ auf die Lebensmittelauswahl Einfluss zu nehmen, kann auf Dauer nicht hilfreich sein, wirklich ein Stück mehr Sicherheit in einer unsicheren Welt zu gewinnen. Manchmal geht das bei einer professionellen Ernährungstherapeutin, zumindest dann, wenn es sich noch nicht um eine Orthorexie, d.h. eine Sucht nach der „gesunden Ernährung“, handelt. Manchmal kann aber nur ein Psychologe helfen, wenn aus einer Angst vor dem falschen Essen, eine regelrechte Angststörung geworden ist.

Man könnte argumentieren, dass diese Angst für die Betroffenen mehr Vorteile bietet, weil sie so weniger Beschwerden haben …

Man GLAUBT, durch Weglassen weniger Beschwerden zu haben, doch die Strategie ist präventiv, also vorwegnehmend. Die Angst sorgt dafür, dass es ja gar nicht soweit kommt, zu prüfen, OB überhaupt Beschwerden auftreten könnten. Das ist ein Unterschied!

Ob die Betroffenen mehr Vorteile haben, oder nicht, kann ich nicht sagen. Es ist jedoch zu vermuten, dass diejenigen, die nicht zur Beratung kommen, noch der Ansicht sind, dass die Vorteile, vorsorglich dafür zu sorgen, dass nichts passiert,  indem sie bestimmte Nahrungsmittel weglassen, überwiegen.  Dagegen bringen diejenigen, die zur Beratung kommen, ja schon einen Leidensdruck mit. Sie magern ab, ihre Lebensmittelauswahl ist begrenzt, sie können am sozialen Leben nicht mehr teilnehmen, klagen über fehlenden Genuss oder darüber, dass sie bereits Symptome eines Nährstoffmangels feststellen. Diese Menschen würden sicherlich dazu neigen, zu sagen, dass die Nachteile überwiegen, sonst würden sie wohl kaum in die Beratung kommen.

Nicht alle Menschen reagieren auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten mit „Angst vor dem Essen“. Manche sagen auch: „Ich mache mir keinen Stress, esse was ich will und habe dann halt Bauchweh!“ Ist dies die bessere Einstellung?

Nahrungsmittelunverträglichkeit ist nicht Nahrungsmittelunverträglichkeit. Rein von der Symptomatik ist eine echte Nahrungsmittelallergie mit der Gefahr einer Anaphylaxie natürlich nicht zu vergleichen mit einer Nahrungsmittelunverträglichkeit, bei der es zu Bauchweh, Durchfall oder Blähungen kommt.

Die beste Einstellung wäre die, sich selbst als Beobachter und Experte seines Ess- und Ernährungsverhaltens zu betrachten und zu Ärzten und professionellen Beratern Vertrauen zu haben, denn sie können besser weiterhelfen und begleiten als jedes geschriebene Wort im Internet. Es benötigt eine gutes Assessment, eine professionelle Diagnostik und Differentialdiagnostik und ein ganz individuelles Managment. Man würde ja auch nicht jedem Auto, welches in die Werkstatt kommt, dieselbe Behandlung zukommen lassen. Es gibt folglich für jeden eine individuell „beste Ernährung“, auch ohne eine unnötige oder gar gefährliche Einschränkung des Speiseplans. Essen ist nicht unser Feind, egal ob wir eine Allergie haben, oder nicht.

Was raten Sie Ihren Patienten, wenn sie Angst vor dem Essen entwickelt haben?

Ich rate meinen Patienten nichts, ich be-rate – und das ist eine wissenschaftlich fundierte, aber Mensch-zentrierte Begleitung, die dazu führt, dass man seinen eigenen „besten“ Ess- und Ernährungsweg findet. Jeder, der gesetzlich versichert ist, kann jedes Jahr professionelle Ernährungsberatung beantragen und gerade wenn die Angst mit am Tisch sitzt, ist es Zeit, dieses Angebot auch zu nutzen.

Professionelle Ernährungsberater oder Ernährungstherapeuten mit dem Schwerpunkt Allergologie finden Sie unter:

http://www.mein-allergie-portal.com/component/sobipro/8282-mannhardt?Itemid=0
www.vdoe.de
www.quetheb.de
www.vdd.de
www.daab.de

Frau Mannhardt, herzlichen Dank für dieses Interview!


Quellen:

1) „Ernährungsdebatte: "Mich stört der Gestus moralischer Überlegenheit", SpiegelOnline, 11.2.2015  
2)  „Fragen Sie einfach mal, was das Kind will“, Nido, 22. Juli 2013 
3) „Wie die Psyche eine Therapie verhindern kann“, Die Welt, 2. März 2015

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