Angst Essen Intoleranzen

Dipl. oec. troph. Sonja M. Mannhardt, Gesundheitsmanagement, Schliengen

Angst vor dem Essen: Warum und für wen könnte das gefährlich werden?

Gibt es auch andere Erkrankungen, bei denen es zur Angst vor dem Essen kommt?

In meiner Praxis sehe ich viele Frauen - und auch einige Männer - mit Essstörungen oder einem zumindest gestörten Essverhalten. Dort ist die Angst aber meist nicht eine Angst vor Lebensmitteln, sondern eine Angst, durch das Essen „falscher“ Lebensmittel  in einer „falschen“ Menge, zuzunehmen. Manche entwickeln auch eine Angst davor, nach einer Phase des Verzichts ins andere Extrem zu fallen und Heißhunger-Attacken zu entwickeln.

Eine latente Angst vor dem „falschen“ Essen finde ich jedoch auch in der ganz normalen Bevölkerung.  Während früher Ernährungsempfehlungen noch relativ sanft kommuniziert wurden, wie „Essen Sie in Maßen“, hören sich die Botschaften „gesunder Ernährung“ heute deutlich strenger an, wie beispielsweise: „Mit der Ernährungspyramide zu einer „richtigen“ und „gesunden“ Ernährung.“  Das schürt eine subtile Angst, es „falsch“ zu machen oder gar „seine Gesundheit“ zu verlieren, wenn man sich nicht akribisch an alle Ernährungsregeln hält.

„Früher hieß es: Man ist, was man isst. Heute heißt es: Man ist, was man nicht isst.“ sagte dazu die
Ernährungswissenschaftlerin und Gesundheitspsychologin Hanni Rützner kürzlich in einem Interview.1) Prof. Christoph Klotter, Ernährungspsychologie an der Universität Fulda meint dazu: „An erster Stelle steht die Ernährung. Wir essen gesünder als jemals in der Menschheitsgeschichte – werden aber immer paranoider dabei …Die Gesundheit wird als Schwert im Kampf um einen moralisch höheren Standpunkt eingesetzt. Der lässt sich über Essen fast besser einnehmen, als über Politik.2) Im Extremfall sprechen wir von Orthorexie, der krankhaften Sucht nach gesunder Ernährung.

Es gibt aber auch den sogenannten „Nocebo-Effekt“, das heißt negative psychologische oder körperliche Reaktionen, die durch eine bestimmte Erwartungshaltung ausgelöst werden. Das heißt, wenn man erwartet, dass man ein bestimmtes Nahrungsmittel nicht verträgt, kann es sein, dass allein diese Vorstellung schon Symptome auslöst.3)

Wann ist Angst vor dem Essen noch „normal“?

Angst vor Essen ist für mich nicht normal. Essen ist Gemeinschaft, soll schön sein, gut tun, Energie schenken und Freude bereiten. Essen ist Lebensschule, Teil von Bildung, aber doch nicht etwas, wovor man Angst haben soll!  

Essen ist ein Totalphänomen des Menschen und sozial, emotional und kulturell verankert. Es gibt kein einziges Lebensmittel, das „krank“ macht, oder durch das man „Gesundheit herstellen“ könnte. Zu glauben, es gäbe eine Garantie, dass man, wenn man sich nicht an DIE „gesunde Ernährung“ hält, automatisch krank wird, oder, wenn man sich daran hält,  seine Gesundheit behält, ist ein gefährlicher Trugschluss. Dann stehen nicht mehr das Wohl und die Gesundheit des Einzelnen, die Lebensqualität des Einzelnen, das Essen als Ganzes, der Genuss und der Geschmack im Zentrum, sondern Gesundheit als höchstes Gut. Eine vermeintlich „gesunde Ernährung“ für Alle gibt es in dieser Form nicht und kann es auch gar nicht geben, weil Menschen sehr verschieden sind. Sie haben zwar ähnliche „Bedarfe“, aber das heißt noch längst nicht, dass „gleich“ gegessen werden muss.

Wann kann die Angst vor dem Essen gefährlich werden?

Gefährlich wird für mich die Angst vor dem Essen dann, wenn Menschen sich nicht mehr Gedanken darüber machen: „Was möchte ich, was tut mir gut, was tut mir nicht gut? Wie bleibe ich neugierig aufs Leben und bringe Genuss in mein Leben und auf meinen Teller? - sondern wenn bohrende Fragen kommen wie „Was ist richtig, was falsch? Was gesund, was ungesund? Wer sagt mir, was richtig ist?“. Wenn Menschen versuchen, Kontrolle über das Essen zu erlangen, und das „Weglassen“ als Lösung für sich entdeckt haben und schleichend bemerken, wie sich ihr Speiseplan immer mehr einschränkt, kann das gefährlich werden. Dann droht Fehl- und Mangelernährung und unter Umständen ein „selbstgemachtes“ gestörtes Essverhalten, mit all seinen Konsequenzen.

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