Hysterie-Hypothese Nahrungsmittelintoleranzen

Dr. Imke Reese, Ernährungsberatung und -therapie, Schwerpunkt Allergologie in München

Nahrungsmittel-Intoleranz - was ist dran, an der Hysterie-Hypothese?

Spielt auch die Psyche dabei eine Rolle?

Man kann nicht behaupten, dass die Psyche keinen Einfluss auf den Magen-Darm-Trakt hätte. Es gibt eine Hirn-Darm-Achse und jeder weiß, dass Aufregung, Sorgen und Trauer Auswirkungen auf den Magen-Darm-Trakt haben können. Auch viele unserer Sprichwörter greifen dieses Phänomen auf. Die Reaktion der Menschen ist jedoch sehr individuell – manche Menschen essen mehr, wenn es ihnen schlecht geht, andere  hören auf zu essen.

An der Psyche anzusetzen ist für mich aber oft „ein zu leichter Weg“. Wenn man die Beschwerden der Patienten gleich in die „Psychoecke“ schiebt, macht man es sich als Therapeut  zu leicht. Meine Erfahrung ist eher, dass man vielen Patienten durch eine Rückführung zu einem physiologischen Essverhalten helfen kann.

Was ist mit physiologischem Essverhalten gemeint?

Ich nenne es physiologisches Essverhalten, wenn man sich daran orientiert, was die Verdauung braucht, um gut und beschwerdefrei zu funktionieren. Das wichtigste dabei ist, wieder ein Gefühl für den eigenen Körper zu entwickeln. Das bedeutet auch, sich beim Essen an Hunger und Sättigung zu orientieren und nicht an vorgegebenen Mahlzeiten.

Natürlich gibt es Berufe, die ein solches physiologisches Essverhalten erschweren. Viele sind darauf angewiesen, lange mahlzeitenfreie Zeiten auszuhalten. Wenn man aber nur frühstückt und dann sechs Stunden gar nichts mehr isst, kann das allein schon der Grund für Verdauungsprobleme sein. Dann kommt es darauf an für diesen Patienten das Frühstück so zu gestalten, dass es die sechs Stunden ohne Essen besser durchhält.

Auf jeden Fall ist die Auswahl der Speisen wichtig. Isst man zum Frühstück z.B. ein Marmeladenbrot und sonst nichts, fluten die Nährstoffe sehr schnell ins Blut und werden sehr schnell wieder abgebaut. Die Folge ist, dass man relativ schnell wieder Hunger hat. Deshalb hat man bei kohlenhydratbetonter Kost permanent Hunger und hat ständig das Bedürfnis zu essen, um diesen Hunger zu stellen.

Ernährt man sich aber eher gemüse-, eiweiss- und fettbetont dauert die Darmpassage länger und die Sättigung hält viel länger an.

Nicht nur die von nicht allergischen Nahrungsmittelunverträglichkeiten Betroffenen stehen oft unter Beschuss, sondern auch die Hersteller, die für die angeblich „eingebildeten Kranken“ entsprechende „frei von“-Produkte anbieten. Wie erkennt der Verbraucher sinnvolle Produkte?

Für die Verbraucher sind diese Produkte nur dann interessant, wenn sie nachweislich ein Problem mit bestimmten Stoffen haben. Das Problem sind aus meiner Sicht nicht die Hersteller, die frei von Produkte anbieten. Für Menschen, die diese Produkte brauchen, sind sie ein Plus. Das Problem liegt eher darin, dass Menschen, die gar keine Nahrungsmittelunverträglichkeiten haben, diese Produkte kaufen, weil sie glauben, sich dann gesünder zu ernähren.

Es ist ein merkwürdiges Phänomen dass Manche glauben, der Label „frei von“ stünde per se für bessere Produkte. Um zu beurteilen, ob es sich um ein qualitativ hochwertiges Nahrungsmittel handelt oder nicht, sollte man sich an der Zutatenliste orientieren und nicht an dem Stoff der „nicht“ enthalten ist. Hinter diesem Trend steckt wahrscheinlich der Wunsch des Verbrauchers nach Kontrolle. Die Menschen haben zunehmend das Bedürfnis zu wissen, was in ihrem Essen steckt. Es ist jedoch paradox sich dabei an dem zu orientieren, was nicht drin ist.

Damit möchte ich die „frei von“-Lebensmittel aber keinesfalls verteufeln. Für einen Erdnussallergiker ist es eine wichtige Information wenn ein Hersteller seine Produkte mit „frei von Erdnüssen“ kennzeichnet.

Frau Dr. Reese  herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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