Nahrungsmittelintoleranzen Fertigprodukte

Univ.-Prof. Dr. Ludwig Kramer, Abteilungsvorstand der 1. Medizinischen Abteilung mit Gastroenterologie und mit Ambulanz am Krankenhaus Hietzing in Wien

Nahrungsmittelintoleranzen: Könnten Fertigprodukte eine Rolle spielen?

Gibt es weitere Medikamente, die diesen Effekt auf den Darm haben können?

Auch Rheumamittel, die ebenfalls von sehr vielen Menschen eingenommen werden, können eine metabolische Aktivität entfalten. Rheuma-Medikamente hemmen die Prostaglandinsynthese, die Prostaglandine sind aber an der Herstellung der variablen Mukusschicht beteiligt, die wir gerade besprochen haben. Die Kombination von Rheumamitteln, Protonenpumpenblockern und einer Fehlernährung führt ganz besonders häufig zu massiven Unverträglichkeits-Beschwerden. Aber: Wie in vielen anderen Fällen auch, muss es nicht bei jedem, bei dem diese Faktoren zusammenkommen, zu Beschwerden kommen – in den meisten Fällen ist dies ja nicht der Fall. Allerdings muss man wissen: Nachweisen lassen sich bestimmte Veränderungen im Darmbereich erst seit einiger Zeit. Erst seitdem es möglich ist, den Darm mit Hilfe von Kolonkapseln zu untersuchen, die eine Kamera enthalten und vom Patienten geschluckt werden können, weiß man von diesem Phänomen.

Was empfehlen Sie Menschen, die intestinale Beschwerden haben?

Es gibt ein relativ neues Ernährungs-Konzept namens FODMAPs. Dabei versucht man viele nicht-aufnehmbare Kohlenhydrate aus dem Speiseplan zu eliminieren, d.h. Kohlenhydrate und Zucker wie Polyole, Maltose, Fruchtzucker und Milchzucker. Menschen, die unter Blähungen und unspezifischen Bauchbeschwerden leiden und die früher häufig die Diagnose „Reizdarm-Syndrom“ erhielten, erfahren dadurch oft eine Besserung ihrer Beschwerden. Meist genügt es schon, die Nahrungsmittel mit der stärksten Wirkung wegzulassen, z.B. Zwiebel, Kohlarten, wie Brokkoli und hohe Dosen von Fruchtzucker, wie z.B. Maissirup oder Milchzucker. Man kann diese Lebensmittel einfach austesten und sollte dann weglassen, was man nicht verträgt.

Was müsste man im Bereich Lebensmittelproduktion bzw. generell ändern um die Problematik der Zusatzstoffe in den Griff zu bekommen?

Man wird bei der Lebensmittelindustrie nur sehr schwer eine Änderung der aktuellen Verfahrensweisen erreichen. Aus Sicht der Industrie steht natürlich die Wirtschaftlichkeit an erster Stelle und mit Hilfe der Zusatzstoffe erreicht man dieses Ziel.

Aus Verbrauchersicht würde man durch eine Ernährung mit möglichst unverarbeiteten Lebensmitteln viele Beschwerden vermeiden können. Dies entspricht aber nicht unserem modernen Lebensstil. Wer hat heute schon die Zeit, sich an den Herd zu stellen und selbst zu kochen?

Fakt ist, dass die aktuellen Gesetze der Lebensmittelzulassung zwar gut gemeint sind, aber ein wenig an der „Biologie des Menschen“ vorbeigehen. Der Fokus der Regulierungsbehörden liegt darauf, dass wir mit verarbeiteten Lebensmitteln keine Bakterien zu uns nehmen, damit es nicht zur Verbreitung von Infektionskrankheiten kommt. Durch die gesamte Evolution hindurch waren Bakterien, Pilze und Viren jedoch stets die Begleiter der Menschen, ohne dass es zu substanziellen Problemen gekommen wäre.

Problematisch werden Bakterien, Pilze und Viren doch erst durch die Massenproduktion von Lebensmitteln. In Krankenhäusern und Pflegeheimen haben wir deshalb schon die Situation, dass die Mahlzeiten aufgrund behördlicher Vorschriften steril gemacht werden müssen. Als Nebeneffekt werden auch für den Menschen günstige Keime komplett entfernt, was bei den Bewohnern dieser Einrichtungen zu einer reduzierten Biodiversität der Darmbakterien führt. Dadurch erhöht sich das Risiko für bestimmte Erkrankungen, insbesondere für Überwucherungen mit pathogenen Darmkeimen, d.h. Durchfall-Erregern. Wir haben hier also insgesamt eine fatale Mischung von „gut gemeint“ und „schlecht umgesetzt“ von Seiten der Behörden in Kombination mit dem Wirtschaftlichkeitsfokus der Industrie und der modernen Lebensführung, bei der Fertigprodukte eine zunehmende Rolle spielen! 

    
Herr Prof. Kramer, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Quellen:

1) Dietary fructooligosaccharides affect intestinal barrier function in healthy men, Ten Bruggencate SJ, Bovee-Oudenhoven IM, Lettink-Wissink ML, Katan MB, van der Meer R., J Nutr. 2006 Jan;136(1):70-4.

2) Roadblocks in the gut: barriers to enteric infection, Navkiran Gill, Marta Wlodarska, 

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