Pseudoallergie

Priv.-Doz. Dr. med. Jörg Kleine-Tebbe, Allergie- u. Asthma-Zentrum Westend, Berlin

Pseudoallergie: Wie verbreitet sind Zusatzstoff-Unverträglichkeiten?

Sieht man die Histaminintoleranz denn gleichbedeutend mit einer Allergie auf Zusatzstoffe?

Da bei der Histaminintoleranz das Immunsystem nicht beteiligt ist, zählt man auch sie zu den Pseudoallergien, d.h. zu den Überempfindlichkeitsreaktionen, die nicht auf einer veränderten Immunitätslage beruhen.

Dies ist allerdings nicht zu verwechseln mit den sogenannten "nicht allergischen Nahrungsmitteluverträglichkeiten" wie z.B. Laktoseintoleranz oder Fruktosemalabsorption, bei denen es sich um Kohlenhydratverwertungsstörungen handelt. Man zählt diese nicht zu den Pseudoallergien, denn die Beschwerden sind hier meist nicht allergieähnlich, sondern beschränken sich auf den Verdauungstrakt.

Eine Frage zur Provokation: Wie provoziert man bei Verdacht auf Pseudoallergien mit den Zusatzstoffen?

Eine solche Provokation wird nur von wenigen spezialisierten Zentren durchgeführt, die über die notwendige Erfahrung in diesem Bereich verfügen. Sie wird auch nur sehr selten und nur bei Urtikaria-Patienten und nicht bei unspezifischen Magen-Darm-Beschwerden durchgeführt, weil sich in der überwiegenden Anzahl der Fälle mit gastrointestinalen Beschwerden im Verlauf der Abklärung eine andere Ursache für die Symptome herausstellt.

Wie gesagt, spielen die Zusatzstoffe als Auslöser von Beschwerden nur bei einem sehr kleinen Personenkreis eine Rolle, bei den Menschen mit einer chronischen Urtikaria. Auch bei Urtikaria-Patienten führt man eine Provokation auf Zusatzstoffe erst dann durch, wenn alle anderen Auslöser, wie z.B. Infekte als Verursacher der Beschwerden, bereits ausgeschlossen wurden. 

Zur Durchführung einer Provokation auf Zusatzstoffe sollen die Patienten zunächst für einige Wochen eine pseudoallergenarme Diät einhalten. Das bedeutet, dass sie sich überwiegend von frischen, unverarbeiteten Nahrungsmitteln ernähren sollten. 
Allerdings sind bei dieser Diät auch Aromastoffe zu meiden, die in frischen natürlichen Nahrungsmitteln vorkommen. Somit sind z.B. Obst und die schmackhafteren Gemüsesorten bei der pseudoallergenarmen Diät ausgeschlossen, was die Patienten in der Auswahl der Nahrungsmittel sehr einschränkt. Nur dann, wenn sich die Beschwerden des Patienten unter dieser Diät deutlich verbessern, wird erwogen, eine plazebokontrollierte Provokation durchzuführen. 

Die Provokation wird in der Spezialabteilung einer Klinik, meist in einer Hautklinik, in Form einer Sammelprovokation durchgeführt. Dies ist deshalb möglich, weil die Gefährdung, die für den Patienten von den zu testenden Stoffen ausgeht, meist recht gering ist. Bei der Provokation wird entweder eine sogenannte "Supermahlzeit" gereicht, die alle bei der pseudoallergenarmen Diät verbotenen Nahrungsmittel in hoher Dosierung enthält, oder die Zusatzstoffe werden in Kapselform eingenommen. Fällt die Provokation positiv aus, was sehr selten der Fall ist, muss nach und nach aufgeschlüsselt werden, welcher Stoff genau der Auslöser der Beschwerden ist.

Sie erwähnten, dass in der Praxis bei Patienten, die mit dem Verdacht kommen, an einer Pseudoallergie zu leiden oft ganz andere Ursachen eine Rolle spielen – welche Ursachen sind das denn?

Häufig steckt hinter Beschwerden im Verdauungstrakt, bei denen die Patienten eine Pseudoallergie als Auslöser vermuten, ein sogenanntes Reizdarm-Syndrom. Dabei handelt es sich um eine recht komplexe Störung der lokalnervösen Regulation des Darmes.

Herr Priv.-Doz. Kleine-Tebbe, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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