Pseudoallergie

Priv.-Doz. Dr. med. Jörg Kleine-Tebbe, Allergie- u. Asthma-Zentrum Westend, Berlin

Pseudoallergie: Wie verbreitet sind Zusatzstoff-Unverträglichkeiten?

Bedeutet dies, dass Farbstoffe, Konservierungsstoffe, Aromen etc. völlig zu unrecht im Verdacht stehen, Pseudoallergien auszulösen?

Das ist schwer zu sagen, denn zugegebenermaßen besteht aktuell so etwas wie eine "diagnostische Lücke im System". Es gibt zurzeit de facto keine Haut- oder Labortests zum Nachweis von Pseudoallergien. Die Diagnose einer Pseudoallergie wird auf Basis der Vorgeschichte und einer Provokation gestellt. Das bedeutet, man setzt den Patienten bewusst einer ansteigenden Dosis der verdächtigen Zusatzstoffe aus, um zu sehen, ob und wie er reagiert.

In der Praxis erlebt man aber häufig, dass bei Patienten mit dem Verdacht einer Pseudoallergie ganz andere Ursachen eine Rolle spielen.

Angenommen es besteht eine Pseudoallergie: Welche Symptome treten dann auf?

Den Pseudoallergien werden viele unterschiedliche Beschwerden angelastet. Manche Betroffene führen ihre Migräne auf die Zusatzstoffe zurück, andere bringen Müdigkeit, Schwäche und Leistungsabfall mit den Zusatzstoffen in Verbindung. Hier könnten jedoch ganz andere Ursachen dahinterstecken.

Auch eine verstopfte oder laufende Nase und häufiges Niesen führen manche Patienten auf eine Pseudoallergie zurück. Diese Symptome ähneln den Symptomen einer Allergie, allerdings lässt sich eine Beteiligung des Immunsystems nicht immer diagnostisch nachweisen bzw. man findet keine auslösenden Allergene. In diesen Fällen handelt es sich häufig um eine nicht-allergische Entzündung der Schleimhäute, im Volksmund "Schleimhautschwächling" genannt. Die Betroffenen haben so empfindliche Schleimhäute, dass sie auf zahlreiche Umweltreize empfindlich reagieren, ohne dass es einen allergischen Auslöser gibt. Solche Umweltreize könnten sein:

• Temperaturwechsel (kalt-warm) im Winter
• Starke Gerüche, wie z.B. Parfüms, Waschpulver oder der Geruch von Wandfarben und Lösungsmitteln
• Allgemeine Staubbelastung, z.B. in der Nähe einer Baustelle
• Lagewechsel (stehen-liegen)
• Rauch
• Alkohol

Beim Alkohol wird häufig vermutet, dass das Histamin, z.B. im Wein, Beschwerden wie Naselaufen etc. auslöst. Wir wissen aber, dass der Alkoholgehalt selbst bereits ausreicht, um den Schwellungszustand der Nasenmuscheln zu verändern und damit allergieähnliche Symptome zu verursachen.

Viele Patienten vermuten aufgrund dieser allergieartigen Beschwerden, an einer Histaminintoleranz zu leiden, die ebenfalls zu den pseudoallergischen Erkrankungen gehört, die diagnostisch nicht ohne weiteres nachgewiesen werden können.

Die Diagnose beruht deshalb auf dem Zusammenhang zwischen einer erhöhten Histaminzufuhr und dem Auftreten bestimmter Beschwerden und sollte durch einen Provokationstest abgesichert werden. Die Diagnose einer Histaminintoleranz ist nicht leicht zu stellen und eigentlich viel seltener als vermutet. Hier ist ein erfahrenen Arzt gefragt, z.B. ein Allergologe, um eine Fehldiagnose und daraus resultierend ungerechtfertigte Diäten zu vermeiden.

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