Fleischallergie Zeckenbiss

Prof. Dr. med. Tilo Biedermann, Leitender Oberarzt Allergologie, Forschungsgruppe Allergie und Immunologie an der Universitäts-Hautklinik der Eberhard Karls Universität in Tübingen

Fleischallergie: Wie sehen die Symptome aus? Wie erfolgt die Diagnose?

Nochmals zurück zum Auftreten der Symptome. Sie erwähnten, dass diese neue Form der Fleischallergie eine Soforttypallergie oder Typ-I-Allergie ist. Heißt das, die Symptome treten immer unmittelbar nach dem Fleischverzehr auf?

Normalerweise treten bei der Soforttypallergie die Symptome sofort auf, d.h. innerhalb von maximal drei Stunden und bei manchen Fleischallergie-Patienten ist dies auch der Fall. Wir sehen aber eine ganze Reihe von Patienten mit dieser neuen Form der Fleischallergie, die erst ca. 6 bis 8 Stunden nach einer Fleischmahlzeit mit allergischen Symptomen reagieren, was sehr ungewöhnlich ist und ganz spezifisch für diese Sonderform der Allergie. Bei der α-Galaktose-Allergie spricht man deshalb auch von einer "verzögerten Typ-I-Allergie". Als Ursache vermutet man, dass der Verdauungsprozess zur Freilegung und Aufnahme dieser zuckerhaltigen Eiweißstoffe benötigt wird.

Kann es bei einer Fleischallergie auch zu Kreuzreaktivitäten kommen?

Kreuzreaktivitäten spielen bei der Fleischallergie eine gewisse Rolle. Hier ist die α-Galaktose jedoch wieder ein "Sonderfall". Eigentlich haben in der Natur alle Lebewesen die Möglichkeit, Eiweißstoffe zu glykosylieren. Im Zuge der Evolution des Menschen ist jedoch, beim Schritt zu den Altweltaffen, das Enzym verlorengegangen, das diese Zuckerseitenketten herstellt. Das Immunsystem des Menschen ist deshalb nicht darauf ausgelegt, die α-Galaktose zu tolerieren und kann eine Immunantwort entwickeln.

Zum besseren Verständnis: Dass Immunsystem des Menschen muss lernen, jeden Eiweißstoff im eigenen Körper zu tolerieren, sonst würde man eine Autoimmunkrankheit entwickeln. Diese Toleranzentwicklung beginnt schon vor der Geburt und erstreckt sich über die ersten Lebensjahre. Alle Stoffe, für die in diesem Zeitraum keine Toleranz entwickelt wurde, können potenziell zu Allergenen werden. Im Falle der α-Galaktose hat unser Immunsystem nicht gelernt, dies zu tolerieren und deshalb können wir eine Immunantwort entwickeln.

Aber nicht alle Menschen haben diese neue Form der Fleischallergie…

Tatsächlich entwickeln alle Menschen eine Immunantwort auf  α-Galaktose. Ca. 1 Prozent des gesamten IgG-Antikörperpools des Menschen wird gegen diese Zuckerseitenkette gebildet. Allerdings sind IgG-Antikörper klinisch nicht relevant, d.h. ihr Vorhandensein führt nicht zu Symptomen. Warum es bei manchen Menschen zusätzlich noch zu einer IgE-vermittelten Immunantwort auf α-Galaktose kommt, weiß man noch nicht.

Wie erfolgt die Diagnose einer Fleischallergie?

Die Allergologie ist immer auch ein wenig "Kriminalistik".  So wird man z.B. immer dann, wenn der Patient über mehrere Schockereignisse bzw. allergische Reaktionen im Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme berichtet, Schnittmengen bilden, um die verdächtigen Allergene zu identifizieren. Mit Hilfe der Prick-Tests und der IgE-Tests versucht man dann, das auslösende Allergen zu idnetifizieren.

Wenn man mit diesen Standardtests nicht weiter kommt, bitten wir die Patienten, das verdächtige Nahrungsmittel mitzubringen und führen dann damit einen Prick-to-Prick-Test durch.

Nicht selten führen wir stationär einen Provokationstest durch. Dabei wird der Patient unter medizinischer Aufsicht mit dem verdächtigen Allergen provoziert.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es für die Fleischallergie?

Bei einer Fleischallergie besteht die Therapie in der Karenz, d.h. im Meiden des Allergens. Deshalb ist es so wichtig zu ermitteln, welches Allergen die allergischen Symptome auslöst, denn nur so ist es möglich einem Fleischallergiker genaue Hinweise zu geben, welche Fleischsorten er meiden soll, was er essen darf und wo sich das Allergen eventuell verstecken könnte.

Für sehr schwere Fälle gibt es die Möglichkeit ein Medikament einzusetzen, das für die Behandlung von allergischem Asthma zugelassen ist - Omalizumab. Dieses Medikament wurde off-label, d.h. außerhalb der Zulassung, bei Nahrungsmittelallergien erfolgreich eingesetzt, z.B. bei Milchallergien. Allerdings ist Omalizumab kein Medikament, das heilen kann – es unterdrückt lediglich die Auslösung der Symptome, indem es die IgE-Antikörper blockiert.

Omalizumab könnte man theoretisch auch bei Fleischallergikern einsetzen, allerdings wäre das nur dann gerechtfertigt, wenn Menschen auf geringste Allergenspuren mit schwersten anaphylaktischen Reaktionen reagieren, so dass das Meiden des Allergens nicht möglich ist. Bei Fleischallergikern ist dies in der Regel aber nicht der Fall.

Experimentell versucht man im Bereich der Nahrungsmittelallergien mit der Oralen Toleranzinduktion durch minimale Allergendosen, die man langsam steigert, eine Verträglichkeit zu erzielen. Getestet wird dies für Menschen mit Allergie gegen Ei, einer Milchallergie oder einer Erdnussallergie, nicht für Fleischallergiker.

Allerdings ist diese Therapie mit Nebenwirkungen verbunden, denn es kommt immer wieder zu anaphylaktischen Reaktionen. Außerdem muss die Therapie dauerhaft angewendet werden, denn ihre Wirkung erlischt, sobald sie unterbrochen wird und die allergischen Symptome treten dann wieder auf. Hier sind noch weitere Studien nötig.

Herr Prof. Biedermann, herzlichen Dank für dieses Gespräch!


Quellen:


1 Emerging antigens involved in allergic responses, Platts-Mills TA, Commins SP, Curr Opin Immunol. 2013 Dec; 25(6):769-74. doi: 10.1016/j.coi.2013.09.002. Epub 2013 Oct 3, http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24095162

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden.