Allergieprävention Schwangerschaft Stillzeit

Prof. Dr. med. Eckard Hamelmann, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin und Leiter des Allergie-Centrums der Ruhr-Universität Bochum (ACR)

Allergieprävention: Richtig ernähren in Schwangerschaft und Stillzeit!

Müttern, die eine Sensibilisierung bzw. Allergie ihres Kindes vermeiden wollten, wurde lange Zeit empfohlen, sich bereits in der Schwangerschaft allergenarm zu ernähren. Diese Empfehlungen zur Allergieprävention oder auch "Primärprävention" gelten heute nicht mehr. Wie also sollten sich Frauen in der Schwangerschaft und der Stillzeiternähren, um das Risiko einer allergischen Vorbelastung für ihr Kind zu minimieren? MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. med. Eckard Hamelmann, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin und Leiter des Allergie-Centrums der Ruhr-Universität Bochum (ACR) über Möglichkeiten und Grenzen der Prävention.

Herr Prof. Hamelmann, früher hat man werdenden Müttern zur Allergieprävention geraten, in der Schwangerschaft Allergene zu meiden. Warum hat sich dies geändert und wie lauten Ihre aktuellen Empfehlungen?

Früher haben Mütter in der Tat versucht, die Entwicklung einer allergischen Sensibilisierung oder gar einer Nahrungsmittelallergie bei ihren noch ungeborenen Kindern mit Hilfe einer diätetischen Restriktion zu verhindern. In mehreren Studien hat man jedoch festgestellt, dass eine entsprechende Diät während der Schwangerschaft eben nicht dazu führt, dass eine Sensibilisierung bzw. eine Nahrungsmittelallergie beim Kind vermieden werden konnte.

Sehr strenge "allergenarme" Diäten können sogar schwerwiegende Nachteile haben. In vielen Fällen hat man festgestellt, dass die Nährstoffversorgung der werdenden Mütter nicht mehr ausreichend sichergestellt war. So kann eine kuhmilcharme Ernährung z.B. zu Kalziummangel führen und eine fleischarme Ernährung zu einem Proteinmangel – beides wirkt sich sehr negativ auf die Entwicklung des Kindes aus. Vor diesem Hintergrund ist eine "allergenarme" Ernährung für Schwangere nicht nur "nicht nötig", sondern auch "nicht sinnvoll".

Es geht sogar noch weiter: Mittlerweile ist man sogar tendenziell der Ansicht, dass ein zu langes Vorenthalten von potenziell allergieauslösenden Proteinen in der Schwangerschaft und auch im frühen Säuglingsalter den Kindern die Chance nimmt, eine entsprechende Toleranz zu entwickeln.

Hierzu laufen aktuell Studien zur Frühfütterung mit z.B. Erdnüssen oder Hühnerei, in denen man versucht, durch eine bewusst frühe Allergenexposition bereits in den ersten Lebensmonaten eine Toleranz zu induzieren, d.h. hervorzurufen. Die Studienergebnisse liegen jedoch aktuell noch nicht vor.

Welche Ernährungsempfehlungen zur Allergieprävention gibt man heute werdenden Müttern?

Die wesentliche Botschaft zur Allergieprävention lautet heute, dass während der Schwangerschaft und in der Stillzeit eine ausgewogene und nährstoffdeckende Ernährung sichergestellt werden sollten. Das Meiden bestimmter Nahrungsmittel hat im Sinne der Primärprävention keine Bedeutung. Dies gilt sowohl für die Zeit der Schwangerschaft als auch für die Stillzeit.

Umgekehrt gibt es für werdende Mütter jedoch bestimmte, aber noch nicht endgültig belegte Ernährungsempfehlungen im Sinne der Allergieprävention. Empfohlen wird z.B. der regelmäßige Verzehr von Seefisch, denn in einigen Studien finden sich bereits klare Hinweise darauf, dass durch Omega-3 Fettsäuren in fettem Seefisch eine Allergieprävention erreicht werden kann. Generell scheint sich die klassische mediterrane Kost, die reich an Omega-3 Fettsäuren ist, d.h. auch der Verzehr von frischem Gemüse, auch als Rohkost, Salat und Obst positiv im Sinne einer Allergieprävention auszuwirken.  

Ich möchte betonen, dass diese Empfehlungen ausschließlich für die Primärprävention gelten, d.h. für werdende und stillende Mütter und deren Kinder, bei denen weder eine Allergie noch eine Sensibilisierung festgestellt wurde. Wenn die Mutter eine klinisch manifeste Nahrungsmittelallergie hat, muss sie natürlich auch während der Schwangerschaft und Stillzeit die entsprechende Diät fortsetzen. Und wenn beim Säugling der Verdacht auf eine Nahrungsmittelallergie auftritt, also z.B. bei einem Kind mit Neurodermitis eine spezifische Sensibilisierung gegen Nahrungsmittelallergene festgestellt wurde, muss bei nicht eindeutigen Reaktionen zunächst die klinische Relevanz durch eine titrierte Nahrungsmittelprovokation überprüft und bei positiver Reaktion eine entsprechende Diät (nach Abstillen oder durch die stillende Mutter) durchgeführt werden.

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