Orale Provokation bei Lebensmittelallergien

Prof. Dr. med. Bodo Niggemann, Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie und Immunologie, Charité Universitätsmedizin Berlin

Orale Provokation zur Ermittlung von Allergien auf Nahrungsmittel

Welche Faktoren sind wichtig bei einer oralen Provokation bei Verdacht auf Nahrungsmittelallergien?

Ein grundsätzlich wichtiger Faktor ist, dass die orale Provokation - als Goldstandard - "kontrolliert" durchgeführt wird, d.h., dass die Provokationen unter standardisierten Bedingungen unter ärztlicher Beobachtung stattfinden. Eine orale Provokation sollte nicht nur auf den Beobachtungen des Patienten bzw. der Familie beruhen.

Theoretisch kann eine orale Provokation auch in einer Arztpraxis erfolgen, was aber aufgrund der bestehenden Gefahr einer Anaphylaxie nicht sinnvoll ist und zudem nicht finanziert wird.

Eine Provokation zu Hause ist nur dann sinnvoll, wenn sehr sicher keine Gefahr für einen anaphylaktischen Schock besteht. Gerade bei Kindern mit Verdacht auf Nahrungsmittelallergien ist diese Gefahr jedoch schwierig auszuschließen.

Eine Provokation unter stationären Bedingungen ist deshalb die empfehlenswerte Variante, weil die Überwachung viel besser gegeben ist und im Falle eines allergischen Schockereignisses sofort entsprechende Gegenmaßnahmen eingeleitet werden können.

Es gibt verschiedene Vorgehensweisen bei der oralen Provokation unter stationären Bedingungen. Was sind die Unterschiede und nach welchen Kriterien werden sie angewendet?

Grundsätzlich gibt es bei der oralen Provokation die Möglichkeit, die Provokation 1. offen, 2. einfach blind, oder 3. doppel-blind durchzuführen. Je nachdem welche Vorgeschichte vorliegt, welche Symptome vorliegen und um welches Allergen es sich handelt, muss der Arzt bei jedem Patienten individuell entscheiden, welche Form der Provokation die sinnvollste ist.

Die offene Provokation, bei der der Patient weiß, dass und welches Allergen er bekommt, kann dann gewählt werden, wenn der Patient z.B. in der Vergangenheit ein schweres allergisches Ereignis hatte, das Allergen aber nicht klar ist. Anders als es bei der "blinden" Provokation der Fall wäre, ist es in diesem Fall nicht angemessen, den Patienten im Unklaren darüber zu lassen, ob und wann mit einer Reaktion zu rechnen ist - diese Situation würde unnötig lange Ängste verursachen. Ist das Allergen, das die schwere systemische Reaktion ausgelöst hat, dagegen klar, kann man auf eine Provokation verzichten.

Auf eine Plazebo-kontrollierte orale Provokation wird man immer dann zurückgreifen, wenn die Symptome subjektiv und schwierig zu objektivieren sind oder ein Atopisches Ekzem starke Tagessschwankungen aufweisen kann. Hier unterscheiden wir die einfach-blinde und die doppel-blinde Plazebo-kontrollierte orale Provokation.

Bei der einfach-blinden Plazebo-kontrollierten oralen Provokation weiß der Patient nicht, wann das Allergen verabreicht wird und wann das Plazebo, der Arzt ist jedoch informiert. Bei der doppel-blinden Plazebo-kontrollierten oralen Provokation geht man noch einen Schritt weiter. Hier weiß weder der Arzt, der die Reaktion beurteilt, noch der Patient wann das Plazebo gegeben wird und wann das potenzielle Allergen. In der Kinderheilkunde würde man dann aus den gerade erwähnten Gründen von einer dreifach-blinden oralen Provokation sprechen - auch die Eltern wissen nicht, welches Nahrungsmittel verabreicht wird. Aus wissenschaftlicher Sicht ist die doppel-blinde Plazebo-kontrollierte orale Provokation die beste Testmethode; sie gilt deshalb als Goldstandard.

Beispiele: Eine doppel-blinde Plazebo-kontrollierte orale Provokation wird insbesondere dann angewendet, wenn bei Vorliegen eines Ekzems spontan Tagesschwankungen auftreten können oder wenn subjektive Symptome in der Vorgeschichte berichtet wurden. Dazu gehören z.B. Herzklopfen, Bauchgrummeln, Zungenbrennen, Juckreiz etc.

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden.