Wie wirkt sich eine Nahrungsmittelallergie auf die Lebensqualität aus?

Bei der Therapie Nahrungsmittelallergie geht es in erster Linie darum, die Symptome zu behandeln bzw. zu vermeiden, denn schließlich ist dies der erste Schritt zu einer Verbesserung der Lebensqualität. Allerdings kann auch die Therapie selbst die Lebensqualität erheblich einschränken. Dies ist bereits dann der Fall, wenn die Karenz die wichtigste Maßnahme ist, wie dies z.B. bei allen Nahrungsmittelallergien der Fall ist. Besteht jedoch zusätzlich die Gefahr eines Anaphylaktischen Schocks kommt die Angst ins Spiel, und diese Angst kann die Lebensqualität der Betroffenen und ihrer Familien erheblich einschränken, wenn nicht wirkungsvoll gegengesteuert wird. MeinAllergiePortal sprach mit Dr. Lars Lange, Oberarzt für Kinder-Pneumologie und Allergologie am Marienhospital in Bonn über das Thema Lebensqualität bei Allergien.

Herr Dr. Lange, wie definiert man Lebensqualität im Hinblick auf das "Leben mit Allergien"?

Kurz gesagt kann man sagen, ein wesentlicher Punkt bei der Lebensqualität ist das "Delta" zu den anderen. Das bedeutet: Wenn die eigene Lebensqualität bzw. die eigenen Lebensumstände anders sind, als die der Menschen in der nächsten Umgebung, beeinflusst dies die Lebensqualität negativ.

Wie kann man messen, wie groß dieses Delta ist, oder anders gefragt, wie lässt sich ermitteln ob die Lebensqualität eines Allergikers einen kritischen Level unterschreitet?

Es gibt Fragebögen mit deren Hilfe man versucht, den Grad der Beeinträchtigung der Lebensqualität bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen bzw. bei deren Eltern oder Betreuern zu messen. Beispiele hierfür sind z.B. die Health Related Quality of Life Questionnaires, die in Deutschland allerdings nur im Rahmen von Studien eingesetzt werden. In diesen Fragebögen werden detaillierte Fragen nach dem Grad der emotionellen Beeinträchtigung durch die Allergieerkrankung  gestellt. Konkret heißt das, es wird gefragt, ob das Kind durch seine Nahrungsmittelallergie "anders fühlt" oder stärker unter Beobachtung steht als andere Kinder.

Eine wichtige Rolle spielt in den Fragebögen auch das Thema Angst. Dafür wird z.B. gefragt, ob das Kind aufgrund seiner Nahrungsmittelallergie Angst hat, neue Nahrungsmittel auszuprobieren oder unbekannte Orte aufzusuchen. Auch der Grad der durch die Nahrungsmittelallergie verursachten sozialen und diätetischen Einschränkungen wird in den Befragungen ermittelt. Gefragt wird z.B. nach dem Grad der Frustration, der durch die Einschränkung der Nahrungsmittelauswahl entsteht bzw. es wird ermittelt, inwieweit das Kind sich sozial ausgegrenzt fühlt. Anhand der Ergebnisse aus diesen Fragebögen lässt sich dann ermitteln, wie stark die Beeinträchtigungen für die Betroffenen sind.

Sie erwähnten das Thema Angst - welche Rolle spielt die Angst bei Kindern mit Nahrungsmittelallergien?

Die Angst spielt eine sehr große Rolle für Nahrungsmittelallergiker und stellt eine ganz erhebliche Einschränkung der Lebensqualität dar. Teilweise fühlen sich Nahrungsmittelallergiker durch "ihr" Allergen regelrecht verfolgt. In einer Vergleichsstudie wurde 2003 die Angst von Erdnuss-Allergikern mit an Diabetes mellitus Erkrankten verglichen. Die Studie hat gezeigt, dass die Erdnuss-Allergiker in wesentlich stärkerem Maße Angst empfinden, als die Diabetiker.

Wir wissen aber auch, dass Mädchen stärker unter Angst und damit unter einer verminderten Lebensqualität leiden als Jungen. Wahrscheinlich hängt dies damit zusammen, dass Jungen Probleme eher negieren und stark sein wollen.

Ebenso wissen wir, dass ältere Kinder eine schlechtere Lebensqualität haben als jüngere Kinder, denn ältere Kinder müssen ja selbstständiger werden und gleichzeitig wird ihnen vermittelt, dass Selbstständigkeit für sie gefährlich sein kann. Dadurch entwickeln sie Angst vor der Selbstständigkeit.  Das kann so weit gehen, dass diese Kinder Angst haben, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, in den Urlaub zu fahren, oder auf Parties zu gehen – alles Dinge, auf die Kinder sich normalerweise freuen. Die ständige Angst kann sogar dazu führen, dass zusätzlich Essstörungen und Angststörungen entwickelt werden.

Generell kann man sagen, dass die Angst bei Kindern zu Beginn der Diagnose sehr groß ist und dann mit der Zeit, wenn nichts passiert, geringer wird. Mit zunehmendem Alter bzw. wenn die Kinder normalerweise selbstständiger würden, wird auch die Angst wieder größer. Auch mit jedem neuen Lebensabschnitt wie Schuleintritt oder Pubertät beginnt die Angst von neuem.

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