Laktose: Ist sie für Erwachsene grundsätzlich verträglich oder nicht? - Gibt es auch bei Menschen, die Laktose vertragen, ein „zu viel“ bei Milchprodukten?

Gibt es auch bei Menschen, die Laktose vertragen, ein „zu viel“ bei Milchprodukten?

Wenn man laktosetolerant bzw.  laktasepersistent ist, kann man sich an Milch nicht „übertrinken“. Ist man das nicht, wird man ab einem gewissen Punkt Symptome spüren.

Da der Körper von Laktoseintoleranten mangels Laktase die Laktose nicht verdauen kann, übernehmen Mikroorganismen im Dünndarm diese Aufgabe. Diese Mikroorganismen erhöhen ihre metabolische Rate und so entstehen Gase. Diese Gase müssen den Körper verlassen und so kann es zu Übelkeit, Erbrechen, Durchfällen und Blähungen kommen. Ab welcher Menge an Laktose dies der Fall ist und wie die Symptome jeweils aussehen, ist individuell verschieden. Für die Betroffenen ist dies sehr unangenehm, aber nicht wirklich pathologisch.  

In Europa gibt es im Hinblick auf die Verträglichkeit von Milch ein Nord-Süd-Gefälle, je weiter südlich die Menschen leben, desto häufiger vertragen sie Laktose nicht. Wie kommt es dazu?

Es gibt Modelle zur demographischen Verbreitung der Fähigkeit, Laktose zu verdauen. Eine Mutante verbreitet sich ja nicht zwangsläufig gleichmäßig über die Welt. Wir gehen davon aus, dass es zuerst in Mitteleuropa zu einer Mutation kam und sich die Toleranz von Laktose von dort aus verbreitete. Wahrscheinlich konnte die Milch im Süden bzw. im Mittelmeerraum aber nie eine große Rolle spielen, weil es dort traditionell eine Reihe von verarbeiteten Milchprodukten, wie Joghurt, Dickmilch und Käse gab. Im Norden hat man hingegen eher zur Frischmilch gegriffen. Die Verbreitung der Verträglichkeit von Laktose bzw. die Laktasepersistenz erfolgte dann in komplexer Abhängigkeit von den demographischen Bewegungen in der Vorgeschichte der Menschheit, die wir aber noch nicht 100prozentig verstehen.

Wie verhält es sich in Ländern wie z.B. Japan, in deren Speiseplan Milchprodukte kaum eine Rolle spielen?

In der asiatischen Küche spielt traditionell weder Milch noch Käse eine Rolle. In diesen Ländern wird der Nahrungsbedarf dann eben durch andere Nahrungsmittel gedeckt. Den Vitamin D-Bedarf deckt man in Japan z.B. über den Konsum von Fisch, vor allem fettem Fisch und Meeresfrüchten. Kalzium liefern Soja und Hülsenfrüchte.

Die Verträglichkeit von Laktose entwickelte sich in Afrika, Europa und vielleicht auch noch dem Nahen und Mittleren Osten. In Afrika hat sich die Fähigkeit, Laktose zu verdauen, übrigens unabhängig von Europa entwickelt. Dass sich die Verträglichkeit von Laktose in einer bestimmten Region als Vorteil erweist, bedeutet aber nicht, dass sich dieser Vorteil weltweit verbreiten muss – das hat jeder Erdteil seine eigene Geschichte.

Welches sind Ihre nächsten Forschungsvorhaben zum Thema Laktose?  

Wir arbeiten an der Fragestellung, warum die Laktasepersistenz in der Bevölkerung ab einem gewissen Punkt so rapide gestiegen ist. Dazu typisieren wir diesen Marker aus der DNA von Skeletten aus ganz Europa und über alle prähistorischen Zeitspannen. In der Frühzeit und im Neolithikum findet man die Genmutation, die für die Toleranz von Laktose verantwortlich ist, noch nicht. Erst in der Bronzezeit findet man erste Mutationen und im Mittelalter ist die Toleranz von Laktose dann bereits voll ausgeprägt. Wir wollen genauer ermitteln, zu welchem Zeitpunkt es zu der gehäuften Mutation kam, die Laktose für die Menschheit verträglich machte und wann sie sich wie verbreitete.

Weitere spannende Fragen sind das Thema Pigmentierung und Vitamin D-Mangel, denn auch hier kam es in der Geschichte der europäischen Bevölkerung zu maßgeblichen Veränderungen. Wir vermuten, dass das Thema Milch bzw. Laktose nicht isoliert zu sehen ist, sondern in einem komplexen Gesamtzusammenhang. Faktoren wie Umweltbedingungen, wie z.B. die Sonneneinstrahlung, kulturelle Fragen und vor allem die Demographie spielen hierbei eine Rolle. In nördlichen Breitengraden gibt es z.B. weniger UV-Licht, was die Vitamin D-Synthese hemmt. Die Ausbildung eines helleren Hauttyps wirkt dieser Hemmung entgegen, weil eine hellere Haut mehr UV-Licht absorbieren kann und folglich leichter Vitamin D bildet.

Es gibt Szenarien, aus denen sich aus einer gewissen Bevölkerungsverschiebung Muster ergeben, wie wir sie beobachten, ohne dass sich dies durch einen Vorteil durch Laktose bzw. Milchkonsum erklären ließe. Wenn man die Frage der Entwicklung der Laktasepersistenz klären könnte, würden wir den Großteil der europäischen Bevölkerungsgeschichte, vom Neolithikum bis zur Eisenzeit in Europe, verstehen. Diese Fragen werden uns sicher noch mindestens 10 Jahre beschäftigen.

Herr Prof.  Burger, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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