Histaminintoleranz Schweiz SIGHI

Histaminintoleranz Schweiz (SIGHI)

Histaminintoleranz: Die SIGHI bietet Betroffenen Informationen und Hilfe!

Es war eines Ihrer Ziele, das Krankheitsbild Histamin-Intoleranz in der Öffentlichkeit bekannter zu machen – ist dies aus Ihrer Sicht gelungen?

Unser Interesse beschränkt sich nicht nur auf die eng definierte Histamin-Intoleranz (Definition: DAO-Abbaustörung). Wir befassen uns viel allgemeiner mit jeglichen Mechanismen, die mutmaßlich oder bekanntermaßen zu einer Histaminose (Definition: Vom Idealbereich abweichender Histaminstatus) führen können.

Die Histamin-Thematik scheint mir mittlerweile schon deutlich besser etabliert als vor einigen Jahren. In Spitälern und Universitätskliniken oder in der Ernährungsberatung befasst man sich genauso ernsthaft damit wie bei alternativmedizinischen TherapeutInnen. Wie weit dies das Verdienst der SIGHI ist, lässt sich nicht sagen, aber unsere Website ist jedenfalls sehr gut besucht.

Trotzdem kommt es auch heute noch vor, dass in Zeitungen Artikel gedruckt werden, in denen die Existenz der Histamin-Intoleranz in Abrede gestellt wird.

Welche Fortschritte stellen Sie in Bezug auf das Thema Histamin-Intoleranz fest? Womit sind Sie noch nicht zufrieden? Wo sehen Sie die größten Hürden?

Durch meine Arbeit bei der SIGHI habe ich den Eindruck, dass folgende Hauptprobleme dem großen Durchbruch im Weg stehen:

  • Der genaue Mechanismus auf biologischer/biochemischer Ebene ist noch nicht zweifelsfrei geklärt. Mehrere körperliche Ursachen werden kontrovers diskutiert. Im Fokus stehen enzymatische Abbaustörungen und Mastzellaktivitätsstörungen. Möglicherweise handelt es sich nicht um einen, sondern um mehrere Mechanismen, die vielleicht einzeln, vielleicht auch erst in bestimmten Kombinationen oder unter Einfluss bestimmter Umwelteinflüsse zu Symptomen führen.

  • Ohne genaue Kenntnis der Krankheitsmechanismen tut man sich logischerweise auch noch schwer mit der Definition von Diagnosekriterien, mit der Entwicklung aussagekräftiger laboranalytischer Diagnosemethoden und mit der Interpretation von Laborwerten. Bisher kann man lediglich anamnestisch auf Grund der Schilderungen des Patienten, dem versuchsweisen Durchführen der Eliminationsdiät und dem differentialdiagnostischen Ausschluss anderer Erkrankungen eine Verdachtsdiagnose stellen.

  • Da es nicht so leicht gelingt, klare Zusammenhänge aufzuzeigen, wird meiner Meinung nach das Konzept der Histamin-Unverträglichkeit von einigen Vertretern der evidenzbasierten Medizin noch sehr zurückhaltend, skeptisch oder sogar ablehnend kommuniziert. Die Komplexität des Stoffwechsels, besonders im Bereich Histamin/Mastzellmediatoren/Immunsystem, und die zahlreichen Auslöser, auf die dieses System reagiert, machen es methodisch sehr schwierig und aufwändig, ein funktionierendes Versuchsdesign finden und dann auch noch umsetzen zu können. Auch für den Betroffenen selbst ist eine Histaminose derart komplex, vielfältig und verwirrend, dass sie sich nur schwer fassen lässt. Hier ein paar Details zur Veranschaulichung:
    • Eine Histamin-Unverträglichkeit kommt selten allein, sondern meist in Begleitung anderer Unverträglichkeiten oder Allergien, was das Erkennen und Auseinanderhalten erschwert.

    • Werden die Histaminprobleme durch eine Mastzellerkrankung verursacht, dann hängt das Krankheitsbild davon ab, in welchen Organen oder Geweben die krankhaft veränderten Mastzellen vorhanden sind. Trotz vieler Ähnlichkeiten ist jeder Fall wieder anders, so dass man vielleicht eher von "Krankheitsbildern" im Plural sprechen müsste.

    • Oft gelingt es dem Betroffenen nicht, einzelnen Lebensmitteln anzumerken, dass sie unverträglich sind, denn nebst Sofortreaktionen sind auch zeitlich stark verzögerte Reaktionen oder chronische Verlaufsformen möglich. Die Zahl der möglichen Auslöser ist riesig und erstreckt sich nebst Lebensmitteln auch auf Zusatzstoffe, Medikamente, Stress, körperliche Anstrengung und andere Faktoren. Es ist nicht einfach, alle Auslöser gleichzeitig zu meiden. Auch gibt es keine scharfe Abgrenzung in "verträglich" und "unverträglich", sondern der Effekt ist dosisabhängig und von der Tagesform des Betroffenen abhängig. Diese Umstände erschweren die Durchführbarkeit und Reproduzierbarkeit von Provokationstests sehr.

    • Tückisch ist auch, dass einige unverträgliche Lebensmittel zunächst für eine Linderung sorgen können (z.B. Zitrusfrüchte wegen Vitamin C oder Alkohol wegen seiner betäubenden Wirkung). Erst Stunden später entfalten sie ihre unheilvolle Liberatorwirkung: Die unspezifische Freisetzung von körpereigenem Histamin erfolgt manchmal erst, nachdem man bereits die nächste Mahlzeit gegessen hat und fälschlicherweise diese im Verdacht hat. Dem Hirn gelingt es deshalb nicht, einen Zusammenhang zwischen diesen Auslösern und den Symptomen zu erkennen und ein Vermeidungsverhalten zu erlernen.

  • Auch scheint die Histaminose schlicht nicht ins Denkschema mancher Mediziner zu passen. Es kommt mir manchmal vor, wie wenn es dort einen blinden Fleck gäbe. Nach meinem Eindruck beschränkt sich das Medizinverständnis vieler Ärzte bei einer unspezifischen Symptomatik darauf, in einer Schnellabfertigung die einzelnen Symptome mit Medikamenten gegen diese Symptome zu bekämpfen, anstatt in zeitaufwändiger Detektivarbeit der gemeinsamen Ursache aller dieser Symptome auf den Grund zu gehen. Letzteres wäre aber wohl kosteneffizienter, denn die Symptombekämpfung führt zu keiner dauerhaften Besserung, ja sie trägt sogar noch zur Verschlechterung bei, da viele dieser Medikamente für uns unverträglich sind.

  • Nach meinem Eindruck hatten die  meisten heute praktizierenden Ärzte  zu ihren Studienzeiten im Hörsaal noch nichts von Histamin-Unverträglichkeit oder von Mastozytose gehört. Im Internet kommen neue Erkenntnisse schneller an als im Lehrbuch. Wenn Ärzte erstmals von Patienten, die sich im Internet schlau gemacht haben, von dieser Krankheit hören, sind sie natürlich erst einmal sehr skeptisch und halten das für eine Internethypochondrie. Auch heute noch vermitteln mir die zahlreiche Zuschriften Betroffener den Eindruck, dass der Kenntnisstand in der Ärzteschaft weiterhin mangelhaft sein muss. Das Interesse wird auch klein bleiben, solange die Erkrankung umstritten und eine zuverlässige laboranalytische Diagnose nicht möglich ist.

Auch wenn noch nicht gesichert ist, welche der vorgeschlagenen Mechanismen die Histaminose verursachen: Wir Betroffenen haben keinen Zweifel daran, dass das Phänomen existiert, weil wir es täglich am eigenen Leib erfahren können. Dabei müssen wir Qualen durchleiden, die unmöglich eingebildet sein können, wie uns manchmal unterstellt wird. Dieser Erkrankung muss unbedingt schon jetzt die nötige Beachtung zuteilwerden, denn es gibt bereits eine funktionierende Therapie, die den Betroffenen viel Leid erspart und deren Lebensqualität massiv verbessern kann. Diese Therapie auszuprobieren ist deshalb bei Verdachtsfällen unbedingt einen Versuch wert, auch wenn heute eine einfache und zuverlässige Diagnose nicht möglich ist.

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden.