Erdnussallergie, Orale Immuntherapie

Dr. Katharina Blümchen, Oberärztin an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, pädiatrische Allergologie, Pneumologie und Mukoviszidose am Universitätsklinikum Frankfurt

Erdnussallergie: Wie wirkt die orale Immuntherapie (OIT)? Forschungsstand?

Wie ist also der Stand der Forschung zur oralen Immuntherapie bei Erdnuss-Allergie?

Es gibt zwei große randomisierte Studien zur oralen Immuntherapie bei Erdnussallergie. Eine davon war kontrolliert (Eliminationsdiät) und randomisiert, die andere randomisiert doppelblind placebo-kontrolliert. Dabei lag die angestrebte Erhaltungsdosis bei 6 bis 32 kleinen Erdnüssen. In beiden Studien erreichten ca. 84 Prozent der Patienten die angestrebte Erhaltungsdosis. Bei den Provokationen im Rahmen dieser Studien hat man gesehen, dass 49 Prozent bzw. 79 Prozent der Patienten auf die Höchstdosis der oralen Provokation keinerlei allergische Reaktionen mehr zeigten.

Damit weisen diese beiden Studien eine bessere Wirksamkeit nach, als dies in unserer Pilotstudie der Fall war. Dies könnte damit zusammenhängen, dass in diesen beiden Studien eine höhere Erhaltungsdosis gewählt wurde als in unserer Studie. Man vermutet, dass sich die Wirksamkeit der oralen Immuntherapie gegen das Erdnuss-Allergen sich mit der Höhe der Erhaltungsdosis und der Therapiedauer erhöht. Dafür sprechen auch andere Studien zur Immuntherapie auf Erdnuss, bei denen die Patienten das Allergen nicht geschluckt haben, wie bei der oralen Immuntherapie, sondern unter die Zunge eingebracht wurde. Man nennt das eine sublinguale spezifische Immuntherapie (SLIT). Die verabreichte Allergenkonzentration ist bei der SLIT geringer, als bei der oralen Immuntherapie und entsprechend geringer war auch die Wirksamkeit der Therapie nachgewiesen. Um dies aber noch genauer herauszufinden, benötigen wir in jedem Fall noch bessere Langzeitstudien.

Zurück zu den Nebenwirkungen der oralen Immuntherapie….

Die Nebenwirkungen der oralen Immuntherapie gegen Nahrungsmittelallergien sind insgesamt deutlich schwerer als bei der spezifischen Immuntherapie gegen Pollenallergene. Wenn man alle Patienten aller 11 randomisierten, kontrollierten Studien zur oralen Immuntherapie gegenüber Kuhmilch, Hühnerei und Erdnuss betrachtet, so benötigten ca. 10 Prozent der Patienten, die die wirkliche orale Immuntherapie durchgeführt hatten, Adrenalin. In der Placebogruppe waren es hingegen nur 0,4 Prozent.

Neben Kribbeln im Mund, Bauchschmerzen und Übelkeit kann es bei der oralen Immuntherapie zu Erbrechen oder zu Quaddeln kommen. Es kann auch zu Asthmasymptomen kommen, das war in unserer Pilotstudie bei 1,3 Prozent der Allergengaben der Fall.

Was ist der nächste Schritt bei der oralen Immuntherapie auf Erdnuss?

Seit 2011 haben wir eine große Placebo-kontrollierte, 1 zu 1 randomisierte Studie an 63 Erdnuss-Allergikern durchgeführt, die jetzt beendet wurde und sich gerade in der Auswertung befindet. Unter anderem war das Ziel unserer Studie, Prädiktoren für eine gut wirksame und möglichst nebenwirkungsarme Durchführung der oralen Immuntherapie auf Erdnussallergene zu finden. Im Moment, auch bei den anderen publizierten Studien, deutet alles darauf hin, dass dies die weniger stark allergischen Patienten sein könnten, deren spezifisches IgE im Blutserum niedrig ist und die eine höhere Toleranzschwelle bei der oralen Provokation zeigen. Die Frage ist, inwiefern sich für diese Konstellationen konkrete Schwellenwerte festlegen lassen.

Schwieriger wird es bei den Patienten, die stark allergisch sind und deshalb auch ein höheres Risiko tragen, weil sie schon auf geringste Allergenspuren heftig reagieren. Hierzu werden aktuell ebenfalls Studien durchgeführt, bei denen man die Nebenwirkungen, die im Zusammenhang mit der oralen Immuntherapie auftreten, durch ein sogenanntes Anti-IgE, Omalizumab, zu kontrollieren versucht, bis die Erhaltungsdosis erreicht ist.

Wann können betroffene Erdnussallergiker mit Standard-Therapien rechnen?

Mittlerweile interessieren sich Pharma-Firmen für die orale Immuntherapie. Dies ist ein gutes Zeichen, denn ohne das Interesse der Firmen können solche innovativen Therapien nicht zu Standardtherapien werden. Der nächste Schritt wäre jetzt, dass größere Phase II und Phase III Studien durchgeführt werden und hierzu bestehen auch erste Überlegungen.

Auf gar keinen Fall sollte jedoch der Eindruck entstehen, dass die orale Immuntherapie gegen das Erdnuss-Allergen bereits jetzt gängige Praxis ist. Eine solche Therapie außerhalb einer Studie wäre aufgrund der Nebenwirkungen ausgesprochen gefährlich, versicherungstechnisch nicht abgedeckt und für den Patienten und Arzt „ein Spiel mit dem Feuer“! Bis diese Therapie umgesetzt werden könnte vergehen schätzungsweise noch fünf bis zehn Jahre.

Parallel zur Forschung an der oralen Immuntherapie wird aber auch noch an anderen Therapieoptionen geforscht, z.B. die „Epikutane Immuntherapie“. Dazu findet gerade eine internationale Multicenter Studie statt, an der Deutschland aber leider aus Behörden-regulatorischen Problemen nicht beteiligt ist.

Frau Dr. Blümchen, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Quelle:

1) Blumchen K, Ulbricht H, Staden U, Dobberstein K, Beschorner J, de Oliveira LC, Shreffler WG, Sampson HA, Niggemann B, Wahn U, Beyer K., Oral peanut immunotherapy in children with peanut anaphylaxis, J Allergy Clin Immunol. 2010 Jul;126(1):83-91.e1. doi: 10.1016/j.jaci.2010.04.030. Epub 2010 Jun 12

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