Selbsthilfe Erdnussallergie Baumnussallergie

Kristina Schmidt, Gründerin des Nussallergie/Anaphylaxie Netzwerks

Informationen und Hilfe im Alltag beim Nussallergie/Anaphylaxie Netzwerk

Sie erwähnten den Umgang mit bestimmten Situationen - welchen Problemen begegnen die Eltern nussallergischer Kinder?

Viele betroffene Eltern fühlen sich, wie gesagt, allein, denn sie kennen oft niemanden im Umfeld, der gleichermaßen betroffen ist.

Viele kämpfen jedoch auch gegen ein gewisses Unverständnis in der Familie, bei Freunden, in Kindergärten und Schulen. Manchmal wird das Krankheitsbild "Allergie" im Umfeld verharmlost und die Allergie gleichgesetzt mit Schnupfen, tränenden Augen und leichtem Hautausschlag. Das Krankheitsbild der Anaphylaxie mit seinen weit reichenden Konsequenzen ist weitgehend unbekannt. Eltern kämpfen deshalb häufig damit, dass die Allergie nicht ernst genommen wird und sie als Eltern als "hysterisch-überbehütend" wahrgenommen werden, selbst in der eigenen Familie.

Häufig begegnen Eltern anaphylaktischer Kinder auch mangelnder Akzeptanz in Kindergärten und Schulen. Das Personal fühlt sich oft überfordert, es fehlt an Aufklärung und an klaren rechtlichen Regelungen. Das geht bis zur Weigerung, im Notfall den lebensrettenden Adrenalin-Pen zu verabreichen. Auch bei der Allergieprävention in öffentlichen Einrichtungen kann es zu Schwierigkeiten kommen aufgrund mangelnder Bereitschaft, auf erdnusshaltige bzw. nusshaltige Nahrungsmittel zu verzichten -  die Kinder werden dann einfach vom Essen ausgeschlossen.

Oft herrscht auch eine große Verunsicherung bzgl. der Allergenkennzeichnung – die Eltern haben Schwierigkeiten, "sichere" Lebensmittel zu finden. Trotz Allergenkennzeichnungspflicht bleibt die Unsicherheit der produktionsbedingten Verunreinigung durch Allergenspuren, denn der Hinweis "Kann Spuren von Erdnüssen bzw. Nüssen enthalten", ist nach wie vor nur freiwillig und wird von vielen Firmen gar nicht, von anderen Firmen wiederum inflationär eingesetzt. Wie hoch das "Spurenrisiko" tatsächlich ist, bleibt unklar. Deshalb schreiben manche Eltern Firmen an, um zu erfahren, wie diese mit der Kennzeichnung von Allergenspuren umgehen. Für diese Eltern bieten wir auf unsere Website gebündelt hilfreiche Informationen. Unsere Seite ist aber auch eine gute Informationsquelle für Erzieherinnen, Lehrerinnen, Familienmitglieder, Freunde etc..

Und wo liegen die Schwierigkeiten für die von einer Nussallergie oder Erdnussallergie betroffenen Kinder?

Allgemein kann man sagen, dass die alltägliche Konfrontation mit Essenssituationen das größte Problem für die Kinder darstellt. Essen ist allgegenwärtig, es wird überall angeboten und gerne auch als Belohnung eingesetzt. Kleinkinder und Kinder im Kindergartenalter können noch nicht differenzieren, was sie essen dürfen und was nicht und nehmen gerne alles in den Mund. Hier besteht ein sehr hohes Risiko.

Im Grundschulalter wächst das Verständnis der Kinder für die Allergie, aber gleichzeitig wächst auch der Wunsch, dazuzugehören und keine Sonderrolle zu haben. Eine Allergie ist sehr abstrakt, da es keine Symptome gibt, solange das Allergen gemieden wird, aber je nach Sensibilität kann eine Allergenübertragung über Finger im Mund oder einen Bissen innerhalb von Minuten zu schlimmsten Symptomen führen. Das ist für Kinder sehr schwer zu verstehen.

In der Pubertät steht dann die Abgrenzung von den Eltern im Vordergrund. Die Jugendlichen wollen nicht auffallen und gleichzeitig steigt die Risikofreude und ggf. die Nachlässigkeit in Bezug auf das Mitführen der Notfallmedikamente, vor allem, wenn die letzte anaphylaktische Reaktion schon lange zurück liegt.

Eine dementsprechend wichtige Rolle spielen deshalb unsere lokalen Gruppen für die Kinder. Gerade für sie hat der persönliche Kontakt in den lokalen Gruppen natürlich noch einmal eine andere Qualität, denn für die Kinder ist es eine ganz wertvolle Erfahrung, auf andere Kinder mit denselben Problemen zu treffen und auf einer Veranstaltung völlig unbeschwert und uneingeschränkt essen zu dürfen.

Sie erwähnten den manchmal schwierigen Umgang mit Kindergärten und Schulen – was können Sie den Eltern empfehlen?

Wir empfehlen möglichst sachlich, freundlich und offen auf die Einrichtungen zuzugehen. Wir empfehlen aber auch, nicht zu fragen, ob die Einrichtungen bestimmte Dinge tun können, sondern deutlich zu machen, dass es im Zusammenhang mit dem Kind bestimmte Voraussetzungen gibt. Es bedarf klarer Absprachen zur Allergieprävention und zum ärztlich verordneten Notfallplan. Regelmäßige Schulungen sowie eine von den Eltern unterschriebene Haftungsausschlusserklärung mit dem Hinweis, dass die Notfallmaßnahmen von der gesetzlichen Unfallversicherung abgesichert sind, klären auf und nehmen diffuse Ängste.

Hilfreich ist es auch, den Einrichtungen Unterstützung anzubieten, z.B. konkret bei der Organisation von Veranstaltungen mitzuhelfen. Dies ist ganz besonders bei der Organisation des Essens sinnvoll, denn damit haben die Eltern die Kontrolle über die servierten Speisen. Grundsätzlich ist eine Kontrolle im Kindergarten noch leichter zu bewerkstelligen - in der Schule wird dies dann etwas schwieriger. Deshalb empfehlen wir den Eltern nussallergischer Kinder für die Schule eine Konzentration auf den Klassenraum. Durch die direkte Ansprache der Elternschaft kann es gelingen, die Eltern zu überzeugen, dass keine Erdnüsse bzw. Nüsse in die Schule mitgebracht werden. So lässt sich, abhängig von der Bereitschaft der anderen Eltern, oft zumindest der Klassenraum nussfrei halten. Es gibt aber mittlerweile auch schon erdnussfreie Schulen und Kindergärten.

Unsere eigene Grundschule hier in Wuppertal ist zwar nicht offiziell nussfrei, hat aber in Elternbriefen darum gebeten, auf nusshaltige Nahrungsmittel zu verzichten. Auch die Mittagsbetreuung hat darum gebeten und verzichtet selbst komplett auf Nüsse und Erdnüsse.

Aber: Auch bei offiziell erdnussfreien Schulen gibt es natürlich keine Garantie auf absolute Nussfreiheit – es gibt ja keine Eingangskontrollen auf Nüsse. All diese Maßnahmen beruhen auf Freiwilligkeit und ein Restrisiko besteht auch hier.

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