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Reizdarmsyndrom Mikrobiom Mikrobiota Darmflora?

Dr. Friedhelm Mühleib zur Rolle der Darmflora beim Reizdarmsyndrom!

Reizdarmsyndrom, Mikrobiom, Mikrobiota? Welche Rolle spielt die Darmflora?

Das Mikrobiom bzw. die Mikrobiota des Darmes steht im Fokus zahlreicher Studien. Klar scheint zu sein, dass die Darmflora, d.h. die Bakterien, die sich im Darm befinden, einen großen Einfluss auf die Gesundheit des Menschen haben. Auch beim Reizdarmsyndrom (RDS) scheint dies der Fall zu sein. Was weiß man aktuell über die Wechselwirkungen von Mikrobiom und RSD? MeinAllergiePortal sprach mit dem Oecotrophologen und Fachjournalisten Dr. Friedhelm Mühleib, die Darmgesundheit ist eines seiner Spezialgebiete. Als Mitbegründer des Projektes Darmgesundheit berichtet er im Ratgeber Reizdarm regelmäßig über Themen rund um das Reizdarmsyndrom und seine Behandlung.

Herr Dr. Mühleib, was weiß man über die Zusammenhänge zwischen dem Reizdarmsyndrom und unserer Darmflora?

Nicht umsonst wird das Reizdarmsyndrom (RDS) auch als Krankheit mit den vielen Gesichtern bezeichnet. Genauso komplex wie die Symptome des RDS sind auch seine Ursachen: Die Ermittlung der Ursachen gleicht beim Reizdarm oft einem detektivischen Puzzle, bei dem die verschiedensten Faktoren eine Rolle spielen können. Angefangen von Störungen der Darmbarriere mit Mikroentzündungen in der Darmwand über gastrointestinale Infektionen, Hyperaktivität des enterischen Nervensystems und psychosomatische Faktoren bis hin zu einer gestörten Darmflora gibt es eine Vielzahl von möglichen Ursachen für das RDS. Oft führt erst das gleichzeitige Auftreten mehrerer möglicher Ursachen zur Manifestation eines RDS.

Was den Zusammenhang zwischen Reizdarmsyndrom und Mikrobiom betrifft, gibt es viele Hypothesen und Vermutungen, aber noch wenig gesichertes Wissen. Es gilt als sicher, dass es Zusammenhänge gibt. Wie die im Einzelnen aussehen, ist allerdings noch weitgehend unklar. Hier erhofft sich die Wissenschaft in den kommenden Jahren noch viele Erkenntnisse - verbunden mit der Hoffnung auf einen Durchbruch in der Therapie des RDS.

Das Mikrobiom des Darms setzt sich aus einer Vielzahl von Darmbakterien zusammen. Ist es bekannt, ob sich dieses Mikrobiom bei Reizdarmpatienten vom Mikrobiom gesunder Menschen unterscheidet und inwiefern?

Tatsächlich weist die Zusammensetzung des Mikrobioms von Reizdarmpatienten  z. T. erhebliche Unterschiede zu dem gesunder Menschen auf. Noch ungeklärt ist allerdings die Frage: Ist es das veränderte Mikrobiom, was ein RDS ausgelöst oder führt ein manifestes RDS zu Veränderungen im Mikrobiom?

Studien zur Zusammensetzung der Darmflora von Reizdarmpatienten im Vergleich mit der gesunder Menschen konnten signifikante Unterschiede finden. So ist das Vorkommen von Proteobakterien und Bakterien des Stammes Firmicutes beim Reizdarm erhöht. Acinobacter, Bacteroides und Bifidobakterien sind verringert. Der Stuhl von Reizdarm-Patienten zeigt eine geringere Diversität von Bakterien als der Stuhl eines Gesunden, während gleichzeitig ganz bestimmte Bakterienstämme wie Veillonella und Lactobacillus stark vermehrt sind. Einige Bakteriengruppen scheinen sich beim RDS also besonders stark zu vermehren. Was das genau für die Krankheitsentstehung und –behandlung bedeutet, ist bisher noch nicht bekannt.  

Wäre es möglich die Symptome des Reizdarmsyndroms zu lindern, indem man das Mikrobiom verändert?

Leider gibt es auch auf diese Frage nur eine ‚Radio-Eriwan‘ Antwort: Im Prinzip ja - aber wie genau, ist noch unklar. Einerseits ist das Mikrobiom eines Menschen so einzigartig und individuell wie ein Fingerabdruck. Andererseits ist es aber auch lebenslang immer wieder Veränderungen unterworfen, die vor allem durch äußere Einflüsse bedingt sind: Änderungen in der Lebensmittelzufuhr oder der Ernährungsweise, Krankheiten und damit verbunden die Einnahme von Medikamenten – all das sind Faktoren, die auch das individuelle Mikrobiom beeinflussen. Man könnte sagen: Unser Mikrobiom ist permanent im Fluss. Seine Zusammensetzung ist abhängig von vielen Faktoren, die sich einer genauen Kontrolle entziehen. Genau das macht es schwer bis unmöglich, das Mikrobiom in therapeutischer Absicht gezielt zu verändern: Ein Einfluss auf das Mikrobiom ist möglich – aber so lange schwierig, wie es noch keine Definition dafür gibt, was ein ‚gesundes‘ Mikrobiom eigentlich ist.

Welche Rolle könnten Probiotika bei einer gezielten Beeinflussung des Mikrobioms spielen?

Vorläufig kann man sich nur auf die Erkenntnisse aus einer immer größeren Anzahl von randomisierten kontrollierten Studien stützen, die zeigen, dass z.B. der Einsatz bestimmter Bakterienstämme über probiotische Präparate hilft. Die kausalen Zusammenhänge sind jedoch nach wie vor unverstanden. Man sieht, dass der Einsatz von Probiotika helfen kann, versteht aber im Einzelnen den Wirkmechanismus noch nicht.

Wichtig ist hier auch das Wörtchen ‚kann‘:  Niemand kann eine Garantie dafür geben, dass eine Veränderung der Mikrobiota z.B. über den Einsatz von Probiotika zur Linderung der Symptome führt. Andererseits ist positiv anzumerken: Dass der Einsatz von Probiotika auf eine gestörte Darmflora helfend wirken und RDS-Symptome prinzipiell lindern kann, hat inzwischen dazu geführt, dass der Einsatz von Probiotika als evidenzbasierte Therapieoption fester Bestandteil in zwei Leitlinien - Obstipation und Reizdarm - ist.

Welche Bakterien sollten Probiotika zur Behandlung eines Reizdarmsyndroms enthalten?

Wer sich mit der Auswahl eines probiotischen Präparates auf „sicherem Terrain“ bewegen will, sollte sich an die Aussagen der beiden erwähnten Leitlinien halten. Laut Leitlinie Obstipation sind bei funktioneller chronischer Obstipation die Wirkung von Bifidobacterium animalis ssp. Lactis DN-173010, Lactobacillus casei Shirota und Escherichia coli Stamm Nissle 1917 durch randomisiert kontrollierte Studien belegt und wirksam. Die Leitlinie Reizdarm stellt fest, dass  Bifidobacterium infantis 35624, Bifidobacterium animalis ssp. Lactis DN-173010, die Lactobacillen der Stämme Shirota, plantarum und rhamnosus GG sowie  Escherichia coli Nissle 1917 in der Mehrzahl der vorliegenden randomisiert kontrollierten Studien wirksam sind.

Dabei weist die Leitlinie aber auch ganz klar auf Defizite des aktuellen Wissensstandes hin. So wird dort betont, dass es über die in der Leitlinie als wirksam bezeichneten Bakterien hinaus durchaus auch andere Stämme geben kann, für deren Wirksamkeit es derzeit mangels entsprechender Studien einfach noch keine ausreichenden wissenschaftlichen Belege gibt. Da es in der Therapie des Reizdarms noch immer keinen gesicherten ‚Goldstandard‘ gibt, ist die Einnahme eines Probiotikums als weitgehend nebenwirkungsfreie, im Zweifelsfall aber vielversprechende Option immer einen Versuch wert, der im Grunde nicht schaden, bestenfalls Symptome deutlich reduzieren kann.

Wie findet man das richtige Probiotika-Produkt?

Auf Grund dieser noch recht diffusen Gemengelage ist es für Betroffene ausgesprochen schwierig, das ‚richtige‘ Produkt zu finden. Zum einen empfiehlt es sich, die Liste der Bakterien des jeweiligen Präparates mit den in den Leitlinien empfohlenen Stämmen abzugleichen. Zum anderen sollte man die Verwendung mit seinem Therapeuten oder Apotheker besprechen, wobei einschränkend festzustellen ist, dass auch für sie die Beurteilung auf Grund der schwachen Datenlage in der Regel sehr schwer ist.

Betroffene sollten vor allem auf die großen Unterschiede hinsichtlich Wirksamkeit und Sicherheit von probiotischen Bakterienstämmen achten. Es ist ganz und gar nicht egal, welches Probiotikum man einnimmt – und verschiedene Produkte bzw. probiotische Lebensmittel mit verschiedenen Kulturen können bei  verschiedenen Menschen zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen führen. Letztlich sind es die qualitativen und quantitativen Eigenschaften, die über die gesundheitlichen Effekte entscheiden.

Die fünf wichtigsten Kriterien für die Qualität eines Probiotikums sind: Eine ausreichend hohe Anzahl probiotischer Kulturen, das Überleben der Magen-Darm-Passage, der wissenschaftliche Nachweis der gesundheitlichen Effekte sowie die Spezifität der Besonderheit der jeweiligen Bakterienkultur. Wer diesbezüglich  ganz sicher gehen will, findet auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Mukosale Immunologie und Mikrobiom (DGMIM) eine detaillierte Auflistung dieser Anforderungen. Im Zweifelsfall sollten sich Betroffene mit dem jeweiligen Hersteller in Verbindung setzen und die aus der DGMIM-Liste resultierenden Fragen dort klären.  

In welcher Dosis sollte man Probiotika zu sich nehmen, um ein Reizdarmsyndrom zu behandeln?     

Untersuchungen haben gezeigt, dass die Aufnahme einer regelmäßigen täglichen Dosis von mindestens einer Milliarde (109) probiotischen Mikroorganismen erforderlich ist, um eine entsprechende Wirkung im menschlichen Organismus zu erzielen. Die tägliche Dosis bei Einnahme eines probiotischen Präparates sollte entsprechend zwischen zwei und fünf Milliarden Mikroorganismen liegen.

Bei bestehendem RDS ist es sinnvoll, die Behandlung nicht mit probiotischen Lebensmitteln, sondern mit einem Präparat zu beginnen – im Sinne einer regelmäßigen definierten Zufuhr von ausgewählten Kulturen und zur Gewährleistung einer hohen Compliance. Tritt eine Besserung der Beschwerden ein, kann eine Umstellung auf probiotische Lebensmittel und – wo sinnvoll und nötig – eine Änderung des gesamten Ernährungsverhaltens erfolgen. So kann bei Mischköstlern mit hohem Fleischverzehr eine Umstellung auf weitgehend pflanzliche Kost sinnvoll sein. Bei vegetarischer Kost wird im Darm mehr von der Fettsäure Butyrat produziert, die antiinflammatorisch wirkt.

Wann setzt bei den Probiotika eine positive Wirkung ein und wie lange hält sie an?

Wer sich für ein Probiotikum entscheidet, braucht zunächst einmal Geduld.  Eine spürbare Wirkung setzt meist erst nach zwei bis vier Wochen ein. Mit der Einnahme der Probiotika sollte in einer „ruhigen“, beschwerdearmen Phase des RDS begonnen werden. Der Einstieg sollte mit der Hälfte der empfohlenen Tagesdosis starten, um die Mikrobiota an die ‚Neubürger‘ zu gewöhnen.

Die Empfehlung für den Einstieg mit einer niedrigen Dosis ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass es – wenn überhaupt – dann vor allem in der Startphase zu geringen Nebenwirkungen kommen kann: Zu Beginn der Behandlung können empfindliche Menschen  mit leichten Blähungen reagieren, besonders bei Einnahme in hoher Konzentration. In der Regel verschwinden diese Beschwerden nach kurzer Zeit.

Da keine weiteren Nebenwirkungen bekannt sind, gibt es für die Dauer der Einnahme keine Beschränkung – im Gegenteil: Damit positive Veränderungen in der Mikrobiota über einen längeren Zeitraum stabil bleiben, ist eine langfristige Einnahme sinnvoll.   

Die höchste Überlebensrate auf ihrer Reise in den Dickdarm haben probiotische Bakterien übrigens, wenn sie auf nüchternem Magen am Morgen eingenommen werden. Dies gilt auch für den Abend, zwei bis drei Stunden nach der letzten Nahrungsaufnahme.

Herr Dr. Mühleib, herzlichen Dank für dieses Interivew!

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