Anaphylaktische Reaktion (Anaphylaxie)

Allgemein

Unter einer anaphylaktischen Reaktion oder Anaphylaxie versteht man eine allergische Reaktion, die unmittelbar oder wenige Minuten nach dem Kontakt einer Person mit dem auslösenden Allergen auftritt. In ihrer maximalen Ausprägung entspricht man vom allergischen Schock.

Ein Allergen ist eine an sich harmlose Substanz tierischen, pflanzlichen oder chemischen Ursprungs, gegen die das körpereigene Immunsystem unangemessen stark reagiert. Dabei stuft das Immunsystem das betreffende Allergen als feindlich ein und bekämpft es. Der Schweregrad einer anaphylaktischen Reaktion nimmt, bei wiederholtem Allergenkontakt, im zeitlichen Verlauf häufig zu und kann sowohl ein einzelnes Organsystem betreffen (in erster Linie Atemwege, Magen-Darm-Trakt, Haut oder Herz-Kreislaufsystem) oder sich gleichzeitig an mehreren oder allen Organsystemen abspielen. Je mehr Organe an der allergischen Reaktion beteiligt sind, desto schwerer ist im Allgemeinen der Verlauf, der auch mit Herzstillstand und Tod enden kann.

Je nach Schweregrad der Reaktion können leichte bis schwere Organschäden mit bleibenden gesundheitlichen Folgen resultieren. Der anaphylaktische Schock ist ein seltenes Ereignis, die Zahl der berichteten Fälle hat in den letzten Jahrzehnten allerdings zugenommen.

Anaphylaktische Reaktion: Auslöser

Häufige Auslöser einer anaphylaktischen Reaktion sind:

  • Insektengifte: Biene, Wespe, Hummel oder Hornisse etc.
  • Medikamente: Schmerzmittel, Antibiotika, Narkosemittel etc.
  • Nahrungsmittel: Erdnüsse, Baumnüsse, Soja, Fisch, Krusten- und Weichtiere, Kuhmilch, Hühnerei, Sellerie, seltener: Sesam, Weizen, naturlatexassoziierte Nahrungsmittel-Allergene (z.B. Banane, Avocado)

Während im Kindesalter als häufigste Auslöser Nüsse (v.a. Erdnüsse) genannt werden, sind es im Erwachsenenalter mit Abstand am häufigsten Insektengifte, die eine Anaphylaxie zur Folge haben.

Grundsätzlich hat jedes Allergen das Potential, eine anaphylaktische Reaktion auszulösen. Das bedeutet, dass jede prinzipiell harmlose Substanz eines Tages einen anaphylaktischen Schock auslösen kann, wenn sie vom Immunsystem als Allergen bzw. Antigen und damit als gefährlich eingestuft wird.

Anaphylaktische Reaktion: Risikofaktoren

Der Schweregrad einer anaphylaktischen Reaktion ist in der Regel abhängig von der Menge an auslösendem Allergen, das auf die betreffende Person einwirkt. Zusätzlich gibt es Allergen-unabhängige Faktoren, die das Auftreten einer anaphylaktischen Reaktion begünstigen können. In einer Konstellation, bei der mehrere solcher Faktoren zusammenwirken, können bereits geringe Allergenmengen eine schwere anaphylaktische Reaktion bis hin zum Schock zur Folge haben. Ebenso kann das gleichzeitige Einwirken verschiedener auslösender Allergene in jeweils verschwindend geringen Mengen eine anaphylaktische Reaktion auslösen.

Faktoren, die das Auftreten einer Anaphylaxie begünstigen bzw. den Verlauf einer Anaphylaxie ungünstig beeinflussen können:

  • Alkohol
  • Psychische Belastung
  • Körperliche Belastung
  • Medikamente
  • Infekte

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Symptome

Folgende Symptome können im Rahmen einer anaphylaktischen Reaktion auftreten:

  • Haut: Flächenhafte Rötungen (Flush), Juckreiz, Kribbeln, Quaddeln (Urtikaria, Nesselsucht), Schwellungen vor allem im Gesicht (Angio- bzw. Quincke-Ödem)
  • Augen: Bindehautrötung (Konjunktivitis)
  • Magen-Darm-Trakt: Übelkeit, Bauchschmerzen, Erbrechen, Durchfall
  • Atemwege: Schnupfen (Rhinitis), Heiserkeit, Kehlkopfschwellung, Atemnot, Asthma, Atemstillstand
  • Herz-Kreislauf-System: Pulsbeschleunigung (Tachykardie), Blutdruckabfall (Schwindel, Schwächegefühl, „Schwarzwerden vor Augen“, Schwitzen), Herzrhythmusstörungen, Hitzegefühl, Kreislaufschock, Kreislaufstillstand

Bei schwersten Reaktionen kann es zu Stuhl- und Harnabgang, zu Krämpfen und Bewusstlosigkeit kommen. Der Schweregrad der Anaphylaxie wird in Stadien Grad I-IV eingeteilt. Stadium IV entspricht dem anaphylaktischen oder allergischen Schock.

Diagnose

Ein mittel- bis schwere anaphylaktische Reaktion ist ein Notfall, der unmittelbares ärztliches Handeln erfordert, da sich das Beschwerdebild ansonsten rasant verschlimmern kann mit der möglichen Folge eines Kreislaufstillstandes und Tod. Die Diagnose ergibt sich, sofern die Person ansprechbar ist, aus der Befragung (Anamnese) und aus der Symptomatik (siehe unter „Symptome“).

Mittelbar gilt es, auslösende Allergene einwandfrei zu identifizieren, um in Zukunft einen Allergenkontakt nach Möglichkeit zu vermeiden und damit eine weitere anaphylaktische Reaktion zu verhindern. Die Diagnostik umfasst Blutuntersuchungen zum Nachweis von Antikörpern gegen die im Verdacht stehenden Allergene (spezifisches IgE), verschiedene Hauttestungen (z.B. Pricktest, Intrakutantest) und Provokationstestungen (nasal, bronchial oder oral). Provokationstests (z.B. der orale Provokationstest zum sicheren Nachweis einer Allergie gegen ein verdächtigtes Medikament) müssen von entsprechend geschultem Fachpersonal unter Aufsicht und mit der Möglichkeit einer sofortigen notärztlichen Behandlung erfolgen, ggf. auch unter stationären Bedingungen.

Therapie

Bei einer anaphylaktischen Reaktion besteht die Therapie in der Behandlung der aufgetretenen Symptome entsprechend ihres Schweregrades.  

Reaktionen niedrigen Schweregrades (Stadium I, z.B. lokale Hautreaktion, Juckreiz) können meist mit einem oralen oder lokal auf die Haut aufgetragenen Antihistaminikum erfolgreich behandelt werden. Bei leichtgradigen  asthmatischen Beschwerden können zusätzlich Inhalationssprays (Beta-Sympathomimetika, Glukokortikoide) verabreicht werden. Stärkere allergische Reaktionen erfordern in der Regel die systemische (intravenöse) Gabe von antiallergisch wirksamen Medikamenten, wie z.B. Antihistaminika und Glukokortikoide („Kortison“). Zur Erweiterung der Atemwege können Theophyllin und Beta-Sympathomimetika verabreicht, zur Verbesserung der Sauerstoffversorgung kann Sauerstoff inhaliert werden.  Zur Kreislaufstabilisierung steht Adrenalin zur intravenösen oder intramuskulären Gabe zur Verfügung.

Schwerpunkt der Behandlung ist die Offenhaltung der Atemwege und die Stabilisierung des Kreislaufs. Im schwersten Fall eines anaphylaktischen Schocks mit Herzstillstand muss ggf. eine Reanimation erfolgen.  

Anaphylaktische Reaktion: Vermeidungsstrategie

Grundsätzlich ist die beste Therapie für Anaphylaxie-Betroffene die Meidung des auslösenden Allergens (Allergenkarenz). Grundvoraussetzung dafür ist, dass das betreffende Allergen identifiziert wurde und dass die Person über dessen Vorkommen Kenntnis hat. Allergenkarenz ist einfach z.B. bei Allergie gegen bestimmte Kosmetika, Medikamente oder Tiere.

Komplizierter ist eine Allergenkarenz z.B. bei verarbeiteten Lebensmitteln, da deren Inhaltsstoffe nicht immer ausreichend kenntlich gemacht werden (z.B. Nüsse in Schokolade). Da z.B. auch Insektenstiche nicht zuverlässig zu vermeiden sind, sollte ein Insektengiftallergiker stets ein Notfallset mit sich führen. Dieses muss ein orales Antihistaminikum, ein orales Glukokortikoid („Kortison“) und einen Adrenalin-Autoinjektor (Fertigspritze für die intramuskuläre Injektion in den Oberschenkel) enthalten.

Eine Insektengift-Allergie kann darüber hinaus erfolgreich durch eine Spezifische Immuntherapie (SIT, Hyposensibilisierung, „Allergie-Impfung“) behandelt werden. Dabei wird dem betroffenen Allergiker in regelmäßigen Abständen eine kleine Menge des Allergie-Auslösenden Insektengifts unter die Haut des Oberarms (subkutan) gespritzt. Die Folge ist eine Toleranzentwicklung bzw. Immunität gegenüber erneuten Stichen des Insekts.

Die Spezifische Immuntherapie (SIT) ist auch bei Pollen-, Hausstaub-, Schimmelpilzallergien und bei Allergien gegen manche Tiere zugelassen, darüber hinaus steht eine solche Therapie auch in Form von Tropfen oder Tabletten („Grastablette“) zur Verfügung.

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Praktische Tipps

  • Stellen Sie nach einem durchgemachten anaphylaktischen Schock sicher, dass die Ursachen bzw. die auslösenden Faktoren identifiziert werden.
  • Versuchen Sie, das Allergen bzw. die Konstellation zu vermeiden, die den allergischen Schock ausgelöst hat.
  • Tragen Sie Ihr Notfallset stets bei sich und deponieren Sie zusätzliche Sets im Büro, im Auto, im Fitnessstudio, bei Freunden, in der Schule oder im Kindergarten etc.
  • Kontrollieren Sie regelmäßig das Verfallsdatum aller Notfallsets und sorgen Sie rechtzeitig für Ersatz.
  • Machen Sie eine Anaphylaxie-Schulung bei AGATE - Arbeitsgemeinschaft Anaphylaxie – Training und Edukation e.V. www.anaphylaxieschulung.de und bitten Sie auch Ihre Angehörigen/Partner diese mitzumachen.

Quellen

  • Worm, Margitta: Epidemiologie der Anaphylaxie. Hautarzt 2013
  • Johannes Ring (DAAU), Claus Bachert (DGAKI), Carl-Peter Bauer (GPA), Wolfgang Czech (ÄDA) – alle Hrsg.: Weißbuch Allergie in Deutschland. 3. Überarbeitete und erweiterte Auflage Springer Medizin, Urban & Vogel GmbH, München 2010
  • Ute Körner, Astrid Schareina, Nahrungsmittelallergien und -unverträglichkeiten in Diagnostik, Therapie und Beratung, Karl F. Haug Verlag, Stuttgart 2010
  • Anaphylaxie: Therapie, Notfallausrüstung und Patientenschulung, Prof. Dr. med. Ludger Klimek und Prof. Dr. med. Johannes Ring, Spitzenforschung in der Allergologie – Innovationen und Auszeichnungen 2012, ALPHA Informations-GmbH, Lampertheim 2012

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