Allergie gegen Schimmelpilze

Allgemein

Die genaue Zahl der weltweit vorkommenden Schimmelpilzarten ist nicht bekannt. Man schätzt ihre Zahl derzeit auf 1.000.000 verschiedene Arten, von denen ca. 100.000 wissenschaftlich beschrieben sind. In Mitteleuropa kommen davon ca. 200 Arten vor.

Sie ernähren sich von totem, organischem Material durch Fermentation und Assimilation. Einige wenige Pilzarten leben parasitär. Feuchtigkeit ist für das Pilzwachstum essentiell. Da sie im Gegensatz zu Pflanzen keine Photosynthese betreiben, können sie auch an dunklen Orten, z.B. im Keller, überleben.

Während ihres Lebenszyklus durchlaufen sie eine asexuelle und sexuelle Fortpflanzungsphase, in welchen Sporen freigesetzt werden. Die Konzentration von Schimmelpilzsporen in der Luft erreicht im Spätsommer einen Maximalwert von ca. 10.000 pro m3 Luft. Eine ganz besonders starke Schimmelpilz-Exposition findet man in der Landwirtschaft, bei Winzern, Gärtnern, in der Lagerhaltung und in Klimaanlagen. Auch in Topfpflanzen, Luftbefeuchtern, Kellern und Badezimmern finden sich vermehrt Schimmelpilzsporen. Schätzungen zufolge sollen ca. 20 Prozent aller Wohnungen einen Schimmelpilzbefall aufweisen.


Schimmelpilze: Lebensbedingungen und Nahrung

Feuchtigkeit ist für das Wachstum von Schimmelpilzen essentiell. Sie gedeihen ubiquitär bei einer Luftfeuchtigkeit von > 80 Prozent und bei Temperaturen zwischen 0 und 40°C. Sie ernähren sich von Pflanzen- und Tierresten.

Eine ausreichend hohe Luftfeuchtigkeit ermöglicht die Sporenbildung und damit Fortpflanzung der Schimmelpilze. Bei den allergologisch relevanten Schimmelpilzen der Gattung Alternaria und Cladosporium wird die Sporulationsrate, d.h. der Grad der Sporenbildung, durch Sonneneinstrahlung erhöht. Entsprechend finden sich die höchsten und damit allergierelevanten Sporenkonzentrationen in den Sommermonaten. Die Sporenmenge liegt dabei häufig 1000fach höher, als die Pollenmenge. Durch Luftturbulenzen und das feuchte Klima nimmt die Sporenkonzentration nach einem Gewitter noch weiter zu. Insbesondere Alternaria alternata konnte als Risikofaktor für das Auftreten eines Gewitterasthmas ermittelt werden.


Klinisch relevante Schimmelpilze

Es konnten bereits zahlreiche IgE-vermittelte Allergien auf Schimmelpilze nachgewiesen werden. Zu den aus allergologischer Sicht wichtigsten Arten gehören sicherlich Schimmelpilze der Gattung Alternaria, Cladosporium, Penicillium und Aspergillus. Alternaria und Cladosporium kommen hauptsächlich im Outdoor-Bereich vor. In Innenräumen hingegen finden sich häufiger Penicillium und Aspergillus. Insbesondere in den Sommermonaten treten hohe Sporenmengen in der Außenluft auf. Bei allergischen Beschwerden im Sommer und Spätsommer sollte differentialdiagnostisch auch an eine Alternariaallergie gedacht werden. 

Schimmelpilzarten und ihre Quellen mein allergie portal com 


Prävalenz: Wie häufig sind Allergien auf Schimmelpilze?

Die Prävalenz einer Schimmelpilzsensibilisierung in Deutschland wird bei knapp 5% vermutet. In Studien werden jedoch auch Sensibilisierungsraten zwischen 6 bis 10 Prozent und 5 bis 50 Prozent angegeben. Die uneinheitliche Datenlage begründet sich durch die hohe Variabilität der Schimmelpilzstämme und in der unzureichenden Standardisierung der diagnostischen Allergenextrakte. Auch die Studienlage ist auf Grund von Testungen unterschiedlicher Schimmelpilze, mit unterschiedlichen Testverfahren und nicht-standardisierten Testverfahren, uneinheitlich.


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Symptome


Pathophysiologie: Wie reagiert der Körper bei einer Allergie auf Schimmelpilze und welche Mechanismen liegen dem zu Grunde?

Viele Allergene der Schimmelpilze sind Glykopeptide und befinden sich in den Sporen, Hypen bzw. in Myzelbruchstücken (Myzel = Gesamtheit der fadenförmigen Pilzzellen). Nach Aufnahme eines Allergens kommt es zur Bildung von IgE-Antikörpern durch B-Lymphozyten. Die IgE-Antikörper binden sich an Mastzellen, Granulozyten, Makrophagen und Lymphozyten. Bei erneutem Allergenkontakt kommt es zu einer Vernetzung zwischen den Allergenen und den IgE-Antikörpern auf diesen Zellen, was eine Degranulation v.a. der Mastzellen und Einleitung einer sofortigen allergischen Entzündungsreaktion zur Folge hat. Im späteren Verlauf wandern Entzündungszellen in die Schleimhäute aus und bewirken dort durch Freisetzung spezifischer Mediatoren die Ausbildung einer chronischen Entzündung.

Weiteres Gefährdungspotenzial über nicht-allergische Mechanismen besteht durch Emissionen mikrobieller flüchtiger organischer Verbindungen (microbial volatile organic compounds) MVOC oder VOC, Mykotoxine und Zellbestandteile, wie z.B. ß-Glucane.

Darüber hinaus ist das Auslösen von Allergien unter Umständen auch über nicht-allergische Mechanismen, z.B. über Mykotoxine durch immunsuppressive, d.h. immunologische Vorgänge unterdrückende, und inflammatorische, d.h. Entzündungen auslösende Eigenschaften möglich. Eine Immunsuppression, d.h. eine Unterdrückung des Immunsystems, kann zu einer verminderten Widerstandsfähigkeit gegenüber Infekten oder einer Stimulation der Immunantwort führen, was wiederum entzündliche oder autoimmunähnliche Prozesse auslösen kann und u.a. eine Sensibilisierung gegen Allergene begünstigen kann.

Nachgewiesen wurde eine immunmodulatorische, d.h. das Immunsystem verändernde, Wirkung von Mykotoxinen(Schimmelpilzgiften) durch Veränderung der Zytokinexpression (Inhibierend, stimulierend und/oder toxisch).


Mögliche Folgen einer Schimmelpilzexposition

Durch Schimmelpilze können die folgenden Beschwerden ausgelöst werden:

  • Infektionen bzw. Atemwegserkrankungen
  • Belästigende, reizende und toxische Wirkung
  • Unspezifische bronchiale Hyperreaktivität (Überempfindlichkeit der Bronchien gegen Reize)
  • Asthma
  • Allergien, u.a. bronchopulmonaleAspergillose, exogen allergische Alveolitis
  • Symptome des Sick-Building Syndroms, wie: Kopfschmerz, Schleimhautreizung, Schlafstörungen


Die Symptome bei einer Allergie können die einer allergischen Rhinokonjuktivitis und eines Asthma bronchiale sein:

  • Laufende, juckende oder verstopfte Nase
  • Niesanfälle
  • Tränende, juckende, gerötete Augen
  • Hustenreiz, Giemen, Asthmaanfall
  • Mattigkeit, Schlafstörungen, Leistungseinschränkungen

Auch urtikarielle und ekzematöse Hautveränderungen wurden beschrieben.

Es gilt als erwiesen, dass Feuchtigkeitserscheinungen und/oder Schimmelbefall in Wohnungen mit einem erhöhten Risiko für Atemwegsbeschwerden und Infektionen der Atemwege einhergehen. Ursächlich hierfür können allergologische, infektiöse und/oder toxische Mechanismen sein.

Die aktuelle Studienlage lässt bei Kindern einen Zusammenhang zwischen Asthmaentstehung und Schimmelpilzexposition vermuten. Kein Zusammenhang findet sich allerdings zwischen einer Schimmelpilzexposition und der Ausbildung einer allergischen Rhinitis. Bei Erwachsenen scheint eine Schimmelpilzsensibilisierung, im Gegensatz zu anderen Allergenen, kein wesentlicher Faktor für die Entstehung eines Asthmas zu sein. Andererseits konnte nachgewiesen werden, dass eine Alternariasensibilisierung ein klarer Risikofaktor für das Auftreten eines Asthmaanfalls nach einem Gewitter ist (Gewitterasthma). Die Schwellenkonzentration zur Auslösung allergischer Symptome soll dabei bei 100 Sporen/m3 Alternaria alternata, mehr als 10 Sporenfragmenten/m3 von Alternaria alternata und 50 Graspollen/m3 liegen.

Des weiteren bewirkt eine Senkung der Schimmelpilzbelastung eine Verbesserung asthmatischer und rhinitischer Beschwerden bei Asthmatikern. Zu unterscheiden ist bei den im Innenraumbereich angesiedelten Schimmelpilzarten zwischen dem Penicillium, der ein Risikofaktor für Asthma ist und den Aspergillussporen, mit denen ein Atopierisiko verbunden ist.

Auch wenn keine IgE-vermittelte Allergie auf Schimmelpilze vorliegt, geben exponierte Personen oftmals unspezifische Beschwerden an (Kopfschmerzen, Müdigkeit, Abgeschlagenheit). Daneben finden sich häufig Beschwerden der oberen und unteren Atemwege (Niesreiz, Nasenatmungsbehinderung, Atembeschwerden). MVOC und Mykotoxine stehen im Verdacht über nicht-allergische, immunmodulatorische Mechanismen für die Auslösung unspezifischer Symptome wie die eines Sick-Buidling-Syndroms verantwortlich zu sein.

Bislang konnten noch keine klar messbaren Biomarker ermittelt werden, an denen man eine gesundheitsgefährdende Schimmelpilzexposition belegen kann. Auch ist nicht abschließend geklärt wie hoch eine gleichzeitige Exposition zu Bakterien, Amöben und Milben zu bewerten ist. Somit fehlt bislang eine kausale Ursachen-Wirkungsbeziehung zwischen Schimmelbefall und diesen Beschwerdebildern.

 

Diagnose


Bei der Diagnose steht zunächst die anamnestische Erfassung der allergischen Beschwerden im Vordergrund. Zeitraum der Beschwerden sowie eine mögliche ortsgebundene Verschlechterung können hierbei wichtige Hinweise bezüglich einer Indoor- oder Outdoor-Exposition liefern. Ein Symptomtagebuch kann hilfreiche Informationen zur Differenzierung zwischen einer Gräserpollen- und/oder Alternariaallergie liefern.

Ansonsten erfolgt die Diagnostik durch den Nachweis positiver Hauttests wie z.B. Prick-Test oder Intrakutantest, und spezifischer IgE-Antikörper im Serum. Eine nasale Provokationstestung kann eine klinisch relevante Sensibilisierung bestätigen.

Allergien auf Schimmelpilze nehmen derzeit noch einen kleinen Bereich allergischer Erkrankungen ein. Derzeit geht man davon aus, dass vor allem Expositionen im Outdoor-Bereich relevant für die Ausbildung einer klinisch relevanten Sensibilisierung sind. Bei allergischen Beschwerden im Innenraumbereich sollte primär zunächst eine Allergie auf Hausstaubmilben und Tierhaare abgeklärt werden.

Das Problem ist der Nachweis einer klinisch relevanten Exposition.

Derzeit sind die diagnostischen Möglichkeiten zur Abklärung einer Sensibilisierung gegen Schimmelpilze noch stark limitiert. Die große Artenvielfalt der Schimmelpilze erklärt, weshalb bisher nur gegen ein kleines Spektrum allergische Testungen durchgeführt werden können. Des weiteren unterliegen die Stämme einer großen Variabilität, so dass bislang keine Standardisierung der Schimmelpilzallergene gelang.

Zudem existieren bislang noch keine standardisierten Messverfahren, die eine Schimmelpilzexposition bzw. -belastung in Innenräumen quantitativ verlässlich widerspiegeln würden. Es fehlen klar messbare Biomarker, anhand derer man eine gesundheitsgefährdende Schimmelpilzexposition belegen könnte. Auch ist nicht abschließend geklärt wie hoch eine gleichzeitige Exposition zu Bakterien, Amöben und Milben zu bewerten ist.

Die aktuell genutzte Sedimentationsmethode mit Fangplatten, mit der koloniebildende Schimmelpilzeinheiten pro m3 bestimmt werden, weist noch hohe Fehlerraten auf. Das Problem liegt darin, dass die Beschwerden oft durch nicht keimfähiges biologisches Material, wie z.B. abgestorbene Sporen, Bruchstücke von Hyphen, mikrobielle Toxine etc. ausgelöst werden, die messtechnisch nicht oder nur schwer erfasst werden können. Hinzu kommt, dass größere Schäden durch Schimmelpilzbefall oft unsichtbar in Dämmebenen von Fußböden, hinter Wandverkleidungen oder in Wandmaterialien versteckt sind; oftmals lassen sich dann auch keine Schimmelpilzsporen in der Raumluft nachweisen.

Auch wenn Atemwegserkrankungen, Asthma, Allergien und unspezifische Symptome sich bei vorliegendem Feuchtschaden ausbilden bzw. verschlimmern können, so kann derzeit kein eindeutiger kausaler Zusammenhang zwischen diesen Beschwerden und einem Schimmelpilzbefall in Innenräumen hergestellt werden.

Therapie

Konnte eine IgE-vermittelte Allergie gegen Schimmelpilze nachgewiesen werden, steht zunächst eine Meidung der Allergene im Vordergrund.

Bei einer Allergie gegen einen vornehmlich im Außenbereich vorkommenden Schimmelpilz, sollte man in Zeiten starker Sporenkonzentrationen landwirtschaftlich genutzte Gegenden meiden und sich eher in Innenräumen aufhalten.

Sollte ein Schimmelbefall in der Wohnung vorliegen, ist die Sanierung der Innenräume die wichtigste Maßnahme. Zur Behandlung der Symptome können Antihistaminika oder Cortison eingesetzt werden. Möglich ist auch eine Spezifische Immuntherapie (SIT).

Praktische Tipps

Eine wichtige Bedeutung bei der Allergie gegen Schimmelpilze kommt der Prophylaxe zu, weshalb man die folgenden Maßnahmen beachten sollte:

  • Die Luftfeuchte durch häufiges kurzzeitiges Lüften möglichst unter 50 Prozent halten
  • Keine Luftbefeuchter einsetzen
  • Keine Zimmerpflanzen aufstellen
  • Wohn- und Schlafbereich regelmäßig reinigen
  • Staubsauger mit Mikrofiltern einsetzen
  • Glatte Böden und Flächen feucht Wischen
  • Komposteimer auf dem Balkon bzw. im Freien aufbewahren
  • Küchenabfälle gleich aus der Wohnung entfernen
  • Rasenmähen oder Arbeit am Komposthaufen vermeiden (Aufwirbeln von Sporen)


Bei bestehendem Schimmelpilzbefall:

  • Eine oberflächliche Entfernung ist oftmals nicht ausreichend, nötig ist eine professionelle Sanierung durch Sanierungsfachfirmen
  • ggf. Schimmelpilzmessung durch ein zertifiziertes Labor
  • Anwendung von Schimmelbekämpfungsmittel (Fungizide) durch Laien sind aufgrund ihrer gesundheitsschädlichen Wirkung nicht empfehlenswert

 Vorbeugung und Sanierung bei Schimmelpilzbefall von Innenraeumen mein allergie portal

 

Quellen

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  • Trautmann A. „Allergiediagnose Allergietherapie“  Thieme Verlag, Stuttgart, New York; 2006
  • Gellrich S., Zuberbier T.  „Innenraumallergene“ 2001 • 52:915–924 © Springer-Verlag 2001
  • Rabe U. „Sind Schimmelpilze im Outdoor-Bereich relevante Inhalationsallergene?“ Allergologie, Jahrgang 34, Nr. 1/2011, S. 10-19
  • Herbarth O., Müller A. „Allergien durch Schimmelpilze: Ergebnisse aus epidemiologischen, umweltmedizinischen und interventionellen Studien.“ Allergologie, Jahrgang 34, Nr. 1/2011, S.3-9
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  • Raulf-Heimsoth M., Gabrio T., Lorenz W., Radon K. „Vorkommen und gesundheitliche sowie allergologische Relevanz von Schimmelpilzen aus der Sicht der Umwelt- und Arbeitsmedizin, der Innenraumhygiene und der Epidemiologie“ Allergo J 2010; 19: 464–76
  • Herr C. E. W., Eikmann T., Heinzow B. und Wiesmüller G.A. „Umweltmedizinische Relevanz von Schimmelpilzen im Lebensumfeld“ Umweltmed Forsch Prax 15 (2) 76 – 83 (2010), S. 76-83
  • „WHO guidelines for indoor air quality: dampness and mould.” Geneva: World Health Organization; 2009. 
WHO Guidelines Approved by the Guidelines Review Committee.

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