Helmholtz Zentrum München: Allergieforschung Allergieepidemie

Prof. Dr. Carsten Schmidt-Weber, Direktor des Instituts für Allergieforschung und Leiter des Zentrums Allergie und Umwelt der Technischen Universität München (TUM) und des Helmholtz Zentrums München (ZAUM) zur Allergieepidemie und seinen Foschungsprojekten!

Helmholtz Zentrum München: Allergieforschung und praktische Umsetzung!

Ist eine solche Folgestudie geplant?

Die Finanzierung einer solchen Folgestudie dürfte sehr schwierig werden. Aufwand und Kosten für solche Studien sind enorm – das geht in Millionenhöhe! Allein um das Patientenkollektiv von 39 Patienten für diese Studie zu finden, mussten 10.000 Patienten kontaktiert und mehrere hundert Patienten untersucht werden. Wichtig ist bei diesen Studien, dass andere Erkrankungen ausgeschlossen werden. Auch Frauen in gebärfähigem Alter kommen für eine solche Studie nicht in Frage.
Um überhaupt Studien durchführen zu können, benötigt man Geldgeber aus der Industrie und auch staatliche Unterstützung. Angesichts der sich rasant ausbreitenden Allergie-Epidemie wäre dies auch gut investiertes Geld. Paradoxerweise beobachten wir zurzeit, dass trotz steigender Allergikerzahlen, die Anzahl der Verschreibungen für die spezifische Immuntherapie zurückgeht und die Krankenkassen tun wenig, um diese Therapie zu fördern.

Woran liegt das mangelnde Interesse der Krankenkassen an einer frühzeitigen Behandlung bzw. Prävention von Allergien?

Ein Problem scheint zu sein, dass eine spezifische Immuntherapie eine langfristige Therapie ist, deren positive Ergebnisse, wie z.B. die Vermeidung von Asthma, für die Krankenkassen, aber auch gesundheitspolitisch, erst langfristig spürbar werden – die Kosten für die SIT fallen jedoch heute schon an.

Wie so oft, sucht man von Seiten der Politik und der Krankenkassen in erster Linie kurzfristige Erfolge. Unser Ansatz in Richtung Prävention und Kostenvermeidung in Zeithorizonten von drei bis fünf Jahren passt nicht in dieses Konzept und die Leidtragenden sind die Allergiepatienten. Aus meiner Sicht ist das enttäuschend, denn ich hätte von der deutschen Politik ein vorausschauenderes Handeln erwartet.

Kann man denn abschätzen, was es kostet, wenn man das Thema Allergien gesundheitspolitisch ignoriert?

Wenn man konservative Schätzungen des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) auf Gesamtdeutschland hochrechnet, kann man von Gesundheitsausgaben für die Behandlung von Allergien in Höhe von 4,4 Milliarden € pro Jahr ausgehen, wahrscheinlich ist es tendenziell mehr. Dies sind aber nur die direkt zuordenbaren Kosten. Hinzu kommen z.B. Kosten für Fehlzeiten oder für den Ausgleich von Leistungsschwächen allergischer Schulkinder. Wir wissen z.B., dass Kinder mit Allergien durchschnittlich eine Note schlechter abschneiden, als Kinder ohne Allergien.

Das Schlimmste aber ist, dass wir mindestens 30 Prozent der Allergien – und damit viel menschliches Leid - von vornherein verhindern könnten, wenn die Gesundheitspolitik dies zulassen würde!

Welche Maßnahmen ergreifen Sie, um die frühzeitige Behandlung von Allergien auf die politische Agenda zu setzen?
Wir setzen an vielen Stellen an, um das Thema Allergien stärker in den Fokus zu rücken. So arbeiten wir z.B. eng mit der European Academy of Allergy & Clinical Immunology (EAACI) zusammen. Weiter ist für 2017 ein Allergieinformationsdienst geplant, der Informationen zu Allergien für die Öffentlichkeit bereitstellen wird und auch mit der Pharmaindustrie arbeiten wir eng zusammen.

Zudem arbeiten wir projektweise an bestimmten Themenstellungen, die im Zusammenhang mit Allergien relevant sind, und vernetzen diese auch untereinander. Ein Beispiel ist ein Projekt zur  Ambrosia, eine Pflanze, die aus den USA kommt, hochallergen ist und sich in Deutschland ungehindert ausbreitet. Das Ambrosia-Projekt ist mit unserem Projekt „Automatisches  Pollenmesssystem“ verknüpft, das wir gerade in Bayern  aufbauen. Im automatischen Pollenmesssystem monitoren wir auch Ambrosiapollen und können so deren Ausbreitung nicht nur nachverfolgen, sondern auch den Standort der Pflanzen orten. Ein Beispiel: Wir haben den Hinweis, dass im Bayreuther Raum viele Ambrosiapollen aufgetreten sind. Anhand der Ambrosiapollen aus unseren Pollenfallen und den jeweiligen Wetterdaten können wir die Quelle lokalisieren und die Pflanzen vernichten. Aus dem Monitoring des Pollenflugs wird so ein Instrument zur Prävention der Ambrosia-Verbreitung und natürlich ist es unser Ziel, unser automatisches  Pollenmesssystem auch anderen Bundesländern zur Verfügung zu stellen.

Darüber hinaus arbeiten wir an einer Reihe von Forschungsprojekten zur  Allergieprävention.

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