Allergologie Kloster Allergie

Prof. Klimek bei der Begrüßung zu "Allergologie im Kloster"

Allergologie im Kloster: Das Aktuellste aus Forschung und Praxis

Zum 13. Mal war das Kloster Eberbach Treffpunkt von über 1.200 Allergologen und allergologisch arbeitenden Medizinern aller Fachrichtungen. Aktuelle Forschungserkenntnisse zu Allergien, neue Leitlinien, innovative Therapieansätze und konkrete Hinweise zur Umsetzung im Praxisalltag wurden von namhaften Referenten aus dem In- und Ausland vorgestellt. „Egal aus welcher Fachrichtung wir kommen, ob wir HNO-Ärzte, Kinderärzte, Internisten, Pneumologen oder Dermatologen sind, die Allergologie vereint uns alle“ brachte Prof. Ludger Klimek, Veranstalter, Kongresspräsident und Leiter des Zentrums für Rhinologie und Allergologie Wiesbaden das Anliegen der Veranstaltung "Allergologie im Kloster" auf den Punkt.

Precision Medicine – bessere Therapien bei chronischer allergischer Rhinitis und Rhinosinusitis

prof ralph moesges und prof joaquim mullol bei allergologie im klosterProf. Ralph Mösges und Prof. Joaquim MullolTrotz vorhandener Therapien sind Patienten mit schwerer chronischer allergischer Rhinitis und Rhinosinusitis häufig nicht beschwerdefrei. Dies könnte sich in Zukunft ändern, denn in den letzten Jahren konnte man die Mechanismen, die hinter Erkrankungen der oberen Atemwege stecken, immer besser definieren. So weiß man mittlerweile, dass unterschiedliche Mediatoren, Rezeptoren und intrazelluläre Signalwegen an den Entzündungsreaktionen der oberen und unteren Atemwege, man spricht auch von „United Airways“, beteiligt sind.

Genau dort setzen innovative Therapieoptionen wie Prostaglandin Rezeptor Agonisten und Antagonisten, Anti-Interleukine, Biologika und neue Kombinationspräparate an, wie Prof. Joaquim Mullol, Rhinology Unit & Smell Clinic ENT Department, Hospital Clinic – IDIBAPS aus Barcelona in seinem Vortrag vorstellte. Neue Therapieansätze verspricht man sich u.a. auch von der Erforschung des sinonasalen Mikrobioms. Für die Patienten bedeutet diese Entwicklung in Richtung „Precision Medicine“ die Möglichkeit einer individuelleren, personalisierten und letztendlich wirkungsvolleren Therapie.

Asthmabeschwerden trotz Therapie? Mögliche Ursachen!

Asthmabeschwerden trotz regelmäßiger Medikamentengabe? Für viele Asthmapatienten gehört dies zum Alltag. Die Gründe dafür können vielfältig sein. Z.B. kann Asthma auch mit anderen Erkrankungen der Atemwege, z.B. COPD oder VCD, verwechselt werden. Die Symptome dieser Erkrankungen ähneln sich oft sehr, die Therapien können jedoch völlig anders aussehen und die Asthmamedikamente wirken bei Nicht-Asthmatikern aus diesem Grunde oft nicht.

Aber auch Fehler beim Umgang mit dem Inhalator können dazu führen, dass die Therapie nicht ausreichend wirkt, ein häufiger Grund für unkontrolliertes Asthma. Schließlich ist gerade beim Asthma die Mitarbeit des Patienten essentiell wichtig. Eine gesunde Lebensführung, Triggervermeidung, gerade bei Tierhaarallergien, und der Verzicht auf das Rauchen sind die Voraussetzung für eine wirkungsvolle Therapie.

Asthmatherapie – Symptomkontrolle, aber auch Vermeidung von Nebenwirkungen!

prof marek lommatzschProf. Marek LommatzschNach GINA, der „Global Initiative for Asthma“ ist nicht allein die Symptomkontrolle das Therapieziel bei der Asthmabehandlung, sondern es gilt auch, Nebenwirkungen zu vermeiden. Im Verlauf der Therapie sollte, je nach Symptomlage, sowohl der Therapiewirkstoff als auch die Dosierung regelmäßig angepasst werden, der Steroideinsatz sollte möglichst gering sein. Auch bei der Asthmatherapie zeigt sich also eine Entwicklung hin zu individuelleren, personalisierten Ansätzen.

Eine Therapieoption mit relativ milden Nebenwirkungen könnte in Zukunft die spezifische Immuntherapie sein, die aktuell für die Behandlung von Patienten mit schwerem unkontrolliertem Asthma noch nicht zugelassen ist. Die aktuelle MITRA-Studie (Virchow et al., JAMA 2016) an Hausstaubmilben-Allergikern konnte zeigen, dass auch Patienten mit nicht gut kontrolliertem Asthma von einer sublingualen Immuntherapie profitieren, ohne einem erhöhten Risiko an Nebenwirkungen ausgesetzt zu sein.

Auch Biologika werden laut Prof. Marek Lommatzsch, Universitätsmedizin Rostock, bei der Therapie von unkontrolliertem Asthma eine zunehmend wichtigere Rolle spielen. Aktuell stehen hier Anti-IgE und Anti-IL-5 zur Verfügung. Beim Anti-IgE könnte sich für die Zukunft ein erweitertes Anwendungsfeld ergeben. Nach neuesten Erkenntnissen wirkt Anti-IgE, anders als bisher vermutet, nicht allein anti-allergisch. D.h. auch Patienten mit nicht-allergischem Asthma könnten von Anti-IgE profitieren.

Hohe Allergikerzahlen durch Ambrosia – eine unterschätzte Gefahr!

prof carsten schmidt weberProf. Carsten Schmidt-WeberDie allergische Entzündung der Atemwege verläuft in Stufen. Zunächst muss ein Mensch mindestens einmal, oft jedoch mehrere Male, mit einem Allergen in Kontakt kommen, bevor eine Sensibilisierung auf das jeweilige Allergen entsteht. Dass diese Sensibilisierung an der Haut oder im Blutserum nachweisbar ist, bedeutet jedoch noch nicht, dass der Patient auch Allergie-Symptome hat. Die Sensibilisierung zeigt lediglich an, dass eine Allergiebereitschaft besteht, ob und wann diese zu klinischen Allergie-Symptomen führt, ist ungewiss.

Dass der Weg vom ersten Allergiekontakt bis zum Ausbruch der Allergie mehrere Jahre dauern kann, verstellt den Blick für eine Gefahr, die sich in Europa und auch in Deutschland aktuell bereits anbahnt – massive Allergien, verursacht durch die Ambrosia. Die aus den USA stammende Pflanze ist dort bereits das wichtigste Allergen. Sie ist hochallergen, sehr fruchtbar, robust und sie breitet sich auch hierzulande weitgehend ungehindert aus.

In einer Mausmodell- Studie des ZAUMs der Technischen Universität und Helmholtz-Zentrums München konnte gezeigt werden, dass nicht nur die Allergene der Ambrosia, sondern auch die nicht-allergenen Substanzen der Ambrosiapollen Entzündungsreaktionen auslösen können, was für die hohe Allergenität der Ambrosia verantwortlich zeichnen könnte. Auch konnte nachgewiesen werden, dass es oft erst nach ca. 8 Ambrosia-Expositionen zu deutlichen Veränderungen des Atemwegsepithels kommt.

Prof. Carsten Schmidt-Weber, Direktor des ZAUMs, geht davon aus, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch in unseren Breiten die Zahl der Ambrosia-Allergiker steigt, insbesondere vor dem Hintergrund der Klimaerwärmung. Nötig wäre deshalb eine nationale Agenda um die Ausbreitung der Ambrosia zu verhindern, auch wenn die Zahl der Ambrosia-Allergiker hierzulande zum jetzigen Zeitpunkt noch gering ist.

Lokale allergische Rhinitis (LAR) – Allergie-Symptome bei negativem Allergietest!

prof randolf brehler und prof ludger klimekProf. Randolf Brehler und Prof. Ludger KlimekNormalerweise findet man bei Patienten mit Allergien einen positiven Pricktest oder IgE im Blutserum. Ist trotz typischer Allergie-Symptomatik kein IgE im Blut nachweisbar, könnte eine lokale allergische Rhinitis (LAR) die Ursache sein. Bei Patienten mit LAR findet man zwar ebenfalls IgE, jedoch nicht im Blutserum, sondern ausschließlich im Nasensekret. Eine lokale allergische Rhinitis ist auf alle Umweltallergene möglich.

Wie Kongresspräsident Prof. Ludger Klimek ausführte, haben in Deutschland durchgeführte Studien ergeben, dass die lokale allergische Rhinitis hierzulande im Gegensatz zu Erfahrungen im Europäischen Ausland, kein ausgesprochen häufiges Phänomen ist, man geht von ca. 120.000 Erkrankten aus. Bei intermittierenden Allergien, wie z.B. der von Pollenallergien, betroffenen Patienten, kommt auf 200 Allergiepatienten nur ein Patient mit LAR. Deutlich höher ist die Anzahl der LAR-Betroffenen bei den persistierenden Allergien wie z.B. der Hausstaubmilbenallergie, hier ist das Verhältnis 1: 50.

Liegt beim Patienten eine klare saisonale Symptomatik vor, die die in Frage kommenden Allergene deutlich eingrenzt, kann die Diagnose über eine nasale Provokationstestung erfolgen. Bestehen keine konkreten Hinweise auf das zugrunde liegende Allergen, ist eine IgE-Diagnostik aus dem Nasensekret, das mit Hilfe eines Nasenschwämmchens gewonnen wird, möglich – die Behandlung entspricht der klassischen Form der allergischen Rhinitis. Der Mechanismus der lokalen IgE-Produktion kennt man auch bei anderen Erkrankungen, z.B. bei der chronischen Rhinosinusitis und bei Polyposis Nasi.

Allergische Rhinitis (AR) – auch das Riechvermögen leidet!

prof thomas hummel und prof karl hoermannProf. Thomas Hummel und Prof. Karl HörmannDas Riechen hat eine Warnfunktion, z.B. bei Brandgeruch, Giften oder verdorbenen Lebensmitteln, es spielt jedoch auch bei der sozialen Kommunikation eine wichtige Rolle, z.B. bei der Mutter-Kind-Bindung. Wie Prof. Thomas Hummel, Klinik und Poliklinik für HNO-Heilkunde am Universitätsklinikum Dresden betonte, ist das Riechen und damit einhergehend auch das Schmecken, ein wichtiger Faktor bei der Lebensqualität, dessen Verlust auch zu depressiven Verstimmungen führen kann.

Manche Patienten mit allergischer Rhinitis klagen über einen eingeschränkten Geruchssinn – man geht von ca. 20 bis 40 Prozent der von allergischer Rhinitis Betroffenen aus. Dabei ist bei einer persistierenden allergischen Rhinitis eine Riechstörung häufiger und auch stärker ausgeprägt, als bei einer intermittierenden allergischen Rhinitis. Zudem nimmt der Schweregrad der Riechstörung mit der Dauer der Erkrankung zu. Dabei muss nicht eine allergiebedingte „verstopfte Nase“ die Ursache sein. Allein die Entzündungsvorgänge, die mit einer allergischen Rhinitis einhergehen, können zu einem vollständigen Riechverlust führen.

In Bezug auf die Wirkung einzelner Therapien auf die Riechstörung gibt es deutliche Unterschiede. AR-Therapien mit Antihistaminika scheinen in Studien einen gewissen, jedoch nicht sehr ausgeprägten Effekt auf das Riechvermögen gezeigt zu haben. Einen deutlich positiveren Effekt auf das Riechvermögen schienen Untersuchungen zur Wirkung topischer Steroide zu haben. Allerdings kommt es dabei darauf an, dass der Wirkstoff des Nasensprays die Riechspalte auch erreicht – ein verlängerter Sprühaufsatz könnte helfen. Zur Wirkung der spezifischen Immuntherapie auf Riechstörungen gibt es nur wenige Studien. Diese scheinen jedoch einen signifikant positiven Effekt der SIT auf das Riechvermögen zu zeigten.

Allergie und „Western Lifestyle“ ein Perpetuum Mobile?

prof jeroen butersProf. Jeroen ButersAllergien nehmen zu, insbesondere in den angelsächsischen Ländern wie USA, Australien, Neuseeland, UK, sowie in Skandinavien. Auch in Deutschland steigen die Allergikerzahlen, wobei das Problem in den südlichen Bundesländern deutlich stärker ausgeprägt ist, als im Norden.

Teil des Problems ist der „Western Lifestyle“ und ein zu hygienisches Umfeld. So hat der moderne Mensch quasi keine „Chance“ mehr, mit Parasiten in Kontakt zu kommen, die in Schach zu halten die eigentliche Aufgabe des Immunsystems ist. Warme Wohnungen, saubere Nahrung und sauberes Trinkwasser, kein Kontakt mit Erde und Schmutz. All diese Faktoren haben dazu geführt, dass z.B. früher häufige Parasiten, wie z.B. Würmer, beim modernen Menschen so gut wie nicht mehr vorkommen. Das Immunsystem wird von „realen Feinden“ nicht mehr gefordert und wendet sich harmlosen Allergenen zu – so die Theorie.

Stadt oder Land? Das Allergierisiko unterscheidet sich deutlich!

Stadtbewohner leben gefährlich, wenn es um das Risiko, an einer Allergie zu erkranken, geht. Schon der Umzug in ein Dorf verringert das Allergierisiko um 50 Prozent. Allergiepräventiv wirkt hingegen der häufige Aufenthalt in einem Kuhstall von frühster Kindheit an – die dort herrschende Bakterienvielfalt scheint in Bezug auf Allergien protektiv zu wirken. Ebenso scheint der Kontakt zu Erde ein wichtiger Faktor zu sein, denn es gibt eine Relation zwischen dem steigenden Verbrauch von Asphalt und der Zunahme von Allergien.

Interessant ist eine Studie, die das Allergievorkommen im Grenzgebiet von Finnland und Russland vergleicht. Während in Finnland 33 Prozent der Bevölkerung von Allergien betroffen sind, findet man in Russland kaum Allergien. Ein Grund dafür könnte laut Studie sein, dass die Bakterienvielfalt in Trinkwasser und Hausstaub in Russland deutlich größer ist, als in Finnland.

Luftverschmutzung: Wie befördert sie Allergien und wie sauber ist unsere Luft wirklich?

Die Luftverschmutzung hat in den letzten Jahren abgenommen, zumindest in Bezug auf die relativ großen Partikel der Größe PM 10, d.h. Partikel, die 10 µm groß sind. In Deutschlands Großstädten misst man heute deutlich weniger PM 10 als zu früheren Zeiten und auch der Schwefel- und Ozongehalt der Luft haben deutlich abgenommen.

Eine weniger starke Verbesserung der Luftqualität zeigt sich jedoch bei einem Blick auf die ultrafeien Partikel, den Verbrennungsendprodukten von Automotoren. Diese Partikel werden aufgrund technischer Innovationen immer kleiner und sie dringen deutlich tiefer ins Lungengewebe ein als die PM 10 Partikel. Gerade dieser Anteil von Feinstaubpartikeln der Größe PM 2,5 ist in den letzten Jahren nicht so stark gesunken, ganz abgesehen von noch kleineren ultrafeineren Partikelgrößen wie PM 1, die nicht gemessen werden, weil dies technisch sehr aufwendig ist. Untersuchungen an Mäusen haben gezeigt, dass Feinstaub aus ultrafeinen Partikeln die Allergieentstehung stimuliert, bei Allergenkontakt in Kombination mit ultrafeinem Feinstaub steigt das Allergierisiko.

Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn man sich den Verlauf der Ozonwerte genauer ansieht. Zwar sind die in Städten gemessenen Ozonwerte in den letzten Jahren gesunken, der Anteil der Stickoxide sank jedoch deutlich weniger stark. Auch für Stickoxide konnte man in Studien nachweisen, dass sie die Entstehung von Allergien begünstigen, z.B. steigt das Risiko, an Asthma zu erkranken, bei Menschen, die an stark befahrenen Straßen leben. Prof. Jeroen Buters, Lehrstuhl für molekulare Allergologie am Zentrum Allergie & Umwelt der Technischen Universität München und Helmholtz Zentrum München plädierte deshalb dafür, das Augenmerk bei der Beurteilung der Luftqualität auf neue, relevantere Kennzahlen zu richten. Dabei sollten auch Heizungen stärker in den Fokus rücken, die 33 Prozent der Umweltverschmutzung verursachen und ebenso Baumaschinen.

Allergien verhindern – was weiß man zurzeit?

Noch sind die Mechanismen, die hinter der Entstehung von Allergien stecken, nicht vollständig bekannt. Aktuell scheinen jedoch folgende Faktoren eine allergiepräventive bzw. toleranzfördernde Wirkung zu haben:

- Leben auf dem Land, inmitten grüner Wiesen

- Kontakt zu einem Kuhstall

- Viel im Freien aufhalten

- Kontakt mit vielfältigen Bakterien, d.h. durchaus auch Staub im Wohnbereich dulden

- Das Trinkwasser nicht keimfrei halten

- Früher Kontakt der Kinder mit möglichst vielen Nahrungsmitteln

- Früher Kontakt der Kinder mit Erde und Schmutz

Die Frage ist: Schützen mehr Bakterien oder Parasiten gegen Allergien und welche Konsequenzen hätte dies? Schließlich sind Bakterien und Parasiten nicht ganz ungefährlich, und um Allergien zu verhindern möchte man nicht die Rückkehr längst besiegt geglaubter Erkrankungen in Kauf nehmen. Die Balance zwischen einer Vielfallt an Bakterien, ohne Erkrankungsrisiko, ist der Schlüssel und die Daten aus Russland zeigen, dass dies möglich ist. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass man in Deutschland zum Modell "eigener Brunnen" zurückkehren wird, aber den Kontakt mit der freien Natur und der Erde zu behalten, das sollte möglich sein.

Zu all diesen Fragestellungen wird intensiv geforscht, es gibt also reichlich Stoff für die nächsten „Allergologie im Kloster“-Veranstaltungen!

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