Was hab ich

Anja Bittner, Mitgründerin "Was hab' ich?"

Was hab’ ich? – ärztliche Befunde „übersetzt“ und verständlich erklärt

Was sind die nächsten Schritte für „Was hab‘ ich – wie geht es weiter, auch im Hinblick auf die Finanzierung?“

Die Finanzierung von „Was hab‘ ich?“ ruht momentan auf verschiedenen Säulen. Eine Säule besteht aus den Spenden unsere Nutzer – jeder dritte Patient spendet im Durchschnitt rund 20,- €. Eine zweite Säule besteht in engen Partnerschaften, z.B. mit dem AOK Bundesverband und der Bertelsmann Stiftung, die zur Finanzierung des Portals beiträgt. Eine weitere Säule ist die Kommunikationsausbildung an den Universitäten, die für die Universitäten kostenpflichtig ist. Die Kommunikationsausbildung an den Universitäten wollen wir weiter ausbauen und auch auf die Kliniken ausdehnen.

Noch in diesem Jahr werden wir an einer internistischen Klinik unser Pilotprojekt „Patientenbrief“ starten. Patienten, die aus dem Krankenhaus entlassen werden, bekommen einen Entlassungsbrief, der an den behandelnden niedergelassenen Arzt gerichtet ist. Dieser Brief enthält Angaben zum Grund für den Klinikaufenthalt, den durchgeführten Untersuchungen inkl. der Resultate, der Diagnose und empfohlenen Therapien und Medikamenten. Unsere Idee ist es, den Patienten auch einen Entlassungsbrief zukommen zu lassen, der an sie persönlich gerichtet ist und der all diese Informationen in leicht verständlicher Form enthält. Das wäre dann ein zusätzlicher Service der Klinik für den Patienten. Der Patientenbrief wird von “Was hab‘ ich?“ erstellt, finanziert wird dies jedoch von der Klinik. Wenn dieses Modell erfolgreich ist, könnte sich daraus ein Projekt entwickeln, das dann viel mehr Patienten erreichen kann als „Was hab’ ich?“.

Frau  Bittner, vielen Dank für dieses Gespräch!

Was hab’ ich? – ärztliche Befunde „übersetzt“ und verständlich erklärt

„Was hab‘ ich?“ – das ist die zentrale Frage für alle, die aufgrund von Beschwerden den Arzt aufsuchen. Allerdings sind die Erklärungen des behandelnden Arztes und der ärztliche Befund nicht immer dazu geeignet, diese Frage zu beantworten – oft versteht der Laie nur „Bahnhof“. Eine Lösung für dieses nicht so neue Problem bietet „Was hab‘ ich?“, ein Portal, bei dem Patienten kostenlos ihre Befunde, Röntgenberichte, Arztbriefe etc. von „Medizinerlatein in Patientendeutsch“ übersetzen lassen können. MeinAllergiePortal sprach mit einer der Gründerinnen, Anja Bittner, über die Idee und die Erfahrungen.

 

Frau Bittner, wie viele Anfragen bearbeitet „Was hab‘ ich?“ pro Woche?

„Was hab‘ ich“ beantwortet ca. 150 Anfragen pro Woche, wobei wir nicht alle umgehend bearbeiten können, wir arbeiten ja ehrenamtlich. Es gibt ein „virtuelles Wartezimmer“ und die Anfragen werden der Reihe nach abgearbeitet, so dass man nicht allzu lange auf eine Antwort warten muss.


Gibt es Schwerpunkte bei den Anfragen? Wenn ja, welche?

Die Anfragen sind sehr breit gestreut, von der Augenheilkunde bis zur Zahnmedizin ist alles vertreten. Relativ häufig werden radiologische Befunde und Entlassungsbriefe aus Kliniken eingereicht. Auch zu Allergien und Unverträglichkeiten erreichen uns viele Anfragen zu Befunden vom Allergologen oder Dermatologen. 

Die Patienten schicken natürlich in erster Linie ihre eigenen Befunde ein oder die ihrer Kinder. Es kommt aber auch vor, dass erwachsene Kinder die Befunde ihrer Eltern einschicken oder Enkelkinder die Befunde ihrer Großeltern.

Auch alle Altersgruppen sind vertreten und wir hatten auch schon Fälle, dass Patienten mit 75 oder 80 Jahren sich erstmals eine Emailadresse zulegen, damit sie ihre Befunde bei uns einschicken können.

 

Die „Übersetzerleistung“ wird bei „Was hab‘ ich?“ ehrenamtlich von Ärzten und Medizinstudenten, die mindestens im 8. Semester sind, erbracht. Wie viele Freiwillige sind in Ihrem Team?

Zurzeit arbeiten ca. 200 aktive Medizinstudenten bei uns, die zusätzlich von einem Ärzteteam von ca. 100 Ärzten unterstützt werden. Insgesamt besteht unser Netzwerk aus über 1200 Freiwilligen.

 

Was motiviert diese Helfer bei „Was hab‘ ich?“ mitzuarbeiten?

Die Arbeit bei „Was hab‘ ich?“ ist schon sehr intensiv für ein ehrenamtliches Engagement. Für die Übersetzungsarbeit rechnen wir pro Befund mit 4 bis 5 Stunden. 

Für die Medizinstudenten gibt es zwei Motivationsfaktoren. Zum einen können sie durch die Arbeit bei „Was hab‘ ich?“ sehr nahe am Patienten arbeiten und den Betroffenen eine wertvolle Hilfestellung leisten. Viele Patienten geben auch ein sehr positives Feedback und das motiviert natürlich sehr und gibt auch mehr Sicherheit im Patientengespräch.

Zum anderen lernen die Studenten dadurch selbst sehr viel. Durch die Arbeit an den Befunden lernen sie fachlich dazu. Sie lernen jedoch auch viel über Arzt-Patienten-Kommunikation. Beim „Übersetzen“ von Befunden aus der Medizinsprache in patientenverständliches Deutsch lernen die Studenten, wie man komplexe medizinische Sachverhalte erklärt. Das kommt im Medizinstudium oft zu kurz.

 

Werden denn die ehrenamtlichen Helfer von „Was hab‘ ich?“ auch bei den eigenen Patienten als verständlicher wahrgenommen?

Das wissen wir, denn zu dieser Frage haben wir in 2012 und 2014 Umfragen durchgeführt. In 2012 gaben 98 Prozent der Befragten an, von der ehrenamtlichen Arbeit bei „Was hab‘ ich?“ profitiert zu haben, 2014 waren es sogar 100 Prozent. Außerdem haben uns auch viele ehrenamtlich arbeitenden Ärzte, die zum Teil schon über 20 Jahre praktizieren, berichtet, dass sie durch die Tätigkeit bei „Was hab‘ ich?“ plötzlich von ihren Patienten auf ihre verständlichen Erklärungen der Diagnosen angesprochen wurden, obwohl sie eigentlich immer davon ausgegangen waren, dass sie gut erklären können. 

Wie bereiten Sie Ihre ehrenamtlichen Helfer auf die Tätigkeit bei „Was hab‘ ich?“ vor?

Zunächst muss jeder Ehrenamtler nachweisen, dass er das 8. Fachsemester eines Medizinstudiums erfolgreich abgeschlossen hat. Danach absolvieren die Freiwilligen ein Tutorial, in dem erklärt wird, was beim leicht verständlichen Erklären medizinischer Sachverhalt zu beachten ist. Ein erfahrener  Supervisor arbeitet den Ehrenamtler dann persönlich ein und überwacht auch die ersten „Übersetzungen“ der Befunde bis zur Freigabe durch den Supervisor. Erst nach mindestens fünf „Übersetzungen“ und der Zustimmung des Supervisors arbeitet der Ehrenamtler eigenständig.

„Was hab‘ ich?“ bietet ja auch Online-Kurse zur patientenverständlichen Kommunikation…..

2014 haben wir an den medizinischen Fakultäten in Hamburg und Dresden erstmals „Patientenkommunikation“ als Wahlfach angeboten und basierten auf der Ausbildung unserer Ehrenamtler. Die Kurse waren in das Curriculum der Universitäten integriert, fanden sowohl vor Ort als auch Online statt und schlossen mit einer entsprechenden Prüfung ab. Momentan gibt es dieses Angebot auch in Marburg, und wir sind im Gespräch mit weiteren Fakultäten.

 

Unter „Häufig gestellte Fragen“ betonen Sie, dass Sie bei „Was hab‘ ich?“ keine Zweitmeinung und keine Therapieempfehlungen geben. Wird dies von den Patienten häufig nachgefragt?

Durch die Erklärungsarbeit an den Befunden entsteht oft ein Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Übersetzer. So entsteht dann schon der Wunsch, nicht nur eine Erklärung der Diagnose, sondern auch eine Therapie- oder Arztempfehlung zu erhalten. Solche Empfehlungen können wir aber nicht geben und die Patienten akzeptieren dies auch.

 

Was müssen Patienten tun, die einen Befund übersetzen lassen möchten?

Die Patienten müssen auf unserer Seite auf „Befund einsenden“ klicken und kommen dann in unser „virtuelles Wartezimmer“. Dort tragen sie ihre E-Mail-Adresse ein und werden dann meist innerhalb weniger Tage benachrichtig, dass sie ihren Befund einsenden können, möglichst mit geschwärzten persönlichen Informationen. Sobald die Übersetzung des Befundes abgeschlossen ist, erhält der Patient einen Link inkl. Passwort unter dem der Befund abgerufen werden kann.

 

Was muss ein Medizinstudent tun, um bei „Was hab‘ ich?“ mitzuarbeiten?

Interessierte Medizinstudenten können sich auf unserer Seite unter „ehrenamtlich mitmachen“ anmelden, die Immatrikulationsbescheinigung für das achte oder ein höheres Semester des Medizinstudiums einreichen und werden dann freigeschaltet. Danach beginnt dann der Ausbildungsprozess, den wir gerade besprochen haben.

 

Was sind die nächsten Schritte für „Was hab‘ ich – wie geht es weiter, auch im Hinblick auf die Finanzierung?“

Die Finanzierung von „Was hab‘ ich?“ ruht momentan auf verschiedenen Säulen. Eine Säule besteht aus den Spenden unsere Nutzer – jeder dritte Patient spendet im Durchschnitt rund 20,- €. Eine zweite Säule besteht in engen Partnerschaften, z.B. mit dem AOK Bundesverband und der Bertelsmann Stiftung, die zur Finanzierung des Portals beiträgt. Eine weitere Säule ist die Kommunikationsausbildung an den Universitäten, die für die Universitäten kostenpflichtig ist. Die Kommunikationsausbildung an den Universitäten wollen wir weiter ausbauen und auch auf die Kliniken ausdehnen.

Noch in diesem Jahr werden wir an einer internistischen Klinik unser Pilotprojekt „Patientenbrief“ starten. Patienten, die aus dem Krankenhaus entlassen werden, bekommen einen Entlassungsbrief, der an den behandelnden niedergelassenen Arzt gerichtet ist. Dieser Brief enthält Angaben zum Grund für den Klinikaufenthalt, den durchgeführten Untersuchungen inkl. der Resultate, der Diagnose und empfohlenen Therapien und Medikamenten. Unsere Idee ist es, den Patienten auch einen Entlassungsbrief zukommen zu lassen, der an sie persönlich gerichtet ist und der all diese Informationen in leicht verständlicher Form enthält. Das wäre dann ein zusätzlicher Service der Klinik für den Patienten. Der Patientenbrief wird von “Was hab‘ ich?“ erstellt, finanziert wird dies jedoch von der Klinik. Wenn dieses Modell erfolgreich ist, könnte sich daraus ein Projekt entwickeln, das dann viel mehr Patienten erreichen kann als „Was hab’ ich?“.

 

Frau Bittner, vielen Dank für dieses Gespräch!

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