Plazebo Effekt Allergie Selbstheilungseffekt

Prof. Dr. Dr. phil. Harald Walach, Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften, Frankfurt (Oder)

Placebo-Effekt: Wann kommt es zu Selbstheilungseffekten? Mechanismen?

Es gibt den Nocebo-Effekt, der dazu führt, dass Patienten in Studien negative Symptome entwickeln, ebenfalls ohne Wirkstoffeinnahme. Wie erklärt sich dies?

Der Nocebo-Effekt basiert auf den gleichen Mechanismen wie der Placebo-Effekt, nur umgekehrt. Wenn man durch Erwartung und psychologische Effekte Heilung erzeugen kann,  ist es umgekehrt ebenso möglich, negative Symptome zu erzeugen. Daran dürfte die Kognition einen wichtigen Anteil haben.

Es gibt Untersuchungen, die zeigen dies  z.B. anhand einer Schmerzaversionskonditionierung. Das bedeutet, im Rahmen der Studie haben die Patienten Schmerzen erlebt und dabei  gleichzeitig Gesichter gesehen. Wenn diese Gesichter subliminal, d.h.  unterschwellig präsentiert werden, so dass sie für die Probanden nicht erkennbar sind, funktioniert der Effekt im Vergleich zu Kontrollgesichtern. Das bedeutet, die erhöhte Schmerzwahrnehmung zeigt sich auch dann, wenn die Patienten nicht genau wissen, was vorgeht.  Deshalb würde ich davon ausgehen, dass Nocebo-Effekte genauso wie Placebo Effekte durch automatische Prozesse vermittelt sein können. Man sieht das an dem folgenden Phänomen: Wenn ein Patient eine starke Nebenwirkungsreaktion aufgrund eines bestimmten Medikamentes erlebt hat, ist anzunehmen, dass er auf andere Medikamente mit ähnlichen Symptomen reagiert, wenn sie die gleiche Farbe haben, selbst  wenn der Wirkstoff ein völlig anderer ist.

Man kann sich diese Effekte aus dem „Kampf ums Überleben“ erklären. Wir alle stammen von Menschen ab, die überlebt haben, sonst gäbe es uns nicht. Das bedeutet, dass die Mechanismen, die unsere Vorfahren vor Gefahren gewarnt haben und deren Überleben gesichert haben, bei uns noch heute sehr aktiv sind.

Gibt es Patienten, die für den Placebo- und Nocebo-Effekt in besonderem Maße prädestiniert sind? Treten beide Effekte bei den gleichen Patienten auf?

Über psychologische Variablen hat man bisher wenig deutliche Effekte gesehen. Es gab eine Serie von Untersuchungen von Prof. Jahnke in Würzburg, der zeigen konnte, dass immer wieder die gleichen Patienten reagieren, die Kriterien konnten jedoch nicht klar ermittelt werden. Es sieht so aus, als gäbe es durchaus typische Placebo-Responder, d.h. Menschen, die auf Placebo-Interventionen reagieren. Wie sich dies phänomenologisch zeigt, d.h. wodurch genau sich diese Menschen von anderen unterscheiden, wissen wir noch nicht.

Aus einer neueren Studie geht hervor, dass es vielleicht genetische Polymorphismen gibt.2) Es wäre nicht verwunderlich wenn Menschen, die das Endorphin-Netzwerk leichter rekrutieren können, rascher auf solche Effekte ansprechen.

Könnte man Placebo- und Nocebo-Effekte therapeutisch nutzen?

Den Placebo-Effekt kann man immer therapeutisch nutzen, denn bei der Therapie geht es letztendlich immer darum, dass der Therapeut eine Passung zum Patienten herstellt.

Placebo-Effekte sind individuelle Effekte von Bedeutung. Entscheidend ist, welche Bedeutung ein Patient einer therapeutischen Intervention beimisst und was dies aufgrund seiner Vorgeschichte in ihm auslöst. Diese Effekte sind immer individuell und das bedeutet, der Arzt oder Therapeut muss versuchen, die Bedeutungswelt des Patienten zu erkennen. Wenn er dies tut, kann er seine therapeutische Intervention so einpassen, dass sie diese Bedeutungswelt anspricht. Individualisiert  gesehen, kann man Placebo-Effekte bzw. Selbstheilungseffekte bei jedem Patienten auslösen, vorausgesetzt man kennt die Welt, in der der Patient lebt. Geht ein Patient z.B. von der Bedeutung aus: „Nur was wirklich weh tut, kann helfen!“ wird man eine Behandlung wählen, die eine aggressivere Intervention darstellt, z.B. eine Spritze oder Schropfköpfe etc..

Es ist ein allgemeines Phänomen in der Medizin, dass die „sprechende Medizin“ nicht honoriert wird und es den Ärzten deshalb an Zeit fehlt. Ist es nicht sehr zeitintensiv, bei jedem Patienten die Bedeutungswelt zu eruieren?

Das ist genau der springende Punkt! Aus diesem Grund haben Therapeuten, die dem Patienten diese Zeit zur Verfügung stellen können, z.B. komplementärmedizinische Ärzte, einen enormen Zulauf. Sie haben mehr Zeit und so eine größere Chance, diese Selbstheilungskräfte zu nützen. Aus meiner Sicht ist diese Zeit für die „sprechende Medizin“ einer der Hauptgründe dafür, warum sie so beliebt ist.

In unserem Gesundheitssystem gilt die Zeit nicht als honorierbare Variable und dementsprechend fehlt sie. Honoriert werden im deutschen Gesundheitssystem nur Interventionen, wie Diagnostik, Spritzen, Röntgen etc. - das ist in der Schweiz übrigens anders.

Im Sinne des Patienten sollte man Ärzte eigentlich dafür honorieren, dass sie ihre Patienten verstehen. Dafür spricht z.B. die Tatsache, dass Psychotherapie bei Depressionen zwar langsamer hilft als Medikamente, dafür jedoch nachhaltiger. Das ist ein indirektes Argument dafür, dass es sich immer auszahlt, wenn man sich Zeit für den Patienten nimmt.

Herr Prof. Walach, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Quellen:

1)    Kaptchuk TJ, Friedlander E, Kelley JM, Sanchez MN, Kokkotou E, Singer JP, Kowalczykowski M, Miller FG, Kirsch I, Lembo AJ., Placebos without deception: a randomized controlled trial in irritable bowel syndrome, PLoS One. 2010 Dec 22;5(12):e15591. doi: 10.1371/journal.pone.0015591

2)    Hall KT, Loscalzo J, Kaptchuk TJ, Genetics and the placebo effect: the placebome, Trends Mol Med. 2015 May;21(5):285-294. doi: 10.1016/j.molmed.2015.02.009. Epub 2015 Apr 14

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