Senkt Rohmilch Allergierisiko?

Dr. Georg Loss vom Dr. von Haunerschen Kinderspital der LMU München

Senkt Rohmilchkonsum das Allergierisiko? Schutz vor Atemweginfektionen?

Es wurde erwähnt, dass bis zum ersten Geburtstag nur zwei Prozent aller Kinder der PASTURE-Studie Allergien auf Kuhmilch oder andere Nahrungsmittel entwickelt hatten. Gab es hier Unterschiede in Bezug auf die Milcharten?

Bei Kindern mit symptomatischer Kuhmilchallergie wurde das Füttern von Kuhmilch wie zu erwarten vermieden. Somit konnte man in unserer Studie nicht überprüfen, ob verschiedene Kuhmilchprodukte mit einer Milchallergie zusammenhängen.

In einer neueren Studie wurde gezeigt, dass unabhängig vom elterlichen Allergiestatus das Einführen mehrerer verschiedener Lebensmittelgruppen, wie beispielsweise Gemüse, Milch oder Fleisch, das Risiko des Kindes an atopischer Dermatitis, auch Neurodermitis genannt, senkt.

Auch der Konsum von unbehandelter Milch im in den ersten Lebensjahren zeigte in mehreren unabhängigen Studien einen konsistenten schützenden Effekt vor Asthma, Allergien und atopischer Dermatitis im Schulalter. Interessant war, dass der Schutz stärker war, wenn die Milch im ersten Lebensjahr konsumiert wurde.

Für Asthma sind die Ergebnisse unserer jetzigen Studie insofern spannend, da auch bekannt ist, dass Atemwegsinfektionen in den ersten 12 Lebensmonaten ein Risiko für Asthma darstellen. Mit Informationen all dieser Studien könnte man spekulieren, dass der Konsum unbehandelter Rohmilch vor Atemwegsinfektionen schützt und somit den negativen Einfluss der Infektion auf die Atemwege und eine darauffolgende Asthmaentwicklung verhindert. Diese Hypothese muss aber in einer weiteren speziell auf diese Fragestellung zugeschnittenen Studie belegt werden.

Sie vermuten als Ursache für die unterschiedlichen Effekte der unterschiedlich behandelten Milch „hitzeempfindliche Inhaltsstoffe“. Weiß man, welche dies sind?

Die Milch ist ein sehr komplexes Gemisch aus verschiedenen Bestandteilen. Es gibt einige Komponenten, die bereits bei relativ niedrigen Temperaturen inaktiviert oder zerstört werden und für unsere beobachte Effekte verantwortlich sein könnten. Am ehesten dürfte es sich dabei um Proteine der Molkenfraktion handeln, die ca. 20 Prozent des Milcheiweißes ausmachen. In dieser Fraktion gibt es einige Proteine, die mit dem Immunsystem des Menschen interagieren und schädliche Bakterien oder Viren direkt neutralisieren können. Rohe Milch enthält auch eine Vielzahl an natürlich vorkommenden, ungefährlichen Bakterien, die auf die Zusammensetzung der im Darm lebenden Bakterien einwirken und so die Entwicklung des Immunsystems von Kindern beeinflussen könnten.

Leider macht genau das die unbehandelte Milch auch zum Risiko, da sich auch schädliche Mikroorganismen darin befinden können. Das führt zu der paradoxen Situation, dass man rohe Milch hitzebehandelt, um sie vor potenziellen Bakterien sicher zu machen, gleichzeitig aber möglicherweise schützende Bakterien abtötet. Unser Ziel ist es nun in weiteren Untersuchungen abzuklären, welche genauen Inhaltsstoffe für den Schutz verantwortlich sind. Dafür müsste man aber eine zielgerechte Studie konzipieren.

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden.