Allergie-Patienten Versorgung in Deutschland

Prof. Dr. Wolfgang W. Schlenter, Arzt für HNO-Heilkunde in Frankfurt

Allergie-Patienten in Deutschland: Wo bleibt die Versorgungsqualität?

Was müsste, abgesehen von der Etablierung des Fachgebietes Allergologie, geändert werden, damit sich die Qualität unseres Gesundheitssystems wieder optimiert?

Eine Maßnahme wäre es, die allergologischen Leistungen außerhalb des Budgets, d.h. außerhalb der Regelleistungsvolumina, abrechnen zu können.

Auch für die Allergie-Therapie besonders schwer betroffener Allergie-Patienten müsste es einen separaten „Topf“ geben. So könnte man sehr wirkungsvolle, aber teure Medikamente, wie den monoklonalen Antikörper Omalizumab, abrechnen, ohne dass dies zu Lasten anderer Patienten geht. Omalizumab kostet für die kleinste Dosierung, die monatlich ein bis zwei Mal gegeben werden muss, 260,- Euro. Aktuell ist dies eine der medizinischen Neuerungen, die nicht bei all jenen Patienten ankommen, die sie benötigen. Omalizumab wird in Deutschland nicht so einfach bezahlt, und dies gilt übrigens auch für die molekulare Allergiediagnostik. In anderen europäischen Ländern wird die Finanzierung innovativer Therapien bei weitem nicht so restriktiv gehandhabt.

Und schließlich müsste es für junge Ärzte auch wieder attraktiver werden, eine allergologische Zusatzausbildung zu machen. Im Moment kann jeder Arzt entsprechend der gerade besprochenen Vorgaben allergologische Leistungen abrechnen, auch wenn er nicht die Zusatzbezeichnung „Allergologie“ hat. Das bedeutet für den Allergie-Patienten, dass er in unserem Gesundheitssystem auch von Medizinern behandelt werden darf, die gar nicht auf Allergien spezialisiert sind. Es ist offensichtlich, dass dies nicht gerade zur Qualitätssicherung in der Allergieversorgung beiträgt. Außerdem ist es für Mediziner einfach nicht mehr lohnend, eine zweijährige Zusatzausbildung zu absolvieren, wenn auch Mediziner ohne diese Qualifikation die gleichen Leistungen erbringen dürfen.

Im Sinne des Patienten wäre es sinnvoll, ein 3-Stufen-Modell zu etablieren, in dem die Basisdiagnostik durch Ärzte ohne die Zusatzbezeichnung „Allergologie“, die weiter gehende Diagnostik und die Allergie-Therapie durch einen ausgebildeten Arzt mit der Zusatzbezeichnung „Allergologie“ und die komplexen, schweren allergischen Erkrankungen durch spezielle Referenzzentren behandelt werden, und dementsprechend müssten auch die monetären Anreize gesetzt werden. 

Welches Land könnte denn generell ein Vorbild in Bezug auf die allergologische Versorgung sein?

Die Politik propagiert gerne Länder wie Dänemark, Finnland, Belgien und Holland als Vorbilder für die Handhabung des Gesundheitssystems. Allerdings sind dies alles Länder mit relativ geringer Population, die man mit einem großen Land wie Deutschland nicht vergleichen kann. Ein vergleichbar großes Land wie Italien hat hingegen ein ganz anders aufgebautes Gesundheitssystem. Dort ist die Grundversorgung minimal und das Gros der Versorgung erfolgt über private Krankenversicherungen oder die Patienten zahlen aus eigener Tasche.  

Was unternehmen Sie, um die Allergologie wieder schlagkräftig zu machen?

Im Aktionsforum Allergologie haben sich die drei großen allergologischen Fachgesellschaften AeDA, DGAKI und GPA, unterstützt von den Berufsverbänden, zusammengeschlossen. Wir sind guten Mutes, dass  wir durch diesen Schulterschluss etwas bewirken können.

Wir müssen aber auch bei der Ausbildung ansetzen, denn zurzeit ist eine berufsbegleitende Allergologie-Ausbildung gar nicht möglich. Ein niedergelassener Arzt müsste seine Praxis schließen und noch einmal in die Klinik gehen und wer würde das denn tun? Wir arbeiten deshalb aktuell an einer Flexibilisierung dieser Ausbildung.

Insgesamt muss die Allergologie aber auch einen größeren Stellenwert innerhalb des Medizinstudiums bekommen. Das gilt auch für die entsprechenden Professuren - hier sind die Bundesärztekammern dringend gefragt.

Herr Prof. Schlenter, vielen Dank für das Gespräch!

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