Allergie-Patienten Versorgung in Deutschland

Prof. Dr. Wolfgang W. Schlenter, Arzt für HNO-Heilkunde in Frankfurt

Allergie-Patienten in Deutschland: Wo bleibt die Versorgungsqualität?

Warum ziehen sich in Deutschland die Arztpraxen aus der Allergologie zurück?

Die Einführung der Regelleistungsvolumina, das ist die Summe, die ein Facharzt pro Quartal für einen Patienten bekommt, brachte im Jahr 2009 eine komplette Neuordnung der vertragsärztlichen Vergütung. Seitdem sind die EBM-Ziffern der Allergologie – EBM steht für „einheitlicher Bewertungsmaßstab“ - nicht mehr kostendeckend. Konkret heißt das, ein Arzt mit der Zusatzbezeichnung „Allergologie“ bekommt, zusätzlich zu den genannten Regelleistungsvolumina, nur ca. 2,- Euro pro Quartal und Patient mehr, wenn er allergologische Leistungen erbringt. Der Aufwand bei der Diagnose und Behandlung von Allergien ist jedoch sehr hoch. Allein bei der Diagnose sind Anamnese, Prick-Test, evtl. Blutentnahme und die dementsprechende serologische Diagnostik sehr aufwändig. Es liegt auf der Hand, dass eine Vergütung von 2,- Euro pro Quartal hierfür nicht ausreichen kann.

Soweit zur Diagnostik, aber wenn diese ein positives Ergebnis zeigt, müsste ja eine Therapie beginnen. Diese wird dann pauschal mit 12,- Euro bis 13,- Euro pro Patient, pro Quartal vergütet. Eine anerkannte Therapie bei z.B. allergischer Rhinitis, ist die spezifische Immuntherapie. Dafür muss der Patient über einen Zeitraum von drei Jahren mindestens eine Spritze pro Monat erhalten. Bei jedem Termin muss zuvor gründlich abgeklärt werden, ob es nach der letzten Behandlung eventuell zu Nebenwirkungen gekommen. Nach der Behandlung muss ebenfalls eine gründliche Untersuchung erfolgen und der Patient muss nach der Spritze auf jeden Fall mindestens 30 Minuten in der Praxis bleiben, damit bei eventuellen Problemen schnell geholfen werden kann.  Für den Notfall muss die Praxis auch gerüstet sein, d.h. Notfallmedikamente, Adrenalin und Defibrillator müssen stets griffbereit sein. Natürlich muss auch das Praxisteam entsprechend ausgebildet und regelmäßig nachgeschult werden. Für viele Praxen lohnt sich das einfach nicht.

Es gibt ja auch Praxen, die sich auf die Behandlung von Allergien spezialisiert haben, wie rechnet sich dies?

Das rechnet sich zum einen durch die Menge. Es ist natürlich ein Unterschied, ob eine große Praxis sehr viele Allergie-Patienten behandelt und auch mit automatisierten Prozessen arbeitet, oder ob ein Arzt auf dem Land im Jahr zwei Allergie-Patienten hat. Solche Praxen haben die Möglichkeit, „qualitätsgebundene Zusatzvolumina“, sogenannte QZVs abzurechnen oder auch „Praxisbesonderheiten“ und „förderungswürdige Leistungen“ geltend zu machen.

Allerdings ist es so, dass die Leistungen, die von solchen Praxen abgerechnet werden, von den Regelleistungsvolumina insgesamt abgezogen werden. In welchem Maß dies der Fall ist, hängt von der jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigung ab. Zur Erklärung: Die Regelleistungsvolumina sind eine Art „Vergütungstopf“ die eine Krankenkasse für alle abzurechnenden Leistungen eines Fachgebietes bereitstellt. Geht aus diesem Topf ein gewisser Teil an spezialisierte Allergie-Praxen, bleibt für andere Leistungen dieses Fachgebietes eben weniger übrig. Mit einer bedarfsorientierten Versorgung hat das alles nichts mehr zu tun! Außerdem kürzt sich jeder Facharzt, der auf die Behandlungen von Allergien spezialisiert ist und deshalb eine besondere Abrechnung geltend macht, damit auch automatisch seine Vergütung für seine nicht-allergologischen Leistungen. Er verdient also auf der einen Seite mehr und auf der anderen weniger. Was genau das ausmacht sieht der Arzt immer erst hinterher, wenn die Krankenkassen abrechnen. Das Abrechnungssystem ist ein intransparentes Umverteilungssystem, dass dazu führt, dass weder der Arzt noch der Patient zu seinem Recht kommt. Es liegt auf der Hand, dass die Qualität unseres Gesundheitssystems dadurch gesunken ist und auch noch weiter sinken wird.

Zurück zu der Frage, warum die Ärzte in Deutschland sich aus der Allergologie zurückziehen, gibt es weitere Gründe?

Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist die „Regressangst“. Die spezifische Immuntherapie ist eine sehr effektive Behandlung bei bestimmten Allergien. Bei aller gebotenen Vorsicht kann es aber auch zu Problemen bei der Behandlung kommen. Wenn die kassenärztliche Vereinigung dann in ihren Rundschreiben an die Ärzte darauf hinweist, dass man bei der spezifischen Immuntherapie doch bitte auf ganz besonders auf das Thema „Regress“ achten solle, führt dies selbstverständlich dazu, dass immer weniger Ärzte bereit sind, diese Behandlung durchzuführen.

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