Allergologenkongress 2014 Wiesbaden

Prof. Ludger Klimek, Prof. Monika Raulf-Heimsoth und Prof. Wolfgang Schlenter (von links nach rechts)

Allergiekongress in Wiesbaden: Allergologen diskutieren neue Therapien

Spannende Studienergebnisse zu neuen Diagnose- und Therapieansätzen standen im Mittelpunkt des 9. Deutschen Allergiekongresses, der vom 2. bis 4. Oktober 2014 im Wiesbadener Kurhaus stattfand. Therapieansätze wie z.B. die Frage, inwiefern die spezifische Immuntherapie bei Neurodermitis einsetzbar ist, ob Vitamin D bei Asthma positiv wirken kann und welchen Stellenwert Präbiotika und Probiotika bei der Allergiebehandlung haben, wurden heiß diskutiert. „Das Programm des Allergiekongresses zeigt, dass in der Allergologie bei Diagnose und Therapie in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht wurden“, betont Kongresspräsident Prof. Ludger Klimek vom Allergiezentrum Wiesbaden, „und in Deutschland wird allergologische Spitzenforschung betrieben!“

Ein breites Themenspektrum wurde abgedeckt. Neuste Erkenntnisse zu Erkrankungen wie allergische Rhinitis, Sinusitis, Asthma, Nahrungsmittelallergie, Nahrungsmittelintoleranzen, Neurodermitis, allergisches Kontaktekzem, Berufsallergie, Arzneimittelallergie, Urtikaria und Angioödem, Insektengiftallergie und Anaphylaxie wurden vorgestellt. Erstmals wurde im Rahmen des Allergiekongresses ein Allergie-Patiententag angeboten. „Ich freue mich sehr über diese erfolgreiche Veranstaltung, an der am Samstag trotz schönstem Herbstwetter über 150 Interessierte teilgenommen haben,“ so Prof. Klimek.


Steigende Allergikerzahlen: Ein Lifestyle-Problem?

Viele Studienergebnisse weisen darauf hin: Je weiter sich die Lebensgewohnheiten des Menschen von ihren „Ursprüngen“ entfernen, desto stärker steigt die Anzahl allergisch erkrankter Menschen. Wissenschaftler vermuten, dass ein „zu viel an Hygiene“ dabei eine entscheidende Rolle spielt. Die Hygiene Hypothese geht davon aus, dass das menschliche Immunsystem durch eine weitgehend keimfreie Umgebung nicht mehr genug gefordert wird und sich deshalb harmlosen Stoffen zuwendet - nichts anderes ist eine allergische Reaktion.


Hygiene Hypothese: Ein wenig Schmutz kann nicht schaden…

Für diese These spricht, dass Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, deutlich weniger allergiegefährdet sind, als Stadtkinder. Auch die Tatsache, dass die Allergieraten in den Ländern, in denen der Hygiene-fokussierte  „Western Lifestyle“ dominiert, deutlich höher sind, als in bäuerlich geprägten Regionen, stützt die Hygiene Hypothese.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass man in Polen nach dem EU-Beitritt im Jahr 2004 einen deutlichen Anstieg der Atopieprävalenz auf dem Land verzeichnete. Der Grund: Kleine Bauernhöfe auf dem Land waren zu Gunsten von konzentrierter Massentierhaltung aufgegeben worden und auch die Landkinder wuchsen dann nicht mehr auf Bauernhöfen auf.

Mikrobiom des Darmes – ist die Vielfalt entscheidend?

Heiß diskutiert wurde auch der Einfluss der Art und Anzahl der Darmkeime, das sogenannte Mikrobiom des Darmes, auf die Entstehung von allergischen Erkrankungen. So haben Studien gezeigt, dass nicht nur der Geburtsmodus, d.h. Kaiserschnitt oder „normale“ Geburt, einen Einfluss auf die Keimbesiedlung des kindlichen Darmes hat, sondern auch der Geburtsort, d.h. Krankenhaus vs. Hausgeburt und die Anzahl bzw. auch die „Reihenfolge“ eines Kindes innerhalb der Geschwister. Zusammenfassend lässt sich sagen: Für Kinder, die zu Hause auf „normalem“ Wege auf die Welt kommen und bereits ältere Geschwister haben, ist das Allergierisiko niedriger als für Kinder, die als erstes Kind im Krankenhaus durch Kaiserschnitt zur Welt kommen.


Allergie, Intoleranz  und Ernährung: Du bist, was Du isst?

Aber auch veränderte Essgewohnheiten in der westlich geprägten Welt könnten dazu beitragen, dass die Zahl der Allergiker und Intoleranten steigt. So vermuten Forscher einen Zusammenhang zwischen Übergewicht und Asthma und auch eine zu einseitige Ernährung, insbesondere im ersten Lebensjahr, kann das Risiko an Allergien zu erkranken beeinflussen.

Bekannt ist auch, dass der stetig zunehmende Einsatz von Laktose und Fruktose in der Lebensmittelindustrie die Entstehung von Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie Laktoseintoleranz und Fruktosemalabsorption begünstigen kann. Empfohlen wird deshalb, eine möglichst vielfältige, naturbelassene und „mediterran“ orientierte Ernährung mit einem hohen Gemüseanteil.

Allergiediagnose und -therapie: Neue Leitlinien und Komponentendiagnostik geben Sicherheit

plenum beim deutschen allergiekongress in wiesbaden9. Deutscher Allergiekongress im Kurhaus WiesbadenGleich vier neue Leitlinien wurden im Rahmen des Allergiekongresses vorgestellt – Urtikaria, spezifische Immuntherapie, Anaphylaxie und Kontaktekzem. Sie repräsentieren den jeweils aktuellsten Stand der Medizin und definieren u.a. die medizinisch anerkannte Vorgehensweise bei der Diagnostik, auch im Hinblick auf Differenzialdiagnosen. Ebenso werden unterschiedliche Therapieoptionen und neue Wirkstoffe vorgestellt und bewertet. Die jeweils aktuelle Leitlinie gilt als Goldstandard, d.h. Richtschnur für behandelnde Ärzte –für den Patienten bedeutet dies ein Mehr an Sicherheit.

Ein hohes Maß an Präzision bringt die Komponentendiagnostik oder auch molekulare Allergiediagnostik. Im Gegensatz zu herkömmlichen Testungen, die das gesamte Allergen identifizieren, ermöglicht die Komponentendiagnostik die Identifizierung einzelner Allergenkomponenten. Damit wird zum einen präziser ermittelt, welcher Teil eines Allergens genau die Allergiesymptome verursacht. Zum anderen ermöglicht die molekulare Allergiediagnostik eine deutlich exaktere Auswahl der für die spezifische Immuntherapie benötigten Allergenextrakte, was wiederum dem Patienten zugutekommt. 


Allergieforschung – Allergien behandeln mit Biologika?

Biolologika sind Medikamente, die biotechnologisch hergestellt werden und z.B. zur Herstellung von Insulin für die Behandlung von Diabetes eingesetzt werden. Im Bereich Allergien steht der Einsatz von Biologika noch am Anfang.

Für die Behandlung von schwerem Asthma und Urtikaria steht mit Omalizumab jedoch bereits ein sogenannter „monoklonaler Antikörper“ zur Verfügung. Omalizumab wirkt über die Regulierung der für die allergische Entzündung verantwortlichen TH2-Zellen und hier konnte man bei Patienten mit besonders schweren Symptomen bereits bahnbrechende Erfolge erzielen, allerdings ist die Behandlung sehr teuer.


Neue Diagnosemethoden und innovative Therapien – was kommt an beim Patienten?

„Allergologie - Auf dem Weg zu alter Stärke“, das war das Motto des 9. Deutschen Allergie Kongresses und zugleich ein deutlicher Hinweis auf die Problemfelder in der Allergologie, denn die mit den Gesundheitsreformen einhergehenden Veränderungen haben auch den Spielraum der Allergologen stark eingeschränkt. „Ausufernde Bürokratisierung und budgetäre Einschränkungen haben dazu geführt, dass gerade die innovativen Diagnose- und Therapiemöglichkeiten, die in den letzten Jahren entwickelt wurden, nur unzureichend bei den Patienten ankommen, so Kongresspräsident Prof. Wolfgang Schlenter, „mit dem Aktionsforum Allergologie wollen wir dieser Entwicklung entgegenwirken“.

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