Virusinfektionen Allergien

Priv.-Doz. Dr. Tobias Ankermann, Oberarzt an der Klinik für Allgemeine Pädiatrie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UK-SH) in Kiel

Können Virusinfektionen die Entstehung von Allergien beeinflussen?

Die Entstehung von Allergien ist noch Gegenstand der Forschung. Dass u.a. die genetische Vorbelastung eine gewisse Rolle spielt, scheint erwiesen. Man vermutet jedoch, dass nicht nur ein Auslöser, sondern viele verschiedene Faktoren bei der Entstehung von allergischen Erkrankungen beteiligt sein könnten – dieser Verdacht besteht auch bei Virusinfektionen. MeinAllergiePortal sprach mit Priv.-Doz. Dr. Tobias Ankermann, Oberarzt an der Klinik für Allgemeine Pädiatrie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UK-SH) in Kiel über die zugrunde liegenden Mechanismen. 

Herr Privatdozent Ankermann, Experten vermuten, dass es einen Zusammenhang zwischen Virusinfektionen und Allergien gibt. Gilt dies allgemein für Allergien oder nur für bestimmte allergische Erkrankungen?

Unter einer Allergie verstehen wir heute eine sichtbare Reaktion des Immunsystems, d.h. eine Immunreaktion auf körperfremde Substanzen. Das aus dieser Reaktion entstehende Krankheitsbild, die "allergische Erkrankung", benennt man nach der Körperoberfläche auf der wir Symptome beobachten: an den Atemwegen Asthma, allergische Rhinitis, d.h. "Heuschnupfen", am Magen-Darm-Trakt Nahrungsmittelallergie, an der Haut Nesselsucht, d.h. Urtikaria, oder Ausschlag, an der Augenbindehaut allergische Konjunktivitis.

Wissenschaftliche Beobachtungen von Bevölkerungsgruppen und geplante Studien der letzten 30 Jahre haben gezeigt, dass frühe Virusinfektionen der Atemwege zu einer Häufung von Atemwegserkrankungen, insbesondere Asthma bronchiale, führen können. Dies ist gut für Kinder gezeigt worden, die eine genetische Disposition haben, Allergien zu entwickeln. Diese genetische Neigung nennt man Atopie. Inzwischen gibt es Hinweise, dass auch bei Kindern, die keine klassische Atopie, also keine Allergieneigung haben, eine Induktion, d.h. Auslösung, einer Atemwegserkrankung durch Virusinfektionen möglich ist.

In Untersuchungen an menschlichen Zellen und in Tierversuchen konnte gezeigt werden, dass Viren die immunologische Reaktionslage in Richtung auf eine "allergische" Antwort verändern können.

Wichtig ist es mir, zu betonen, das Virusinfektionen der Atemwege nur ein einzelner Faktor in einem ganz komplexen Zusammenspiel vieler Faktoren sind, die zu allergischen Erkrankungen führen. Infektionen, auch Virusinfektionen, können zudem auch positive, schützende Effekte haben.

Bei welchen Arten von Virusinfektionen vermutet man einen Einfluss auf die Entstehung von Allergien?

Viren, die bei einer Infektion im Vorschulalter einen sehr starken Einfluss auf die Entstehung einer späteren allergischen Erkrankung haben können, sind vor allem Rhinoviren und das RSV-Virus. Aber auch andere Viren, die Atemwege befallen, können solche Einflüsse haben.

Entscheidend scheint aber vor allem zu sein, wo die Infektion abläuft und wie schwer die Infektionskrankheit verläuft. Insbesondere schwere Infektionen der unteren Atemwege, wie eine Bronchitis, eine sogenannte Bronchiolitis, die meist vor dem 1. Lebensjahr auftritt, oder eine Lungenentzündung, auch als Pneumonie bezeichnet, führen zu Langzeitfolgen.

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