MAstzellen Allergien

Priv. Doz. Mag. Dr. Stefan Wöhrl, FAAAAI, Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten am FAZ Floridsdorfer Allergiezentrum GmbH in Wien

Mastzellen - welche Rolle spielen sie bei Allergien?

Welche Möglichkeiten hat die Medizin, bei Allergien die Aktivitäten der Mastzellen zu kontrollieren?

Von den vielen Substanzen, die eine Mastzelle bei ihrer Aktivierung ausschüttet, ist Histamin nicht nur die prominenteste sondern auch die biologisch stärkste. Der Grund dafür ist, dass der Körper Histamin als normalen Botenstoff einsetzt, z.B. regelt Histamin im Zentralnervensystem den Wach-Schlafrhythmus und ist für das Aufwachen verantwortlich. Deshalb besitzen viele Organsysteme Histaminrezeptoren. Dazu gehören Nervensystem und Gehirn, Lunge, Gefäßsystem und Herz, Magen-Darm Trakt und Niere. Deshalb besitzt der Körper zwei starke Enzymsysteme, Diaminoxydase im Darm und die N-Methyltransferase, die im Normalfall für einen sehr schnellen und effizienten Abbau des Histamins sorgen. Bei einer massiven Mastzellaktivierung sind diese Enzymsysteme aber überfordert.

Das erste Ziel in der Allergie Therapie ist deshalb die Blockade der Histaminwirkung durch Antihistaminika, d.h. Histaminblocker. Für optimale Wirksamkeit, sollte das Antihistaminikum bereits im Körper sein, bevor die allergische Reaktion beginnt. Bei einer Pollenallergie empfehlen wir den Patienten deshalb, mit der Einnahme des Antihistaminikums bereits zu Beginn der Pollenflugsaison zu beginnen und das Medikament bis zum Zeitpunkt nach dem Ende der Saison einzunehmen.  

Bei der chronischen Urtikaria, einer weiteren mastzellenverursachten Erkrankung, wissen wir, dass ein Großteil der Urtikariafälle dadurch zu Stande kommt, dass eine fehlgeleitete Immunantwort zu einer gegen sich selbst gerichteten "Auto" Immunantwort gegen das IgE-Molekül oder gegen den Fc Epsilon Rezeptor führt. Dieser Antikörper bewirkt, dass die Mastzellen aktiviert werden und dies wiederum führt zu den für die Urtikaria typischen Quaddeln. Oft ist hier keine Allergie feststellbar. Auch bei der Urtikaria ist ein Antihistaminikum eine sehr gute Therapie.

Eine weitere Erkrankung, bei der die Aktivierung der Mastzellen eine Rolle spielt, ist die Mastozytose, bei der die Patienten eine erhöhte Anzahl von Mastzellen aufweisen – die Mastzelle agiert hier quasi als Tumor. Allerdings ist der Mastzellentumor ein sehr gutartiger Tumor, denn zu Todesfällen kommt es selten, die Patienten können aber unter schwerwiegenden Symptomen leiden.  

Das Krankheitsbild der Mastozytose lässt sich am besten folgendermaßen veranschaulichen: Man stelle sich ein einzelnes Kind in einem Klassenzimmer vor – alleine ist dieses Kind ganz still. Bei fünf Kindern wird in diesem Klassenzimmer schon ein gewisses Grundgeräusch wahrnehmbar sein. Diese Situation entspricht dem Zustand der Mastzellen eines gesunden Menschen, denn auch die Mastzellen verfügen immer über eine gewisse Grundaktivität. Normalerweise reichen die Enzymsysteme des Menschen, wie bereits erwähnt, aber aus, um das durch diese Grundaktivität ausgeschüttete Histamin wieder abzubauen.

Geht man nun auf einen Schulhof, auf dem sich 500 Kinder befinden, wird der Geräuschpegel dort immer sehr hoch sein, selbst wenn einzelne Kinder ganz still sind. Diese Situation entspricht der eines Menschen mit Mastozytose, denn die zu vielen Mastzellen produzieren immer Histamin und überlasten so die Enzymsysteme dauernd. Die Folge können Schockzustände sein, die sich sehr plötzlich und ohne erkennbaren Anlass entwickeln. Auch bei der Mastozytose sind Antihistaminika eine sehr gute Therapie.

Gibt es weitere Therapien zur Behandlung von Erkrankungen, die durch Mastzellen verursacht werden?

Eine weitere Therapiemöglichkeit ist die Behandlung mit Kortison – auch mit Kortison kann man Mastzellen ruhigstellen. Allerdings wirkt Kortison sehr langsam und ist aufgrund des Nebenwirkungsprofils auch keine Lösung für eine Langzeittherapie. Kortison setzt man eher dann ein, wenn ein Anaphylaktischer Schock aufgetreten ist und man das Risiko eines zweiten Schocks als Spätreaktion minimieren will.

Eine weitere Therapiemöglichkeit ist in bestimmten Fällen der Einsatz von sogenannten Mastzellenstabilisatoren, die wegen ihrer unbefriedigenden Wirksamkeit allerdings heutzutage nur noch bei Augentropfen und z.T. im Gastrointestinalbereich eingesetzt werden. Im Gastrointestinalbereich werden Mastzellenstabilisatoren z.B. zur Behandlung der enteralen Mastozytose eingesetzt, einer Form der Mastozytose, bei der die Mastzellen gehäuft in der Darmschleimhaut vorkommen und chronische Durchfälle auslösen.  

Bei Erkrankungen, wie z.B. Asthma, die vor allem auf die "späten" Mediatoren, zurückzuführen sind, kommen Leukotrienantagonisten zum Einsatz.

Der aktuellste Therapieansatz setzt direkt am IgE-Molekül an. Es hat sich gezeigt, dass der Wirkstoff Omalizumab, der ursprünglich für Asthma zugelassen wurde, auch bei chronischer Urtikaria eine sehr gute therapeutische Wirkung hat. Man kann Omalizumab als eine der größten Innovationen der letzten Jahre in der Allergologie bezeichnen. Omalizumab hilft besonders den Patienten, bei denen Antihistaminika auch in höherer Tagesdosis keine ausreichende Wirkung zeigen.

Welche Fragen sind in Bezug auf die Mastzelle noch unbeantwortet? Was tut sich in der Forschung?

In der Forschung ist die Mastzelle noch immer ein Enigma, d.h. ein Rätsel. Die Mastzelle ist nicht lebenswichtig, denn "mastzellenlose" Versuchstiere können überleben, solange sie nicht mit bestimmten Keimen konfrontiert werden. Die Forschung an der Mastzelle ist jedoch sehr schwer zu untersuchen, denn Tiermodelle sind nicht immer übertragbar. Man behilft sich deshalb in der Forschung häufig mit Basophilen Granulozyten, die den Mastzellen zumindest ähneln. Basophile Granulozyten werden deshalb als sogenannte Surrogatmarker oder Biomarker für die Mastzelle herangezogen und man kann daraus interessante Schlüsse in Bezug auf funktionelle Fragestellungen zur Mastzelle ziehen.

Ebenfalls eine Erkenntnis der jüngeren Vergangenheit ist die Betrachtung des Tryptasewertes im Zusammenhang mit der Diagnose von Mastzellentumoren. Früher hat man bei Patienten, bei denen eine Mastozytose nicht eindeutig nachweisbar war, häufig psychiatrische Ursachen unterstellt. Mittlerweile hat man festgestellt, dass mit bestimmten Symptomen dieser Patienten in der Akutphase erhöhte Tryptasewerte einhergehen. Daraus konnte man ein neues Krankheitsbild ableiten, das Mastzellenaktivierungssyndrom (MCAS) das mit Antihistaminika behandelt werden kann. Dies ist ein gutes Beispiel für eine schnelle Überführung von Forschungsergebnissen in die klinische Praxis.


Herr Privatdozent Wöhrl, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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