Psyche bei allergischen Kindern

Dr. med. Kurt-André Lion, Ärztlicher Leiter Pädiatrische Psychosomatik, Kinder und Jugendklinik Gelsenkirchen.

Allergie: Welche Rolle spielt die Psyche bei allergischen Kindern?

Ist denn jeder Patient mit Allergien bzw. die Eltern allergischer Kindern in der Lage, diesen Ansatz auch zu bewerkstelligen und diese "Werkzeuge" richtig umzusetzen?

Die Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit der psychosomatischen Betrachtung von Allergien. Eine 100prozentige Heilungsquote gibt es zwar nicht, aber in dieser Zeit durften wir beeindruckende Heilungserfolge erleben, und zwar nicht als Ausnahme, sondern als Regel. Deshalb kommen zu uns nach Gelsenkirchen Menschen aus der ganzen Republik und aus dem europäischen Ausland, die abgesehen von einer medikamentösen Therapie sich mittels verhaltenstherapeutischer Maßnahmen helfen lassen wollen. Die Voraussetzung für den Erfolg der Therapie ist jedoch, dass auch seitens des Betroffenen -  bei Kindern und ihren Eltern - der Wunsch besteht, gewisse Gewohnheiten oder Verhaltensweisen zu verändern.

Nach Gelsenkirchen kommen sehr viele Patienten, die unter Neurodermitis leiden. Zu Beginn der Behandlung fragen wir die Familien auch nach Erlebnissen, die sich im Vorfeld der Erkrankung zugetragen haben. Wir versuchen zu ermitteln, was vor dem Zeitpunkt, zu dem die Erkrankung sich erstmals zeigte, im Leben der Familien passiert ist. In der Regel hatten die Patienten ja auch schon vor Ausbruch der Allergie Kontakt mit dem Allergen. Was mag also die plötzliche Sensibilisierung mit ausgelöst haben? Oft erzählen uns dann die betroffenen Kinder oder deren Eltern, dass dem Ausbruch der Neurodermitis schicksalshafte Trennungserlebnisse vorausgingen – diese Konstellation finden wir immer wieder.

Psychosomatische Betrachtung und psychotherapeutische Behandlung von Allergien muss nicht in allen Fällen auch zum Erfolg führen. Ein Beispiel für eine Konstellation, die aus psychosomatischer Sicht eine Verbesserung verhindert, ist folgendes Szenario: Ein Elternpaar lebt sich auseinander, die Liebe erkaltet und das Kind spürt, dass sich im Verhältnis der Eltern etwas verändert hat. Für das Kind ist dies ein enormer Stressor und es entwickelt sich eine hohe psychosomatische Belastung. Gesetzt den Fall, dass nun eine massive Neurodermitis auftritt, kann es dazu kommen, dass die Eltern angesichts der schlimmen Neurodermitis-Erkrankung ihres Kindes ihren Trennungswunsch zurückstellen. Sie verschieben die Trennung auf die Zeit, wenn das Kind wieder gesund ist, mit dem Argument, dass das Kind gerade jetzt aufgrund seiner Erkrankung beide Eltern brauche. Aber: So lange diese wichtige Entscheidung, die Trennung zu vollziehen, aufgeschoben wird, was emotional ja sehr nachvollziehbar ist, kann das Kind u.U. nicht gesund werden, da durch die Krankheit beide Elternteile an das Kind gebunden werden.

Natürlich will das Kind wieder gesund werden! Und auch die Eltern wollen das! Auf psychodynamischer Ebene jedoch, hat sich eine Konstellation entwickelt, so dass das Fortbestehen der Krankheit mit dem Aufrechterhalten des Systems "Familie" verknüpft ist; eigentlich ein widernatürlicher Vorgang. Durch eine Verhaltenstherapie können die Eltern aber lernen, was sie tun können, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

Hieße das in der Konsequenz: Wenn die Eltern eine Verhaltensänderung nicht umsetzen können, tragen sie eine Mitschuld an der Allergie ihres Kindes? 

Nein, Psychosomatik fokussiert gerade nicht auf das Thema Schuld, sondern versucht psychologisch entgegenzuwirken, wenn Eltern sich schuldhaft fühlen, und ist bestrebt, den Eltern Freiheitsgrade zu verschaffen. Wenn Eltern in gewissen Mustern sozusagen "gefangen" sind, am Leid ihres Kindes leiden und deshalb die Trennung vom Partner nicht durchführen wollen wie im bereits erwähnten Beispiel, kann man nicht von Schuld sprechen. Vielmehr handelt es sich um eine emotionale Verstrickung, die im Wesentlichen auf unbewusster Ebene zu erklären ist. Wenn Eltern zu bestimmten Veränderungsschritten emotional noch nicht bereit sind, würde die Psychosomatik versuchen, ihnen Instrumente an die Hand zu geben, die ihnen den Umgang mit konflikthaften Situation erleichtern. Das Ziel ist es, sich mit Hilfe dieser Instrumente nach und nach Freiheitgrade zu entwickeln und an Handlungsfähigkeit zu gewinnen.

Es ist uns sehr wichtig, den Eltern klar zu machen, dass sie gänzlich unschuldig an der Allergie ihres Kindes sind. Es ist eher so, dass sie die Rolle von Triggerfaktoren haben können. D.h. dass die auf die Familie und auf die Eltern wirkenden Konflikte und der durch emotionale Belastungen verursachte Stress allergische Symptome auszulösen vermag und dass das eben nicht in schuldhaftem Fehlverhalten von Eltern begründet liegt!

Welche Maßnahmen helfen allergischen Kindern und deren Eltern beim Umgang mit psychischen Auswirkungen von Allergien?

Es hilft, Stressfelder zu erkennen und zu bekämpfen!

Die Botschaft an die Eltern lautet deshalb:

 "Sie sollten:

  • Stress reduzieren, wo Sie es können,
  • schauen, wo Konflikte im Umfeld vorhanden sind und wie man diese Konflikte bewältigen kann,
  • lernen, Stress und Konflikte, die Sie nicht ohne weiteres abstellen können, besser auszuhalten, z.B. durch das Anwenden von Entspannungsverfahren wie Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung, Traum- und Phantasiereisen, etc.!"

Herr Dr. Lion, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Lesen Sie auch:

Allergien, Unverträglichkeiten, Psyche? Wenn Menschen "unverträglich" reagieren

Wie wirkt sich eine Nahrungsmitteallergie auf die Lebensqualität aus?

Neurodermitis: Gibt es einen Zusammenhang mit ADHS?

Anaphylaxie – wie gehen Eltern mit den Risiken altersgerecht um?

Informationen und Hilfe im Alltag beim Nussallergie/Anaphylaxie Netzwerk

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden.