Psyche bei allergischen Kindern

Dr. med. Kurt-André Lion, Ärztlicher Leiter Pädiatrische Psychosomatik, Kinder und Jugendklinik Gelsenkirchen.

Allergie: Welche Rolle spielt die Psyche bei allergischen Kindern?

Kinder mit Nahrungsmittelallergien bzw. deren Eltern leiden oft unter Angst und machen auch die Erfahrung, dass ihre Umgebung die Gefahr eines Anaphylaktischen Schocks nicht immer richtig einschätzen kann. Was empfehlen Sie den Eltern in dieser Situation?

Ein anaphylaktischer Schock ist eines der bedrohlichsten Ereignisse in der Medizin, sicherlich nicht nur für Kinder und deren Eltern. Neben fachlich qualifizierter medizinischer bzw. ärztlicher Hilfe (Stichwort: Notfallmedikamente) ist es für das Kind unbedingt wichtig, dass Eltern Ruhe bewahren, was in der Situation eines hochallergischen Geschehens eine der anspruchsvollsten Anforderungen ist, die man sich nur vorstellen kann! Zum einen sind die Eltern in höchster Sorge – sie haben Todesangst um das geliebte Kind. Zum anderen besteht die Empfehlung, einen ruhigen, kühlen Kopf zu behalten. Von daher ist einerseits bei einer bekannten Nahrungsmittelallergie natürlich zunächst dieses Lebensmittel zu meiden. Andererseits – und das gilt auch für alle anderen Allergieformen – sollten Kind und Elternteil täglich Entspannungsverfahren praktizieren, um in stressbehafteten Situationen entspannter zu reagieren und dann auch bei einer möglichweise auftretenden anaphylaktischen Reaktion zumindest eine Nuance entspannter zu sein, als wenn man kein Entspannungsverfahren praktiziert hätte.

Zum Thema "Umgebung": Grundsätzlich darf man mit der Möglichkeit einer Anaphylaxie nicht leichtfertig umgehen. Die Eltern des betroffenen Kindes sollten die Eltern der anderen Kinder unbedingt informieren, z.B. wenn ein Geburtstag ansteht und ihr Kind bestimmte Nahrungsmittel nicht essen darf.

Die beste Art und Weise, die Information über die Krankheit Anaphylaxie und die drohenden Gefahren weiterzugeben, ist, wenn die Eltern des betroffenen Kindes den anderen Eltern den Sachverhalt klar und nüchtern darstellen. Danach sollten sie darauf vertrauen dürfen, dass die anderen Eltern die Empfehlungen umsetzen.

Ein zusätzlicher Stressor entsteht z.B. dann, wenn man als Eltern aus der Angst heraus, dass die anderen Eltern die Anaphylaxie ihres Kindes vergessen könnten, das Thema zu häufig anspricht. Etwaige monatliche Erinnerungsbriefe an alle Eltern wären m.E. zu viel des Guten.

Manche Eltern von Kindern mit Neurodermitis berichten, dass sich das Hautbild ihres Kindes verschlechtert, wenn sie selbst unter Stress leiden. Wie beurteilen Sie dies bzw. wie lässt sich dieses Phänomen erklären?

Erkenntnisse über Spiegelneuronen im Gehirn belegen, dass Emotionen wie Ängste, Sorgen, Nöte, aber auch Stress, den ich bei meinem Gegenüber wahrnehme, durch eben diese Spiegelneuronen, das sind bestimmte Nervenzell-Verbände, in meinem eigenen Gehirn wahrgenommen werden (Stichworte: Sympathie, Empathie). Jedes Elternteil kennt das: Wenn es dem Kind nicht gut geht, spüren das die Eltern bereits durch kleinste Veränderungen ihres Kindes, fast so wie ein Seismograph. Anders herum gilt das genauso: Kindern spüren, erleben, empfinden auch die Stress-Situationen ihrer Eltern, selbst wenn ein Kind vom Alter her verstandesgemäß, d.h. kognitiv, noch gar nicht in der Lage ist, diese Dinge zu verstehen, z.B. im Säuglingsalter.

Heißt das, dass die Eltern allergische Symptome bei ihren Kindern optimieren oder verhindern können, indem sie ihre eigene Stressresistenz optimieren?

Dem kann man so zustimmen! Psychosomatisch-psychotherapeutische Beratung bei Allergien zielt darauf ab, den Eltern zu vermitteln, dass sie nicht passiv bzw. handlungsunfähig und allein auf die Kunst der Ärzte angewiesen sind.

Zu uns kommen die Familien oft mit der Frage: Was können wir, abgesehen von Medikamenten tun, um die Situation für unser Kind zu verbessern? Psychosomatische Medizin gibt diesen Familien gewisse "Instrumente" an die Hand, die, im Alltag eingesetzt, die allergischen Symptome ihres Kindes reduzieren helfen.

Normalerweise kommen Patienten zum Arzt um eine korrekte Diagnose bzw. ein gut wirkendes Medikament zu erhalten, das ihre Beschwerden heilt oder zumindest lindert. Damit ist der Patient in einer eher passiven Rolle und ordnet sich der ärztlichen Kunst des Arztes unter.

Die Psychosomatik hingegen gibt dem Patienten eine aktive Rolle zurück: Sie möchte dem Patient zeigen, was er alles kann! Wir wollen ihn stärken und damit sein Selbstwertgefühl, seine Handlungsfähigkeit, seine Selbstregulation und seine Selbstwirksamkeit. Wir haben festgestellt, dass Patienten mit Allergien schneller gesund werden und weniger leiden, wenn man diesen psychosomatischen Ansatz wählt.

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