Psyche bei allergischen Kindern

Dr. med. Kurt-André Lion, Ärztlicher Leiter Pädiatrische Psychosomatik, Kinder und Jugendklinik Gelsenkirchen.

Allergie: Welche Rolle spielt die Psyche bei allergischen Kindern?

In welcher Form kann sich die Psyche bei Allergien negativ bemerkbar machen?

Die Bereitschaft, auf ein Allergen überschießend zu reagieren und Symptome zu entwickeln, wird durch Stress dramatisch begünstigt. Das heißt: Je mehr Stress vorliegt, desto schlimmer sind die allergischen Symptome. Psychische Belastungen wie Ängste, Sorgen, Erschrecken, u.s.w. führen zwangsläufig zu Stress.

Wie unterscheiden Sie zwischen "gesunden" und "ungesunden" psychischen Auswirkungen einer Allergie?

"Gesunde" und "ungesunde" psychische Auswirkungen? Das ist in der Psychosomatik nicht die entscheidende Frage. Viel wichtiger ist die Betrachtung, wie ein Mensch mit den vorliegenden Belastungen und Stressoren umgehen kann: Je kompetenter, handlungsfähiger und sicherer sich der Betreffende in stressbehafteten Situationen fühlen kann, desto geringfügiger sind allergische Symptome bis schließlich zu einer Ausheilung! Und man muss sich vor Augen führen, dass Stress zunächst körperliche Symptome in den Hintergrund drängt. In extrem stressbehafteten Situationen sieht man die allergische Reaktion i.d.R. erst nachdem die Stress-Spitze vorüber gegangen ist. Daraus resultiert, nicht die Frage "Was hast Du nur für einen Stress?" zu stellen, wenn die Symptome aktuell auftreten. Vielmehr muss die Frage heißen: "Was hast Du kurz zuvor für einen Stress erlebt, mit dem du nicht umgehen konntest?"

Woran erkennen Eltern allergischer Kinder, dass sie ärztliche Hilfe benötigen?

Eltern sind dann gut beraten, den Arzt aufzusuchen, wenn sie sich allein nicht mehr weiter helfen können. Fragen nach Stressoren beim Kind und in der Familie - denn was die Familie stark belastet, muss zwangsläufig auch das Kind belasten - kann man oft genug zunächst mit dem heimischen Kinderarzt besprechen. Sucht man darüber hinaus fachliche Hilfe im Zusammenhang von somatischen, d.h. körperlichen, Beschwerden im Hinblick auf psychische Belastungsfaktoren, so helfen psychosomatisch geschulte und fachkundige Ärzte gerne weiter.

Heißt das, dass Allergien einem Menschen, der eine gewisse Robustheit gegenüber Stressfaktoren an den Tag legt "nichts anhaben können"?

Die Wahrscheinlichkeit, eine Allergie zu bekommen, ist in der Tat geringer, wenn man auf Stress und Belastungen relativ gelassen zu reagieren vermag. Dies gilt auch für das Auftreten von Allergiesymptomen bei einer bereits bestehenden Allergie.

Ein Beispiel: Nach einem Vortrag zu diesem Thema sprach mich ein Zuhörer an und erzählte mir ein Erlebnis, das den Einfluss der Psyche auf das allergische Geschehen sehr gut verdeutlicht. Dieser Mann war hochallergisch auf Orangen. Bei einer Betriebsfeier, bei der er u.a. Alkohol konsumiert hatte und einen leichten Schwips aufwies, griff er versehentlich nach dem falschen Glas und trank ein ganzes Glas Orangensaft. Und: Es passierte nichts! Plakativ gesagt und etwas verkürzt dargestellt: Je entspannter man ist bzw. je unaufgeregter man auch auf Belastungen und Stressfaktoren reagiert, desto weniger wahrscheinlich ist die Entwicklung einer Allergie bzw. das Auftreten allergischer Symptome.

U.U. kann es sogar sein, dass allein die Erwartung einer allergischen Reaktion die befürchteten Symptome auslöst. Beispiel: Ein Birkenpollenallergiker weiß, dass die Zeit des Birkenpollenflugs naht. Er liest am frühen Morgen in der Zeitung, dass, ab z.B. 15.30 Uhr, mit massivem Birkenpollenflug zu rechnen ist und erhält die Ratschläge, nicht nach draußen zu gehen, die Fenster zu schließen und sich, falls man sich bereits im Freien aufgehalten haben sollte, zu duschen, die Haare zu waschen und die Kleider zu wechseln, um eventuelle Pollen zu entfernen. In dieser Situation wird es viele Betroffene geben, die bereits nach dem Lesen der Zeitungsmeldung mit einer laufenden Nase reagieren, obwohl der massive Pollenflug noch gar nicht eingesetzt hat. Manchmal reicht schon die negative Erwartung aus, um Symptome auszulösen. Grundsätzlich gilt: Je mehr Angst die Betroffenen vor ihrem Allergen haben, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass die allergische Reaktion auch auftreten wird.

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