Allergischer Marsch eingreifen

Prof. Dr. Ulrich Wahn, pädiatrischer Pneumologe und Allergologe an der Charité in Berlin

Allergischer Marsch: Gibt es Indikatoren und wo kann man eingreifen?

Gibt es für den Patienten selbst bzw. die Eltern eine Möglichkeit zu erkennen, dass sich ein Allergischer Marsch anbahnt bzw. ein Allergierisiko besteht?

Eine Risikoabschätzung für den Patienten ist, wie bereits erwähnt, über die Vorbelastung der Eltern und evtl. die der Geschwister möglich. Im Zusammenhang mit dem Allergischen Marsch geht es in erster Linie um Allergisches Asthma, Allergische Rhinitis und Neurodermitis und hier kann man sagen, dass sich aus dem Phänotyp, d.h. dem Erkrankungstyp der Eltern und der Geschwister, zumindest eine intelligente Risikoabschätzung ableiten lässt, wenn auch keine Einzelfallprognose.

Auch die Ergebnisse einer aktuellen deutschen multizentrische Atopiestudie, die eine Geburtskohorte bereits über 20 Jahre verfolgt und an der auch Prof. Paolo Matricardi von der Charité in Berlin beteiligt ist, bestätigt dies. Hier hat man herausgefunden, dass kein anderer Faktor ein höheres Gewicht für eine Atopie-Prognose darstellt als der Faktor "Eltern".

Wie hoch ist dieses Risiko für ein Kind atopischer Eltern, ebenfalls Allergien zu entwicklen?

In der Gesamtbevölkerung besteht ein Atopierisiko von ca. 15 Prozent. Sind Vater und Mutter gleichzeitig von Allergien betroffen, steigt das Atopierisiko für das Kind auf ca. 60 Prozent. Der Unterschied ist mit dem Faktor vier schon enorm.

Biomarker sollen bei der Früherkennung eine Rolle spielen, inwiefern und welches Gewicht ist dem beizumessen?

Das Immunglobulin E ist der Biomarker schlechthin für den Allergologen. Es gibt zwar noch viele andere Immunfunktionen, die wir untersuchen können, aber keine hat die Bedeutung des Serum IgE. Dabei ist es wichtig, zu wissen, dass dieses Serum IgE nicht vom mütterlichen Blutkreislauf in den Blutkreislauf des ungeborenen Kindes übergeht. Im Gegensatz zu anderen Antikörpern, die beim Ungeborenen Immunschutz vermitteln, kann das IgE die Plazenta nicht überqueren.

Schon in den 90er Jahren haben wir diese Mechanismen sehr gründlich und strukturiert untersucht, mit einer Studie an den Kindern einer deutschen Geburtskohorte, an der über tausend Babies aus München, Freiburg, Mainz, Düsseldorf und Berlin beteiligt waren. Dafür haben wir den Kindern regelmäßig in jährlichem Abstand Blutproben entnommen.

Hier hat sich gezeigt, dass Biomarker auf Nahrungsmittel im Säuglingsalter zuerst erkennbar sind, insbesondere auf Kuhmilch und Hühnerei. Dieses Signal in den ersten Lebensmonaten ist ein Prädiktor, d.h. ein Prognosefaktor, für die IgE-Antworten, die in den folgenden Jahren kommen.

Jahre später können dann andere IgE-Antworten, also Allergien, auftreten. Hauptsächlich sind es Pollenallergien, in Deutschland hauptsächlich auf Birkenpollen oder Gräserpollen, oder Allergien auf Hausstaubmilben bzw. Tierhaare, hier insbesondere Katzenhaare.

In einer aktuellen Arbeit, an der u.a. Prof. Matricardi, Frau Dr. Laura Hatzler, ebenfalls Charité und ich beteiligt waren, konnten wir zeigen, dass diese Biomarker bei den Kindern bereits Jahre vor dem ersten Auftreten allergischer Symptome erkennbar sind.*) Das heißt, man kann z.B. bei einem Kind, dass zwischen dem fünften und zehnten Geburtstag einen Heuschnupfen bekommt, schon um den zweiten Geburtstag herum sehen, dass sich die Biomarker gegen einzelne Birkenpollenmoleküle oder Graspollenmoleküle entwickeln. Das Immunsystem begibt sich also schon lange vor den ersten Symptomen der Allergie auf den Allergischen Marsch!

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