Antibiotika Allergie

Prim. Univ.-Prof. Dr. Karl Zwiauer, St. Pölten, Leiter der Kinder- und Jugendabteilung im Landesklinikum St. Pölten

Welcher Zusammenhang besteht zwischen Antibiotika und Allergien?

Wie ist die Studienlage zum Thema Antibiotika und Allergien generell zu beurteilen?

Es gibt eine Fülle von Studien, die den Zusammenhang von Antibiotika und Allergien beschreiben und auf Grund von epidemiologischen Daten eine Hypothese in Bezug auf die Kausalität aufstellen. Diese Studien sind jedoch überwiegend retrospektiv, d.h. sie werden erst im Nachhinein auf bestehende Studien aufgesetzt. Prospektive Studien, die von Beginn an die Untersuchung dieser Zusammenhänge verfolgen, gibt es nur wenige.

In einer der ersten retrospektiven Studien zum Zusammenhang zwischen Antibiotika und Allergien hat man Kinder, die Steiner Schulen besucht haben, mit Kindern verglichen, die an staatlichen Schulen unterrichtet wurden. Hier zeigte sich, dass die "Steiner-Kinder" aufgrund des anthroposophischen Ansatzes der Schulen deutliche seltener Antibiotika verabreicht bekamen und auch deutlich seltener an Allergien erkrankten. Man konnte auch sehen, dass die Kinder, die am seltensten mit Antibiotika behandelt worden waren auch am seltensten an Asthma erkrankten.

Es gibt auch einige prospektive Studien zum Zusammenhang von Allergien und Antibiotika. Diese Studien haben dann allerdings nur ganz geringe Kausalitäten zwischen Antibiotika und dem Auftreten von z.B. Asthma gezeigt. Die Zusammenhänge waren sogar so gering, dass sie statistisch nicht mehr relevant waren.  

Wie erklärt sich diese Diskrepanz zwischen den Ergebnissen der retrospektiven und den prospektiven Studien?

Diese Vorgehensweise, also zuerst Hypothese, dann retrospektive Studien und dann prospektive Studien, ist in der evidenzbasierten Medizin üblich. Man entwickelt zunächst eine Hypothese und schafft dadurch Awareness, d.h. Aufmerksamkeit. Oft können dabei nicht alle relevanten Faktoren berücksichtigt werden. Man versucht dann zunächst, die Hypothese retrospektiv an unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu verifizieren. Erst dann startet man prospektive Studien, die vermutete Zusammenhänge in der Zukunft untersuchen und deutlich mehr Faktoren berücksichtigen.

Wie sind diese Studien-Erkenntnisse in Bezug auf einen Zusammenhang von Antibiotikagaben und dem Entwickeln von Allergien zu bewerten?

Aus medizinischer Sicht sprechen gewisse Gründe für einen Zusammenhang zwischen Antibiotikagaben im Säuglings- und Kleinkindalter und allergischen Erkrankungen. Es gibt gute medizinische Plausibilitäten dafür, denn durch virale und bakterielle Erkrankungen werden im Körper die gleichen Zellen verstärkt, die den Körper letztendlich auch vor Allergien schützen. Man muss sich das vorstellen wie ein Training des Immunsystems – je mehr Infekte man übersteht umso seltener wird man allergische Erkrankungen entwickeln. Wird dieser Prozess durch die Gabe von Antibiotika unterbrochen, bleibt der Trainingseffekt aus und die Anfälligkeit für allergische Erkrankungen steigt – das Immunsystem ist quasi "untrainiert".

Das Fazit: Es ist davon auszugehen, dass Antibiotikagaben in der Schwangerschaft und im ersten Lebensjahr wohl tatsächlich das Risiko erhöhen, allergische Erkrankungen zu entwickeln. Allerdings handelt es sich hierbei wohl nur um ein Mosaiksteinchen. Antibiotika sind nicht der einzige Faktor, der das Entstehen von Allergien begünstigt und wahrscheinlich auch nicht der wesentlichste Faktor, denn das Risiko steigt durch Antibiotika nur um 10 bis 15 Prozent, was angesichts der Gesamtpopulation nicht ausschlaggebend ist.

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