Allergiepatienten in Deutschland dramatisch unterversorgt

Deutschlands Allergologen sind sich einig: Bei der Behandlung von Menschen mit allergischen Erkrankungen besteht in Deutschland ein dramatisches Therapiedefizit. Nur jeder 20. Asthmatiker und etwa jeder 14. Heuschnupfen-Patient erhält eine ursächliche Therapie durch eine sogenannte Hyposensibilisierung. Diese Zahlen sind das Ergebnis einer im Dezember 2012 abgeschlossenen Studie, die unter der Leitung von Gesundheitsökonom Prof. Dr. Jürgen Wasem von der Universität Duisburg-Essen durchgeführt wurde. Die Studienergebnisse stehen im Mittelpunkt des 8. Deutschen Allergiekongresses, der am Donnerstag unter dem Motto "Allergie und Umwelt" im RuhrCongress Bochum eröffnet wird.

allergiekongress in bochumDer Schwerpunkt "Allergie und Umwelt" und die Ergebnisse der Duisburger Versorgungsstudie geben dem Kongress besondere Brisanz. In den vergangenen Jahren ist die Anzahl allergischer Erkrankungen, insbesondere in den westlichen Industriestaaten, gestiegen. Das gilt für Heuschnupfen genauso wie für atopische Ekzeme (Neurodermitis) und für Asthma bronchiale. "Gerade beim Asthma bronchiale ist neben der Zunahme der Allergiehäufigkeit auch eine Zunahme des Schweregrades der Erkrankungen zu verzeichnen", so die Kongresspräsidenten Prof. Dr. Eckard Hamelmann, Direktor der Universitätskinderklinik Bochum und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI) und Prof. Dr. Monika Raulf-Heimsoth, Leiterin des Kompetenz-Zentrums Allergologie – Immunologie des Institutes für Prävention und Arbeitsmedizin der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IPA) an der Ruhr-Universität Bochum.

Umweltfaktoren spielen eine Rolle

Frau Prof. Raulf-Heimsoth wies darauf hin, dass es zunehmend deutlicher werde, dass neben genetischen Faktoren, Ernährung und Lebensstil auch Umweltfaktoren wie Außenluftschadstoffe, Innenraumbelastungen und Exposition am Arbeitsplatz eine Rolle spielten. Wie groß der Anteil dieser einzelnen Faktoren sei und inwieweit sie sich gegenseitig beeinflussen, verstärken bzw. einzelne Wirkungen vermindert werden, sei jedoch noch weitgehend unklar. Als Beispiel für den Einfluss veränderter Umweltbedingungen bzw. Lebensgewohnheiten nannte Prof. Hamelmann China. In diesem Land, das in den letzten Jahren einen dramatischen Anstieg einer Urbanisierung durchlebt habe, zeige sich eine rasante Zunahme von allergischen Erkrankungen wie Asthma und Nahrungsmittelallergien.

Welche Rolle dabei Verkehrsemissionen wie Feinstaub, Innenraumbelastungen, Schadstoffe am Arbeitsplatz oder der Klimawandel spielen, wird in Seminaren und Workshops des Kongresses diskutiert. Prof. Dr. Eckard Hamelmann: "Allergien sind zur Volkskrankheit geworden. Obwohl jeder fünfte Mensch im Laufe seines Lebens von einer allergischen Erkrankung betroffen ist, wird das Risiko einer Allergie vielfach bagatellisiert – sowohl von den Betroffenen oder ihren Angehörigen als auch von den behandelnden Medizinern." Erschrecken sei auch, dass jedes Jahr über 5000 Menschen an Asthma sterben.

Daten von 40 Millionen Versicherten ausgewertet

Diese Position wird durch die Ergebnisse der Duisburg-Essener Versorgungsstudie gestützt. Im Auftrag des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen (AeDA) wertete Prof. Dr. Jürgen Wasem, Universität Duisburg-Essen, die Daten von 40 Millionen Versicherten der gesetzlichen Krankenkassen hinsichtlich der Behandlung von Allergien aus. Untersucht wurden die Abrechnungsziffern, die bei den Themen Allergie und Asthma zur Abrechnung bei der Krankenkasse eingereicht wurden. AeDA-Vizepräsident Prof. Dr. Ludger Klimek, Wiesbaden: "Das Ergebnis bestätigt für uns eine dramatische Unterversorgung von Allergikern in Deutschland mit der einzig ursächlich wirksamen Therapie. Das gilt vor allem für die Allergie-Impfung, die von der Weltgesundheitsorganisation WHO und den nationalen Leitlinien empfohlen wird, um eine Asthmaentwicklung zu verhindern." Die Rede ist von der Spezifischen Immuntherapie (SIT) durch die in der überwiegenden Anzahl der Fälle eine Entwicklung von der Allergischen Rhinitis zum Allergischen Asthma verhindert werden kann. Die Gründe für die Unterversorgung seien vielfältig, so Prof. Dr. Klimek. Zu nennen sei u.a. ein schlechtes Honorarsystem, die Furcht vor Arzneimittel-Regressen, die Zersplitterung der Allergologie auf verschiedene Facharztgruppen sowie die wegen der demografischen Entwicklung sinkende Zahl allergologisch behandelnder Ärzte.

Als Beispiel für eine funktionierende Allergieprävention nannte Prof. Hamelmann Finnland. Dort habe man vor Jahren eine nationale Kampagne zur Bekämpfung von Allergien und Allergischem Asthma gestartet, mit der es gelungen sei, der negativen Entwicklung gegenzusteuern.

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