Allergiefalle Großstadt Allergiegefahren Stadt

Prof. Jeroen Buters, Lehrstuhl für molekulare Allergologie am Zentrum Allergie & Umwelt der Technischen Universität München und Helmholtz Zentrum München zur "Allergiefalle Großstadt"!

Allergiefalle Großstadt – wo lauern Allergiegefahren in der Stadt?

Es ist eine Tatsache, dass Allergien zunehmen. Das gilt für alle westlich orientierten Länder, insbesondere für die angelsächsischen Länder. In den USA, Australien, Neuseeland und in England, aber auch in Skandinavien sind die Allergikerzahlen sehr hoch. Die Anzahl der von Allergien Betroffenen steigt aber auch in Deutschland, insbesondere in den Städten steigen die Allergikerzahlen. Wodurch steigt das Allergierisiko in der Stadt? Welche Faktoren begünstigen Allergien? MeinAllergiePortal sprach im Rahmen der Veranstaltung „Allergologie im Kloster“ mit Prof. Jeroen Buters, Lehrstuhl für molekulare Allergologie am Zentrum Allergie & Umwelt der Technischen Universität München und Helmholtz Zentrum München über die "Allergiefalle Großstadt" und wo die Allergiegefahren in der Stadt lauern?

Herr Prof. Buters, warum macht uns unser moderner Lebensstil so anfällig für Allergien?

Teil des Problems ist der „Western Lifestyle“ und, damit verbunden, ein viel zu hygienisches Umfeld. Menschen, die in den westlich orientierten Ländern leben, leben einfach „sauber“.

Damit ist nicht gemeint, dass man sich zu oft die Hände wäscht. Vielmehr geht es um den Kontakt des Immunsystems mit echten Feinden, wie z.B. Parasiten. Würmer waren in früheren Zeiten z.B. sehr häufige Parasiten beim Menschen. Heute kommen sie so gut wie nicht mehr vor.
Hinzu kommt, dass wir in warmen Wohnungen leben, keimfreie industriell gefertigte Lebensmittel essen und sauberes Trinkwasser trinken. Viele Menschen, insbesondere in Großstädten, haben keinen Kontakt mehr mit Erde und Schmutz und kommen mit Bakterien kaum noch in Berührung.
In einer Studie im finnisch-russischen Grenzgebiet hat man das Auftreten von Allergien untersucht. Während in Finnland 33 Prozent der Menschen von Allergien betroffen sind, sind in Russland Allergien eher selten. Man geht davon aus, dass ein Grund dafür die in den beiden Ländern sehr unterschiedliche Bakterienvielfalt sein könnte. In Russland ist diese Bakterienvielfalt in Trinkwasser und Hausstaub deutlich größer, als beim finnischen Nachbarn.

Das Leben auf dem Lande ist im Hinblick auf Allergien also „gesünder“ als das Großstadtleben?

Zumindest unterscheidet sich das Allergierisiko von Stadt- und Landbewohnern deutlich. Stadtbewohner tragen ein hohes Risiko, an Allergien zu erkranken. Aber: Ein Umzug ins Dorf halbiert dieses Allergierisiko bereits.

Geradezu allergiepräventiv wirkt der häufige Aufenthalt in einem Kuhstall von frühster Kindheit an. In einem Kuhstall scheinen bestimmte Bakterien vorzukommen, die in Bezug auf Allergien protektiv zu wirken scheinen.

Sie erwähnten, dass den modernen Menschen der Kontakt zu Erde und Schmutz fehlt – schützt dieser denn auch vor Allergien?

Der Kontakt zur Erde scheint ein wichtiger Faktor zu sein, denn es gibt eine Korrelation zwischen dem steigenden Verbrauch von Asphalt und der Zunahme von Allergien.

Letztendlich ist es  die Vielfalt der Bakterien im Darm oder auf der Haut, die beim Schutz vor Allergien eine Rolle spielt, nur wo kommen die Bakterien her? Wahrscheinlich aus der Erde!

Zurück zur Stadt: Welche Faktoren begünstigen hier die Entstehung von Allergien?

Ein zentraler Faktor ist die Luftverschmutzung. Zwar hat die Luftverschmutzung generell in den letzten Jahren abgenommen. Diese Aussage bezieht sich jedoch auf Partikel der Größe PM 10. Damit sind Partikel gemeint, die 10 µm groß sind, d.h. sie sind relativ groß. Tatsache ist, dass man in deutschen Städten heute deutlich weniger PM 10 misst als in der Vergangenheit. Ebenso haben der Schwefel- und Ozongehalt der Luft deutlich abgenommen.

Aber: Die Anzahl der kleineren Partikel der Größe PM 2,5 in der Luft hat nicht in gleichem Maße abgenommen, wie die PM 10-Partikel. Ultrafeine Partikel sind Verbrennungsendprodukte von Automotoren und werden durch technischer Innovationen immer kleiner. Weil sie so klein sind  dringen sie deutlich tiefer ins Lungengewebe ein als die PM 10 Partikel. Noch kleiner Partikelgrößen wie PM 1 werden z.B. auch gar nicht gemessen.

Untersuchungen an Mäusen und Menschen haben gezeigt, dass Feinstaub aus ultrafeinen Partikeln die Allergieentstehung stimuliert, bei Allergenkontakt in Kombination mit ultrafeinem Feinstaub steigt daher das Allergierisiko bei Mäuen und Menschen.

Ähnlich ist die Lage im Hinblick auf die Ozonwerte. Zwar sind diese in den letzten Jahren in den Städten gesunken, der Anteil der Stickoxide sank jedoch nicht in gleichem Maße.

Auch für Stickoxide konnte man in Studien nachweisen, dass sie die Entstehung von Allergien begünstigen. Z.B. steigt durch Stickoxide bei Menschen, die an stark befahrenen Straßen leben, das Risiko, an Asthma zu erkranken.

Welche Maßnahmen müsste man ergreifen, um die allergiefördernd wirkende Kombination von Feinstaub und Allergenen in Großstädten zu unterbinden?

Zum einen müsste man, zusätzlich zu den bestehenden Kriterien, neue Kennzahlen zur Beurteilung der Luftqualität etablieren, also Feinstaubparameter wie PM2.5, PM1 oder „carbon black“. Auch sollten andere Luftverschmutzer, wie z.B. Heizungen, die 33 Prozent der Umweltverschmutzung verursachen und Off road-Motoren wie Baumaschinen, stärker in den Fokus rücken. Dabei sollte man die gesetzlichen Normen  nicht nur am Prüfstand einhalten müssen, sondern auch im Normalbetrieb,  außerhalb des Prüfstandes.

Wie löst man das Problem der zu hohen Hygienestandards?

Dieses Problem löst man recht leicht, z.B. indem die Kinder häufiger draußen in der Natur spielen, anstatt sich  wie typische Couch Potatoes zu verhalten. Weniger Computerspiele würden auch helfen!

Welche weiteren Allergiegefahren bestehen in Städten, z.B. durch allergene Pflanzen?

Das ist unterschiedlich. Alle allergenen Pflanzen zu entfernen wäre nur bedingt hilfreich, andererseits wäre es aber auch eine schlechte Idee, gezielt allerge Pflanzen anzupflanzen. Variabilität ist der Schlüssel!

Welche Weichenstellungen müsste die Politik vornehmen, um eine Allergieepidemie zu verhindern?

Um eine Allergieepidemie zu verhindern, wäre ein staatlich gefördertes und kontinuierliches Pollenmonitorsystem die effizienteste Lösung. Zudem müsste man die Luftqualität in den öffentlichen Räumen, wie z. B. Schulen verbessern und, wie gesagt, die Kinder einfach mehr nach „draußen“ schicken.

Herr Prof. Buters, herzlichen Dank für dieses Interview!

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